25.08.2020 - 10:54 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Im stillen Grenzwald von Bad Neualbenreuth die Sinne schärfen

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Beate Ott und Michael Rückl sind Waldgesundheitstrainer. Nach einer Zwangspause wegen Corona bieten sie nun Waldschnuppern und Waldgesundheitstraining in Bad Neualbenreuth an.

Michael Rückl und Beate Ott sind nun offiziell die Waldgesundheitstrainer für Bad Neualbenreuth und das Sibyllenbad. Gemeinsam haben sie eine erste Wegstrecke ausfindig gemacht, auf der das Training stattfinden wird.
von Ulla Britta BaumerProfil

Gleich gegenüber des ehemaligen Egerer Waldhäusls auf dem Wanderparkplatz ist der Startplatz eines neuen Abenteuers. Anders als bei aufregenden Freizeitgaudis steht im Mittelpunkt der Geschehnisse aber die Stille des Waldes. Was die Teilnehmer eines Waldgesundheitstrainings oder beim Waldschnuppern erleben, hat nichts mit Action zu tun. Dafür mit Ästhetik, Naturverbundenheit, Achtsamkeit und Wellness für die Sinne. Und es hat mit Schweigen zu tun. Was jedem gut tut, man muss es nur ausprobieren.

Alles auf Anfang: „Waldgesundheitstraining“ ist das Schlüsselwort, das die Runde macht, besonders in den Gegenden mit Heilbädern. Im waldreichen Land Bayern hat sich Bad Neualbenreuth für ein Pilotprojekt in Sachen Waldgesundheit beworben und im vergangenen Jahr den Zuschlag bekommen.

Seminare des Kneippärztebunds

„Wir sind wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen“, lacht Michael Rückl. Der 49-jährige Arzberger und Beate Ott (54) aus Bad Neualbenreuth durften die Gunst der Stunde nutzen und im Auftrag des Markts Bad Neualbenreuth in Bad Wörishofen eine Ausbildung zum Waldgesundheitstrainer machen. Veranstalter dieser Seminare sind der Kneippärztebund Bad Wörishofen und die Ludwig-Maximilians-Universität München unter Leitung von Professor Angela Schuh.

Das war im Dezember 2019. „Wir stellten uns dann Anfang 2020 mit einem Vortrag erstmals vor. Die Resonanz war sehr groß“, erzählt Beate Ott. Wie so vieles stoppte Corona dann den Tatendrang der frisch ausgebildeten Waldgesundheitstrainer. Die Praxis musste warten.

Ausbildung der Waldgesundheitstrainer

Bad Neualbenreuth

Erst im Juli konnten Michael Rückl und Beate Ott eine Präventionsgruppe aus dem Sibyllenbad in den Wald führen. Aufgefallen sei ihnen bei dieser Premiere, dass nicht alle auf Anhieb schweigsam sein können. Auch seien die Reaktionen auf den dreistündigen Waldaufenthalt unterschiedlich gewesen, erzählen Ott und Rückl. Einige Teilnehmer seien sofort offen dafür gewesen, andere anfangs zurückhaltend.

Stichwort „Aufenthalt“: Waldgesundheit ist mehr ein Aufhalten im Wald als eine intensive Wanderung. In den drei Stunden werden nur drei Kilometer zurückgelegt „Wir bleiben immer wieder stehen und machen Übungen“, erklärt Beate Ott. „Man kann Bäume umarmen, muss man aber nicht“, fügt Michael Rückl lachend an. Er möchte dem Waldgesundheitstraining den ihm anhaftenden esoterischen Touch nehmen. Damit habe das nichts zu tun.

Handys bleiben aus

Erwünscht ist es dennoch während des Trainings, sich an einen Baum zu lehnen, seine Rinde zu ertasten, Gegenständen aus dem Wald in die Hand zu nehmen, um ihre Struktur zu spüren, die Gerüche aufzunehmen. Mit allen Sinnen sollen die Teilnehmer die Düfte, Geräusche und Besonderheiten der Natur erfahren. Eine der wichtigsten Übungen ist das Schweigen. Handys müssen ausgeschaltet sein oder noch besser im Auto bleiben. „Es reicht nicht, einfach nur auf stumm zu schalten“, weiß Rückl aus einer Studie. Es sei erwiesen, dass nur ausgeschaltete Handys den Drang zum ständigen Draufschauen mildern.

Zu Demonstrationszwecken, wie Waldgesundheitstraining geschieht, gehen Rückl und Ott ein Stück der Wegstrecke entlang. Auf samtweichen Moosteppichen läuft es sich wie auf Wolken. Aber Achtung: Für Stöcklschuh-Trägerinnen ist das absolut "out". Festes Schuhwerk und geeignete Kleidung müssen sein. Das Training sei für Leute, die gut zu Fuß unterwegs sind, betont Rückl. „Wir wollen aber schon im Herbst auch etwas für Senioren anbieten“, lässt Ott anklingen.

Enge Beziehung zur Natur

Über umgefallene Baumstämme hinweg führt der Weg tief in den Wald. Kurz zuvor hat es geregnet. Das dichte Astwerk der Nadelbäume breitet sich aus wie eine frischgrüne Mauer aus Natur. Wenige Meter von der Straße entfernt herrscht eine geradezu spürbare Ruhe. Aber warum braucht es in einer Region, wo nahezu alle direkt am Wald wohnen, ein Waldgesundheitstraining? Das habe mit bewusster Wahrnehmung zu tun, erklären Rückl und Ott. In der engen Beziehung zur Natur könne man sich selbst wieder spüren und Auftanken. Es sei ein Unterschied, im Wald spazieren zu laufen oder in den Wald zu gehen, um ihn zu erleben. „Selbst für mich ist es immer wieder ein Erlebnis, wenn ich nach einem stressigen Arbeitstag hierher eile und dann den Wald betrete“, schildert Rückl, der selbst, auch als Wanderführer und privat, täglich draußen unterwegs ist.

Bei einer Felsengruppe gibt die Lichtung Raum frei für Sonneneinstrahlungen. Wie Gold schimmert das auf den moosbewachsenen Steinen. Ein Ort zum Schweigen und um die Walddüfte intensiv zu erschnuppern. Es sei noch nicht wissenschaftlich erwiesen, erklären die beiden Trainer. Aber alles deute darauf hin, dass die unterschiedlichen Duftstoffe eines Waldes heilsam wirken können.

Aber Waldgesundheitstraining sei keine Therapie. „Was wir machen, ist präventiv.“ Wissenschaftliche Studien würden zeigen, dass achtsame Waldaufenthalte heilsame Auswirkungen haben auf: Depression, Schlaf, Gedächtnis, Aufmerksamkeit. Hyperaktivität, Immunsystem, Blutdruck, Atemwegserkrankungen, Schmerzen, Body-Mass-Index und mehr.

Rückl und Ott stellen beim Einstieg ins Training jedem Teilnehmer die Frage, welches Walderlebnis ihm in Erinnerung geblieben sei. Nach einem kleinen Aufenthalt am Felsen geht es zurück zum Wanderparkplatz. Rückl erzählt noch, dass auch Achtsamkeitswanderungen in Planung seien. Allein diese kleine Einführung hat eine Erkenntnis: Der Wald ist wirklich weit mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen.

Hintergrund:

Termine und Anmeldung

Beate Ott und Michael Rückl bieten zweistündiges Waldschnuppern und dreistündiges Waldgesundheitstraining an. Für interessierte Gruppen, Freundeskreise, Vereine und andere gelten in Absprache mit dem Träger Sibyllenbad die gleichen Konditionen wie auf den Angebots-Flyern, aber als geschlossene Veranstaltung.

Die Tage der Durchführung und Inhalte sind flexibel. Vorlaufzeit zur Planung sind mindestens 7 besser 14 Tage. Je länger der Vorlauf, desto sicherer ist ein Wunschtermin.

  • Das nächste Waldschnuppern zur Einführung ins Waldgesundheitstraining findet am Samstag, 5. September, um 14 Uhr statt, Treffpunkt ist der Eingang des Kurmittelhauses Sibyllenbad. Die Teilnahme kostet 15 Euro.
  • Die nächsten offiziellen Waldgesundheitstrainings sind am Donnerstag, 27. August, Donnerstag, 10., Samstag, 19., und Donnerstag, 24. September, jeweils um 14 Uhr, Treffpunkt: Wanderparkplatz Egerer Wald. Die Teilnahme kostet 25 Euro.
  • Zu beiden Angeboten ist eine Anmeldung erforderlich bei der Gästeinformation Bad Neualbenreuth, Telefon 09638/933250 oder per E-Mail neualbenreuth[at]sibyllenbad[dot]de.
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