30.06.2020 - 15:55 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Grenzöffnung vor 30 Jahren in Bildern

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Vor 30 Jahren entdeckten die Bewohner des Landkreises Tirschenreuth eine neue Welt. Sie lag vor der Haustür, schien aber durch die scharf bewachte Grenze Lichtjahre entfernt. Am 1. Juli 1990 wurde das Wunder der offenen Schlagbäume wahr.

von Michaela Kraus Kontakt Profil

In Waldsassen, Mähring und Bärnau öffnete sich an diesem denkwürdigen Tag der Eiserne Vorhang endgültig. Zunächst nur Fußgänger und Radfahrer, später auch Fahrzeuge konnten die Grenzen dort passieren. "Wir sind wieder Nachbarn! – Erinnerungen an 30 Jahre Grenzöffnung“ ist der Titel einer Wanderausstellung, die eigentlich für diese Jubiläumswochen geplant war. Herzstück sind Berichte von zahlreichen deutschen und tschechischen Zeitzeugen, wie das Leben vor und nach der Grenzöffnung war. In Zusammenarbeit mit dem grenzüberschreitenden Jugendmedienzentrum T1 haben Jugendliche von der Mädchenrealschule Waldsassen und der Základní skola Úsovice aus Mariánské Lázně (Marienbad) die Gespräche geführt. Da die Feierlichkeiten wegen Corona ausfallen, wurde die Ausstellung gemeinsam mit dem Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee kurzerhand online verfügbar gemacht.

So erinnert sich Barbara Májová, die vor 30 Jahren die Grenzöffnung bei Mähring miterlebt hat, an harte Zeiten im Kommunismus. Die Ärztin Marie Kalašová erzählt von der streng bewachten Grenzzone, in die selbst Helfer in medizinischen Notfällen nur mit Sondergenehmigung durften. Miroslav Kalaš hatte von Planá (Plan) aus immer mit dem Fernglas die Menschen beobachtet, die bei der Wallfahrt zur Mähringer St.-Anna-Kapelle kamen – das war jahrelang sein einziges Fenster zum Westen. Der feierliche Moment, als sich Deutsche und Tschechen erstmals nicht als Feinde gegenüberstanden, ist ihm unvergessen.

Deutsch-tschechischer Stammtisch

Hana Moravcová berichtet von der ersten Begegnung mit Mähringern im Februar 1990. Bei wöchentlichen Treffen am Schlagbaum bereitete man die Öffnung vor, damals noch begleitet von bewaffneten Grenzwächtern. Petr Novotný aus Aš (Asch) erinnert sich daran, dass sein Vater in der allerersten Zeit nach dem Krieg noch auf ein Bier nach Bayern gehen konnte, an spätere Schleusungen und den verbotenen Blick zum Westen hin. Die Grenzöffnung hat er wie ein Fest erlebt. Magda Novotná kam durch ihren Mann an die Grenze nach Asch. Sie hat durch den deutsch-tschechischen Stammtisch in Cheb (Eger) viele Kontakte geknüpft. Vom ersten freundlichen Empfang über Grenzen hinweg ist sie noch heute beeindruckt.

Günther Juba aus Waldsassen, der beim Prager Frühling 25 Jahre alt war, gewann damals eine besondere Beziehung zum tschechischen Volk und bemühte sich auch um dessen Sprache. Cheb bekam nach der Grenzöffnung einen schlechten Ruf als Hochburg der Drogen, gefälschten Waren, gestohlenen Autos und der Prostitution – inklusive dem Gerücht, in tschechischen Lokalen werde Hundefleisch serviert. Juba wollte durch persönliche Kontakte und Freundschaften dem einseitigen Bild entgegenwirken. Das offene Bürgerforum ist noch heute jeden Monat Treffpunkt. Juba rät allen zur Begegnung: „Sprechen, sprechen, sprechen.“

Ausgebüxter Hund kehrt zurück

Der Forstmann und Jäger Franz Danhauser aus Neualbenreuth erzählt von seinem nach Tschechien ausgebüxten jungen Hund und entsprechenden Fahndungsversuchen im Nachbarland. Als es tatsächlich Monate später in Schirnding zur Übergabe des fast ausgewachsenen Tieres kam, wurde er mit einem kräftigen „Waidmanns Heil“ auf Tschechisch verabschiedet und dem Rat: „Pass auf deinen Hund auf.“ Als Danhauser noch vor der offiziellen Grenzöffnung in der Nähe des früheren Dorfes Neumugl einen tschechischen Jägerkollegen traf, ließ er sich einfach einladen und mit nach drüben nehmen. Das Herz klopfte ihm erst hinterher. Es begann ein jahrelanger freundschaftlicher Austausch.

Aus dem Leben an der Grenze bei Bärnau berichtet die Lehrerin Ingrid Leser. Von strengen Ermahnungen der Eltern, beim Pilze- oder Beerensuchen ja nicht „rüber“ zu geraten, weil die Tschechen schießen würden. Sie erzählt vom bewegenden Augenblick, als sich ihre aus Böhmen stammende Mutter nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder mit ihrer alten Freundin aus Marienbad traf. Von ersten Schülerbegegnungen und dem Erstaunen der Jugendlichen darüber, dass die jeweils anderen ja ganz „normal“ sind.

"Hallelujah" angestimmt

Der Landwirt Herbert Rath aus Mähring, in vielen Vereinen aktiv, stellte erste Kontakte zu den tschechischen Nachbarn her, die zunächst noch über Schirnding einreisen mussten. Als am 1. Mai die Grenze endlich offen war, kamen Menschen in Massen und parkten alles zu an der Grenze. Am Vortag waren die Tschechen zu Besuch, hatten schon beim Maibaumaufstellen geholfen und man tanzte miteinander auf der Straße. „So viele Leute hat Mähring nie gesehen“, bestätigt auch Rosa Schöner. Im Januar bei einem Fußballspiel in Tachov hatte es erste Kontakte mit den Nachbarn gegeben. Die erste Begegnung am Schlagbaum war wie ein Wunder. „Ein freundliches Wort, ganz gleich in welcher Sprache, ist immer ein freundliches Wort“, sagt die Mähringerin. Dass sich bei der Probegrenzöffnung die beiden deutschen und der tschechische Geistliche umarmten und ein „Hallelujah“ anstimmten, wird sie nie vergessen. Noch heute erstaunt ist Rosa Schöner darüber, dass an den zwei Tagen 30 Hektoliter Bier und Limonade verkauft oder verschenkt wurden. Nachschub-Senf zu den Tausenden Bratwurstsemmeln mussten die Organisatoren auf Umwegen durch den Wald holen, weil in Mähring einfach kein Durchkommen mehr war.

Bewegt schildert der damalige Stadtpfarrer Siegfried Wölfel die Probegrenzöffnung am 19. Mai 1990 in Bärnau. Mitten in einer Rede forderte ihn ein tschechischer Geistlicher auf, zu singen. Denn der Mann am Mikrofon sei ein Wendehals, der von Demokratie spreche, obwohl er den Pfarrer ins Gefängnis gebracht habe. In einer kurzen Pause stimmte der Dekan tatsächlich „Großer Gott, wir loben dich“ an. Bei der zweiten Strophe bekam er schon Unterstützung durch die Stadtkapelle Bärnau. „Dann haben wir alle gesungen, deutsch und tschechisch. Das war unsere Antwort auf das Wunder der Grenzöffnung.“

Hintergrund:

Virtuelle Ausstellung in zwei Sprachen

Die zweisprachige Ausstellung ist ein Gemeinschaftswerk der Museumsfachstelle der Ikom Stiftland mit den Museen im Landkreis Tirschenreuth in Grenzlage (Gelebtes Museum Mähring, Stiftlandmuseum Waldsassen, Deutsches Knopfmuseum Bärnau, Geschichtspark Bärnau-Tachov, Sengerhof Bad Neualbenreuth) und dem Stadtmuseum Marienbad. Ihre erste Station hätte die Sonderausstellung in Mähring gehabt, wo die Feierlichkeiten beginnen sollten. Dorthin waren zur Probegrenzöffnung am 30. April und 1. Mai 1990 zehntausende Menschen geströmt. Anfang Juli sollte die Ausstellung die Europa-Woche in Waldsassen bereichern und weiter nach Bärnau und Tschechien wandern.

Alle Zeitzeugen-Interviews, weitere Informationen und Bilder:

Zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung erinnerten sich 2015 Zeitzeugen wie MdB Ludwig Stiegler:

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