30.03.2021 - 14:49 Uhr
BärnauOberpfalz

Das Ackerbürgerhaus in Bärnau ist ein Puzzle aus vielen Jahrhunderten

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Corona stoppt den Tatendrang des Vereins "Ackerbürgerhaus Bärnau" empfindlich. Die Sanierungsmaßnahmen im historischen Zintlhaus geraten in Zeitnot. Die Fertigstellung wird voraussichtlich erst im Juni 2022 sein.

Edgar Zwerenz steht in einem der zugemauerten Rundbögen, die beim Abschlagen des Verputzes entdeckt wurden. Auch der Türrahmen ist wertvoll und wurde erst wieder ausgebuddelt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Ein bisschen verrückt sind sie schon, die Bärnauer. Da kaufen sich gut 70 Leute, zusammengefunden als Verein, eine denkmalgeschützte Bruchbude und schaufeln sie tonnenweise von Schutt und Asche frei. Wofür das alles? "Damit wir nach dem Zoigl zu Fuß heimgehen können. Von Tirschenreuth aus geht das schlecht", sagt Wolfgang Giehl lachend. Der 59-jährige Beamte am Landwirtschaftsamt ist zum Termin mit Oberpfalz-Medien gemeinsam mit Christian Schedl, dem 33-jährigen Vorsitzenden des Vereins Ackerbürgerhaus Bärnau, und dem 68-jährigen Rentner Edgar Zwerenz vor Ort.

600 Ehrenamtsstunden

Im Ackerbürgerhaus läuft das Bürgerprojekt auf Hochtouren. Gut 600 Ehrenamtsstunden, sagen die Männer, seien abgearbeitet. "Allerdings dauert jetzt alles viel länger", bedauert Christian Schedl die Corona-Einschränkungen. "Nur zwei Leute dürfen derzeit arbeiten. Da geht halt nichts mehr vorwärts." Wenn zehn auf einmal anpacken, sei das was anderes. Schedl sagt lachend, er arbeite derzeit hier mehr Stunden als an seinem Job als Elektrotechniker bei der Firma Horn. Das neue Ziel ist gesetzt: Im Juni 2022, hofft der Verein, soll das Bärnauer "Mitmach-Haus" fertig sein, mit einer Mitmach-Brauerei, einer Wirtsstube, einem Heimatmuseum, Kreativräumen, einem Kulturhof und mehr.

"Die Brauerei machen wir heuer noch fertig", sagen Schedl, Zwerenz und Giehl. Woher sie ihr Selbstbewusstsein nehmen? Sie zeigen schmunzelnd auf ein Schild an der Eingangstür. Die Vereinsphilosophie lautet: "Das habe ich noch nie versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe." Ein hoher Anspruch beim Blick ins Haus: Schedl und Giehl packen die Hilti aus und bohren. Dick liegt der Staub in der Luft, bei jedem Schritt wirbelt neuer auf.

Tonnenweise Abraum

Tonnenweise wird aktuell Abraum aus dem Haus geschaufelt. Keiner habe sich vorher das Arbeitspensum derart hoch vorgestellt, sagt Schedl. "Und jeden Tag gibt es eine neue Überraschung." Zwerenz zeigt aufs Mauerwerk. "Da war ein Rundbogen und dort auch. Wir finden ständig neue." Kaum mehr zu bestimmen sei, was in welchem Zeitalter in diesem Haus verändert wurde. Im oberen Stockwerk gräbt Giehl aus einem tiefen Loch Steine, Sand und Geröll schubkarrenweise heraus. Zwerenz zeigt auf eine freigelegte Holzdecke mit Brandspuren zwischen den Stockwerken. "Damit können wir neue wissenschaftliche Altersbestimmungen machen lassen", erklärt er und erzählt vom Stadtbrand in Bärnau, dem diese Spuren wohl zuzuschreiben seien.

Etliche Mauern abgestützt

Was weg kann und was bleiben muss, wird mit dem Denkmalschutzamt geklärt. Überraschungen aus "jüngerer Vergangenheit" könnten auch verändert werden. Weit mehr Sorgen machen die Überraschungen an der Bausubstanz. Vor dem nächsten Bauabschnitt müssen etliche Mauern abgestützt werden wegen Einsturzgefahr. Im Erdgeschoss werden demnächst auf 1,50 Meter Höhe die Wände von angesammeltem Salz befreit, ein wiederum zeitaufwendiges Verfahren. Von der Treppe aus kann man in ein tiefes Loch schauen: Im freigelegten Gewölbe wurde die ehemalige Küche ausgeschaufelt. Sie werde selbstverständlich erhalten bleiben, sagen die Männer. "Das ist ein Puzzle hier", lachen sie und erzählen von den Mauern im Innenhof, auf die sich die Archäologiestudenten aus Prag und Bamberg freudig gestürzt hätten.

Ein "Grubenhaus", ein Art Geräteraum aus dem 13. Jahrhundert, wurde ausgebuddelt, was archäologische Untersuchungen der Uni Bamberg bestätigten. Weit interessanter für die Bärnauer dürfte der "Kretsch'n" sein, eine Bierkultur aus der Zeit der Verleihung des "Rechts der Meile Wegs", dem Braurecht, im Jahr 1353 durch Kaiser Karl IV.

Wichtiges Zukunftssegment

An dieser Kultur werden Mitmach-Brauerei und Schenke anknüpfen. Zoigl, erklärt Giehl als Grund dieser etwas anderen Wirtshausphilosophie für Bärnau, gebe es überall. "Wir wollen was Neues bieten." Für den Verein gilt es, 50 000 Euro Eigenbeteiligung am 1,9-Millionen-Projekt abzuarbeiten. Natürlich geht es nicht ohne Zuschüsse, zuständig ist die Städtebauförderung der Regierung der Oberpfalz. Mitgeholfen hat auch das bundesweite Pilot-Bürgerbeteiligungsprojekt "Bügerrechte", wofür interessierte Bürger 100 000 Euro beigesteuert haben. "Damit übernehmen Verein und Kommunal GmbH städtische Aufgaben, beseitigen einen Leerstand und schaffen für die Bürger ein wichtiges Zukunftssegment", heißt es in den Statuten zur Bürgerbeteiligung. Giehl, Zwerenz und Schedl lassen das Amtsdeutsch raus. Ihre Beweggründe fürs Projekt sind eher emotionaler Natur. Die Idee sei geboren worden, als der Zoigl in Bärnau aufhörte. Was sie zum Handeln bewogen habe, damit man in Bärnau wieder was unternehmen könne. Eben solche Dinge, wie sich sorglos mit Freunden treffen und ein paar Bier gemeinsam trinken, weil man danach zu Fuß heimgehen kann.

In November 2020 begannen die Bauarbeiten im Ackerbürgerhaus

Bärnau

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