26.11.2021 - 12:06 Uhr
BärnauOberpfalz

Die Geschichte des verschwundenen Dorfes Paulusbrunn

Es gibt Orte des Vergessens wie Paulusbrunn. Das 1500-Seelen-Dorf in Böhmen an der Grenze zu Bayern wurde 1945 plattgemacht, seine Bewohner wurden vertrieben. Heute erinnern Denkmäler daran, errichtet um zu mahnen.

Die sogenannte Böttgersäule war das einzige Relikt, das von Paulusbrunn unversehrt nach der Zerstörung übriggeblieben ist. Die Säule wurde in Prag auf Betreiben der tschechischen Bürgermeisterin sowie der AG Paulusbrunn auf bayerischer Seite restauriert und mit Spenden sowie EU-Fördergelder wieder an dem Ort aufgestellt, wo sie einst mitten im Ort Paulusbrunn stand.
von Ulla Britta BaumerProfil

Es war einmal ein idyllisches Dörfchen in Böhmen. Die Bärnauer Einwohner auf bayerischer Seite gingen gern nach Paulusbrunn zum Feiern, weil es ihnen daheim zu langweilig war. Gab es nach ausgelassenen Feten etwas zu beichten, gingen die Männer wieder hin. Der Pfarrer von Paulusbrunn sei gnädiger gewesen mit der Absolution als sein bayerischer Kollege. Er habe weniger „Vater Unser“ zum Buße tun auferlegt, erzählen sich Insider heute noch schmunzelnd.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und für Paulusbrunn wurde das Kriegsende 1945 zum Verderben. Auf tschechischer Seite wurde angeordnet, die böhmischen Orte entlang der Grenze von Hof bis Passau plattzumachen. Paulusbrunn gehörte dazu.

„Da ist nichts mehr. Nur alte Mauern und ein paar Keller“, sagt Ferdinand Zwerenz mit Blick auf eine Wiese auf tschechischem Gebiet. Kaum vorstellbar, dass hier ein Ort mit 1500 Bewohnern gewesen sein soll. Der graue Novembernebel kriecht wabbelnd über die abgemähte Wiese bis in den Wald. Passend zu den Geschichten des 82-jährigen Mannes aus Paulusbrunn ist das Wetter heute am Grenzkamm unwirklich, eiskalt und düster.

Ferdinand Zwerenz war sechs Jahre alt, als ihm seine Eltern sagten, dass sie Paulusbrunnen verlassen müssen. „Sie haben uns rausgeholt. Draußen vor der Tür musste mein Vater den Schlüssel unseres Hauses abgeben“, erinnert sich Zwerenz. Als wäre alles nicht grausam genug, sollte das Herz des kleinen Jungen mehrmals tiefe Wunden erleiden müssen. Weil der Weitertransport an diesem Tag gestoppt war, wurde die Familie für eine Nacht zurückgeschickt ins eigene Haus, das ihnen nicht mehr gehörte.

Als wolle er den Schrecken von damals nicht wecken, wird Zwerenz Stimme leiser beim Erzählen vom Transport nach Deutschland im Viehwaggon und von der großen Angst. Drei Monate später kehrte der Bub zurück nach Bärnau. Zu verdanken war dies dem Inhaber der Knopffabrik Prinz, wo Franz Zwerenz auf deutscher Seite gearbeitet hat. Der Vater habe vom Chef eine Bescheinigung bekommen. Er galt als unentbehrlich in der Produktion, erzählt Zwerenz. Anfang der 1950er Jahre musste er erleben, wie sein Elternhaus drüben auf der nun „anderen Seite“ der Grenze in Grund und Boden gestampft wurde.

Glück hatte die sogenannte Niegl-Kapelle. Sie steht gerade noch auf deutscher Seite. Heimathistoriker Rainer Christoph trifft sich an dieser Gedenkstätte manchmal mit ehemaligen Paulusbrunnern. Christoph hat die AG Paulusbrunn gegründet, um Paulusbrunn dem Vergessen zu entreißen. Denn die Grenzöffnung vor 31 Jahren brachte nichts davon mehr zurück. Die Bewohner des zerstörten Ortes weinten bittere Tränen an grauen Teerstraßen, leeren Wiesenflächen und verwilderter Natur, wo einst ihre Kirche, ihr Rathaus, ihre Schule und ihre Häuser ein schönes und lebenswertes Dorf waren.

Grabstein gefunden

Nicht lange ist es her, da vergoss auch Bettina Rößler Tränen der Rührung. Die 49-jährige Bärnauerin ist die Urenkelin von Anna Rehmann aus Paulusbrunn. Ihre Mutter Emmi Rößler wurde in Paulusbrunn geboren. Bettina Rößler war es vergönnt, einen Familienschatz hinter der Grenze zu bergen. Aus Zufall fand ihr Bekannter Josef Zant im tschechischen Moor „Zimmerlouh“ den Grabstein ihrer Urgroßmutter.

Bei näherer Betrachtung konnte er die Inschrift lesen: „Ruhestätte der Familie Rehmann – Anna Rehmann“ und meldete den Fund der Familie. „Ich habe vieles nicht gewusst über meine Vorfahren. Jetzt bitte ich meine Mutter ständig, mir von damals zu berichten“, erzählt Bettina Rößler, was dieser Fund bei ihr emotional ausgelöst hat. Rößler holte den Grabstein nach Bärnau und lässt nun die Inschrift von Bildhauer Herbert Lankl restaurieren. Dann kommt er Grabstein auf den Friedhof von Paulusbrunn zurück. „Das bin ich meiner Familie und der Geschichte schuldig“, will die Bärnauerin auch einen Beitrag gegen das Vergessen leisten.

Friedhof dezent restauriert

Begeben sich Interessierte auf die Spuren des verschollenen Ortes, ist der etwas entfernte Friedhof eine wichtige Anlaufstelle. Verwitterte Grabsteine erzählen von persönlichen Schicksalen. Zerbrochen und halb im Erdreich vergraben, wurden die Mahnmäler aus Granit gefunden. AG-Mitglieder stellten sie wieder auf oder lehnten sie an Mauerfragmente und an die Stämme jener Kastanienbäume auf dem Friedhof, die alt genug sind, alles miterlebt zu haben.

Das einzige Relikt, das der Zerstörung standhielt, war dem sozial engagierten Bezirksobmann von Tachov, Dr. Josef Böttger gewidmet: Die AG Paulusbrunn hat die Böttgersäule restaurieren lassen, das Land Tschechien hat dies unterstützt.

Die Geister von Paulusbrunn leben weiter

Paulusbrunn mag verschwunden sein, nicht aber seine Geister. Wer auf einer Parkbank vor der Böttgersäule seine Gedanken schweifen lässt, macht unweigerlich mit dem geistigen Auge einen Ausflug ins einstige Paulusbrunn. Gut vorstellen kann man sich das rege Dorftreiben, wie die Bauern am Feld arbeiteten, die Frauen ratschten am Dorfplatz und jene Kinder weinten und lachten, deren Heimatort 1945 von der Bildfläche plötzlich zum Entsetzen seiner Bewohner verschwunden ist. Paulusbrunn ist heute ein Kraftort gegen das Vergessen – damit die Nachwelt sich erinnert und die Menschen aus ihren Fehlern lernen.

Weitere verschwundene Orte

Im Landkreis Neustadt/WN – bei Georgenberg und Brünst – erging es dem Dorf Waldheim in Böhmen ebenso wie Paulusbrunn. Weg sind Vorwaldheim mit 20 Häusern und 165 Einwohnern sowie ein Schloss und ein herrschaftlicher Meierhof. In Hinterwaldheim standen 21 Häuser, bewohnt von 139 Einwohnern. Durch den Ort führte die Heerstraße, die älteste Handelsstraße zwischen Bayern und Böhmen, nach Nürnberg, Sulzbach und Prag. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Waldheim ein wichtiger Grenzübergang für Tachov und Pilsen. 1955 wurden alle Häuser auf böhmischer Seite von Waldheim dem Erdboden gleichgemacht. Heute ist die Straße von Waldheim ein grenzüberschreitender Wanderweg.

Geschichten aus Paulusbrunn

Bärnau
Hintergrund:

Die Geschichte von Paulusbrunn

  • Gegründet wurde Paulusbrunn 40 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg etwa 1680.
  • Aus 7 Ansiedlungen entwickelte sich eine große Gemeinde mit 1500 deutschstämmigen Einwohnern.
  • Anfang der 1950er Jahre wurden alle von Deutschland aus einsehbaren, grenznahen Orte zwischen Hof und Passau auf Anordnung der tschechischen Regierung dem Erdboden gleichgemacht.
  • Die AG Paulusbrunn mit Leiter Rainer Christoph engagiert sich für den Erhalt der wenigen noch sichtbaren Erinnerungen.
  • Unter anderem wurde nun ein 17 Kilometer langer „Böttgerweg“ erschlossen. Diesem Wanderpfad über Grenzen und an den Gedenkstätten vorbei fehlt nur noch die Beschilderung, die über die Wintermonate installiert werden soll.
Info:

Ein Beispiel unter vielen

  • Ab Anfang der 1950er Jahre verstärkte die tschechische Armee die Grenzsicherung nach Westen.
  • Hierzu entstand ein Streifen entlang der Grenze der ausdrücklich als Sperrgebiet ausgewiesen wurde.
  • Viele der Orte in oder an diesem Streifen standen nach der Vertreibung der Sudetendeutschen bereits ganz oder teilweise leer.
  • Die Armee verhinderte nun neue Ansiedlung, die Orte verfielen oder wurden abgerissen.
  • Die Mehrzahl dieser Orte an der Oberpfälzer Grenze befand sich in der Region um Taus.
  • Neben Paulusbrunn gab es unter anderem mit Purschau und Wusleben auch an der nordoberpfälzer Grenze weitere Orte, die in den 1950er Jahren verschwanden.

 

 

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