07.04.2020 - 16:36 Uhr
Aschach bei FreudenbergOberpfalz

Pendeln trotz Corona: Volle Wagen und leere Schienen

Das Coronavirus hat die Fahrpläne der Deutschen Bahn befallen. Ausgerechnet in den Stoßzeiten morgens und abends fallen die Züge von Amberg nach Nürnberg aus. Eine frustrierte Pendlerin berichtet, was sie auf der Fahrt erlebt.

Langes Warten auf Gleis 2: Die Deutsche Bahn macht den Pendlern nach Nürnberg derzeit das Leben schwer.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Montagfrüh, 7:25 Uhr, Bahnhof Amberg, RE 3594. Für Doris Hinkofer sind diese Daten so selbstverständlich wie für andere der Kaffee am Morgen. Zur Routine geronnene Zahlen. Um halb acht geht ihr Zug nach Nürnberg, seit Jahrzehnten. Drei Tage in der Woche arbeitet sie für ein Immobilienunternehmen. An einem kalten Märzmorgen steht sie nun an Gleis 2 des Amberger Bahnhofs. Kein Zug. Fahrt entfällt, heißt es. Nicht so schlimm, denkt sie sich. In einer halben Stunde geht der nächste. Aber auch dieser Zug fällt aus.

So wie Doris Hinkofer ergeht es an diesem Tag vielen Ambergern, sie alle pendeln mehrere Tage in der Woche nach Nürnberg, um zu arbeiten. Die Züge fahren zu den Stoßzeiten, in der fränkisch-oberpfälzischen Rush-Hour, eigentlich im Halbstunden-Takt. Dasselbe gilt für den frühen Abend nach Dienstschluss. Seit diesem Morgen Ende März ist es anders. Die Deutsche Bahn hat gleich beide Züge, die für Pendler nach Nürnberg so elementar waren, gestrichen. Der nächste ginge um halb neun. Fahrtzeit: 53 Minuten. "Was soll das bringen, wenn man um neun schon arbeiten muss?" echauffiert sich Doris´ Ehemann Bernd. "Ich sehe da einfach keinen Sinn dahinter." Sie habe schon Verständnis dafür, sagt Doris Hinkofer, dass der Zugverkehr in Zeiten von Corona und Ausgangsbeschränkung reduziert werden muss, "aber doch nicht in der Zeit, in der wir pendeln müssen".

Halbierte Züge

Corona hat also auch die Fahrpläne der Deutschen Bahn befallen und ausgedünnt. Aber es ist nicht nur der Rhythmus der Züge nach Nürnberg, auch deren Länge hat sich verändert. In der Zeit vor Corona kamen stets vier Waggons in Nürnberg an – zwei davon fuhren über Amberg und vereinigten sich in Neukirchen mit den restlichen beiden. Jetzt gibt es nur noch zwei, von denen der eine über Amberg, der andere über Weiden fährt. Was Doris Hinkofer in dem einen verbleibenden Waggon erlebt, lässt jeden gesundheitsbewussten Menschen derzeit erschaudern. Der verkürzte Zug sei zwar nicht überfüllt, zumindest nach Prä-Corona-Maßstäben. Den empfohlenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern einzuhalten, sei aber völlig illusorisch. Wenn man Glück habe, sei ein Meter möglich.

Pünktlicher als sonst: In der Coronakrise schaut die Bahn genau auf die Uhr

Deutschland & Welt

"Niemand setzt sich nebeneinander auf einen Doppelsitz, auf Viererplätzen sitzen sich meistens zwei Leute schräg gegenüber", berichtet Hinkofer. Das bedeutet: Dort, wo eigentlich sechs Personen bequem Platz fänden, kann und will aktuell nur die Hälfte sitzen. Der Rest? Steht in den Gängen, Einstiegsbereichen und vor den Toiletten. Sicherheitsabstand nach Augenmaß. "Beim Umsteigen laufen die Leute trotzdem so nah aneinander vorbei, dass ich Angst haben muss, mich anzustecken", so Hinkofer. Schals und Mäntel dienen als provisorische Gesichtsmaske. "Da müsste ich mich eine dreiviertel Stunde mit Desinfektionsmittel einnebeln, um sicher zu sein. Hätten wir noch die zwei Waggons, wäre für jeden mehr Platz", schimpft sie, "im Fernsehen heißt es immer: Haltet Abstand! Und dann kommt so ein Zeug."

"Das verläuft im Nirwana"

Ihr Mann hat sich schon bei mehreren Stellen beklagt. Bürgertelefon, Ordnungsamt, Polizei. Niemand fühlt sich zuständig. Für den Fahrplan verantwortlich sei schließlich die Deutsche Bahn selbst. "Da brauche ich gar nicht anrufen", sagt Doris, "das verläuft im Nirwana." Schon vor Jahren habe sie es aufgegeben, Beschwerde einzureichen. "Ich fahre seit 30 Jahren mit der Bahn. Da kann ich eher mit der Wand reden, die versteht mich mehr als die." Ihr Arbeitgeber ist immerhin einverstanden, dass sie etwas früher geht, um ihren Zug zu erwischen, den um halb fünf. Ihr Standard-Zug um halb sechs, den fast alle Amberger Pendler nutzen: gestrichen.

Gegenüber der Amberger Zeitung äußerte sich die Deutsche Bahn so: Man versuche derzeit, den Erfordernissen von Fahrplan, Hygiene, Unternehmen und Pendlern gerecht zu werden. „Das klappt nicht immer zu hundert Prozent“, sagt ein Sprecher der Bahn. Oberstes Ziel sei, den Kunden einen verlässlichen Grundfahrplan anbieten zu können, „vor allem für jene, deren Dienst gerade unverzichtbar ist“. Doris Hinkofer wird also noch eine Weile mit ausgedünntem Fahrplan leben müssen.

Info:

Bus statt Bahn

Auch das noch. In der Woche vom 6. bis einschließlich Ostersonntag, den 12. April, müssen Bahnfahrer nach Nürnberg einen Schienenersatzverkehr nutzen. Der Grund: Zwischen Neukirchen und Hartmannshof wird an den Gleisen gearbeitet. Deshalb steht ein Bus bereit, der Fahrgäste bis Hartmannshof oder auch Hersbruck bringt. Von dort fährt die S-Bahn Nürnberg bis zum Hauptbahnhof. Die Fahrtzeit verlängert sich entsprechend um bis zu eine Stunde.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Videos aus der Region

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.