22.07.2021 - 11:29 Uhr
BärnauOberpfalz

30 Jahre Grenzöffnung: Geschichte konservieren für zukünftige Generationen

Mit der Wanderausstellung „Wir sind wieder Nachbarn“ erinnert der Geschichtspark an 30 Jahre Grenzöffnung. Gezeigt werden Geschichten, Emotionen und Dokumente von Zeitzeugen und Medien.

von Ulla Britta BaumerProfil

31 Jahre sind vergangen, als Ingrid Leser die Öffnung der Grenze zu Tschechien erlebte. Im Geschichtspark Bärnau-Tachov erzählt die 72-Jährige bei der Eröffnung der Wanderausstellung "Wir sind wieder Nachbarn" am Dienstag Anekdoten und Episoden von diesen historischen Tagen Mitte der 1990er Jahre.

Teil des doppelten Jubiläums

"Keiner hat jemals gedacht, dass die Grenze aufmacht", blickt auch Alfred Wolf, Vorsitzender des Vereins Via Carolina, zurück. Die von der EU geförderte Wanderausstellung solle die Geschichten von damals konservieren für die zukünftigen Generationen, wünschte sich Alfred Wolf. Die Ausstellung ist Teil des Programms zum doppelten Jubiläum "30 Jahre Grenzöffnung und 10 Jahre Geschichtspark". Wolf begrüßte zur Eröffnung auch Dana Müller-Lesak, Bürgermeisterin von Obora, und Barbara Habel von der Ikom.

Beginn der Schulpartnerschaft

So spannend die Roll-Ups und Zeitzeugen-Interviews auf Video auch sind, ersetzen sie nicht den lebendigen Bericht voller Emotionen von Ingrid Leser, die sich an die Geschehnisse im Mai 1990 genau erinnert. "Es war ein Wunder. Und es ist für mich auch heute, 31 Jahre später, immer noch ein Wunder", sagt sie.

Die heute 72-jährige Bärnauerin erzählt von ihrer Mutter, die beim Fall des Grenzübergangs Mähring ein Treffen mit ihrer Schulkameradin hatte, die sie 45 Jahre nicht mehr gesehen habe. "Meine Mutter war sehr aufgeregt." Das sei der Beginn einer bis heute anhaltenden Schulpartnerschaft zwischen der Mittelschule Tirschenreuth und der Základni Skola Marianské Lázne gewesen, so Leser.

Gemeinsam gefeiert

Am 19. Mai 1990 dann sei der Schlagbaum in Bärnau gefallen. "Ich kann nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war", erklärt sie. Als das Band zerschnitten war, seien sich fremde Leute von hüben und drüben in die Arme gefallen vor Freude. Pfarrer Siegfried Wölfel und der Abt des Stifts Tepl hätten miteinander gesungen und in den Straßen auf beiden Seiten sei zusammen ausgelassen gefeiert worden. Leidenschaftlich und voller Rührung erinnerte sich die 72-Jährige an einen Mann, der ihr aufgeregt zugerufen habe, er habe im alten Friedhof von Paulusbrunn das Grab seines Großvaters gefunden. Ein anderer Mann fand im zerstörten Paulusbrunn Überreste seines alten Hauses und stieg in den noch vorhandenen Keller. "Eine Frau hat mir einen Zweig von einem Kirschbaum gezeigt. Sie sagte, er sei aus dem Garten ihres ehemaligen Elternhauses und sie nehme ihn mit für ihre Mutter."

Grantiges Flintenweib

Sie berichtet auch von den Fahrten ins Nachbarland, die aber noch über Mähring haben stattfinden müssen. "Da stand an der tschechischen Grenze eine Flintenweib zum Kontrollieren. Die schaute dermaßen grantig, dass wir dann immer lieber über Eger gefahren sind."

Sie erinnert sich an die erste Wallfahrt nach Tschechien, die erster Nikolausfeier mit dem OKV auf tschechischer Seite bei der Hans Rösch den Nikolaus mimte, sowie grenzüberschreitende Freilichttheater in Bärnau. Die Bärnauerin schwärmt von der böhmischen Landschaft und Ausflugsfahrten nach Tschechien zu Schlössern und Kirchen. "Du mit deiner Landschaft", musste sie sich oft anhören, als Tschechien noch im Wiederaufbau steckte und wenig attraktiv war. Doch das sei Vergangenheit, die Landschaft sei wieder zusammengewachsen. "Und ich denke, die Menschen auch."

Die Grenzöffnung vor 30 Jahren in Bildern

Waldsassen
Hintergrund:

Die Wanderausstellung "Wir sind wieder Nachbarn"

  • Die Ausstellung ist bis 5. September kostenlos im Archaeo-Zentrum des Geschichtsparks Bärnau-Tachov zu sehen.
  • In den Videos erzählen 13 Zeitzeugen – interviewt von Schülern aus Tirschenreuth und Marienbad – von ihren Erlebnissen und Emotionen bei der Grenzöffnung. Dazu werden Pressematerial und Fotos von damals gezeigt.
  • Die Wanderausstellung, die wegen Corona ein Jahr verschoben wurde, wurde auf Initiative der Museumsfachstelle der Ikom im Stiftland und Marienbad ins Leben gerufen.
  • Nach Bärnau wird die Wanderausstellung in Bad Neualbenreuth und im Herbst in Marienbad gezeigt.

„Es ist für mich auch heute, 31 Jahre später, immer noch ein Wunder.“

Zeitzeugin Ingrid Leser (72)

 

 

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