04.06.2018 - 15:36 Uhr
BärnauOberpfalz

Bärnau und Paulusbrunn sehr nah

Verschwundene Orte bergen allerhand Geschichten. Auf historische Spuren treffen die Teilnehmer einer Infowanderung nach Paulusbrunn entlang des Böttgerwegs. Stadtarchivar Josef Rösch und Peter Müller haben Neuigkeiten parat.

Josef Rösch demonstrierte den interessierten Besuchern aus Prag, Berlin, Worms und München, wie die Löcher in den Knopf kamen.
von Rainer ChristophProfil

(cr) Am Symposium im Gemeindehaus Obora und im Knopfmuseum Bärnau konnten aus Platzgründen nur geladene Gäste teilnehmen. Mit 90 Gästen sehr erfolgreich verliefen die beiden Wanderungen nach Süden und Norden bis Hermannsreuth. Einen besonderen Anteil daran hatten Norbert Steinhauser und die beiden Paulusbrunner Hans Wettinger und Ferdl Zwerenz. Vorgestellt wurden zudem die weiteren Pläne für die Erweiterung des Böttgerweges und die Darstellung der Geschichte von Paulusbrunn. Der Dank der Teilnehmer galt Dana Lesak-Müller, Bürgermeisterin von Obora, und ihrem Mann Peter für die perfekte Gesamtorganisation.

Zum Thema Knopfindustrie berichtete Archivar Josef Rösch im Knopfmuseum über die Verbindungen der Orte Tachau-Paulusbrunn und Bärnau. Im Archiv fand er Beweise, dass die ersten Siedler in Paulusbrunn vor rund 350 Jahren aus Bärnau gekommen sind. Ein weiteres Bindeglied ist die Knopfherstellung. Rösch zeigte in einem großen Bogen die Entwicklung auf. 1860 von Wien kommend fand die Knopfherstellung den Weg ins damalige Tachau, um den Menschen eine Perspektive durch neue Arbeitsplätze zu geben. 1871 fertigte die Firma Tomek aus Wien in Tachau die ersten Perlmuttknöpfe. Später übernahmen Heinrich Adler und Johann Deutsch die Produktion. 1885 entstand in Galtenhof eine Knopffabrik.

Rösch erinnerte an den aus dem sächsischen Adorf kommenden Johann Müller, der in Wien die Ausbildung zum Knopfmeister machte. Von Tachau kommend ließ er sich 1895 in Bärnau nieder. Vor dem Ersten Weltkrieg, so Rösch, arbeiteten rund 2000 Menschen grenzübergreifend in der Knopfherstellung. Nach dem Krieg sah es nicht rosig für die Knopfindustrie in Tachau aus. Um den Rohstoff Perlmutt über Tachau nach Bärnau zu bringen, gab es Pläne für eine Bahnverbindung. „ Rund 200 Paulusbrunner kamen jeden Morgen über die Grenze“, berichtete Rösch. Schließlich gab es in Bärnau 25 Prozent mehr Lohn als im Böhmischen. Die Bärnauer Ackerbürger sahen diese industrielle Bewegung eher mit Unbehagen. Doch die Zahl der Grenzgänger wuchs auf 700 bis 800 Personen an und die Heimarbeit blühte, wie der Stadtarchivar ausführte. Das Wort Kinderarbeit war noch kein Begriff, vom Vorschulkind bis zu den Großeltern arbeiteten die Familien in der Knopfherstellung. Für Paulusbrunn bedeute das umgekehrt eine Zunahme des Wohlstandes, neue Siedlungen entstanden.

Rösch berichtete auch von der heute leer stehenden Prinzfabrik direkt an der Grenze. Heinrich Adler war der Gründer, 60 bis 70 Arbeiter aus Paulusbrunn standen im Lohn, dann tauchte 1934 die bis heute geheimnisvolle Unternehmerin Margarete Prinz auf und führte die Knopffabrik. Geboren 1896 in Graz, kam sie über Paris nach Paulusbrunn, heiratete und emigrierte zum Kriegsende nach England.


Glas mit Geschichte

Peter Müller kommt beruflich aus der Glasbranche. Er zeigte in einem bemerkenswerten Referat, untermalt mit Bildern und Quellenarbeit, dass auch die Glasindustrie im Grenzgebiet eine Heimstätte fand. Johann Philipp Husmann, Reichsfreiherr von Namedy, kaufte demnach von Kaiser Ferdinand 1623 die königliche Stadt Tachau, engagierte sich im Bergbau und gründete um 1636 die ersten Glashütten in den Wäldern westlich von Tachau.

Müller verwies als weiteren Standort auf den Ortsteil Neuwindischgrätz (Neuhütte) zwischen dem Goldbach und dem Entenbühl. Am 1. Juli 1793 nahm Johann Kaspar Lenk aus Goldbach sogar eine zweite Glashütte in Betrieb. Als Energierohstoff wurde Holz verwendet, acht Häuser für Waldarbeiter entstanden. 1812 war Sohn Wenzel Glasmeister, der Betrieb wurde bis 1839 geführt. Eine weitere Glashütte entstand bereits 1740 in Paulushütte durch den Hüttenmeister Michael Fuchs und seinen Bruder Baltasar, aufgelassen wurde sie nach rund 60 Jahren. Auch in Galtenhof und weiteren Orten entstanden in dieser Zeit Glashütten. Hier sind noch weitere Forschungen notwendig, merkte der Ehemann der Bürgermeisterin von Obora an. Mit einer langen Wanderung auf dem nördlichen Böttgerweg klang das Symposium aus.

Als Ausklang der beiden Tage war eine acht Kilometer lange Wanderung Richtung Hermannsreuth angesagt. Mit dabei waren Tschechen und Deutsche. Der ehemalige Griesbacher Lehrer Manfred Güntner, dessen Eltern aus einem Bauernhof im Ortsteil Baderwinkel stammen, berichtete von der 200 Jahre alten, nach dem Hausnamen benannten „Muasn“-Buche neben dem Hof seiner Familie.

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