18.12.2020 - 17:14 Uhr
BärnauOberpfalz

Jubiläum in Bärnau: Knöpfe eine runde Sache

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Vor 125 Jahren wurde in Bärnau die erste Knopffabrik eröffnet. Das Geschäft boomte, bald gab es über 60 Knopffabriken. Erinnerungen an einen bedeutenden Wirtschaftszweig im Stiftland.

Viele Fotos von der Arbeit der "Knopferer" früher, fotografiert in den Fabriken, sind im Museum ausgestellt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Das weiße Gold des Bärnauer Lands hat Geburtstag: „125 Jahre Knopfindustrie“ hätte ein rauschendes Fest verdient. Dieser für den Standort Bärnau ungewöhnliche Industriezweig machte das kleine Städtchen an der Grenze zu Tschechien zum damaligen Wirtschaftswunder im Stiftland. Täglich „spuckten“ Bahn und Busse Hunderte von „Knopferern“ in Bärnau aus, die am frühen Morgen an ihre Arbeitsplätze – immerhin über 60 Knopffabriken – eilten, der gesamte Landkreis profitierte davon.

Nur, mit der Geburtstagsfeier wird es leider nichts. Corona hat den Festivitäten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch soll ein solches Jubiläum nicht sang- und klanglos untergehen. Lothar Fichtner und Andrea Bäuml haben sich im Knopfmuseum getroffen.

Durch und durch ein "Knopferer"

"Das muss der Lothar wissen“, der Satz von Andrea Bäuml wird bei dieser Zusammenkunft beinahe zum geflügelten Wort. Kein Wunder: Jede Menge Dokumente und Anschauungsmaterial liegen auf einem der momentan verwaisten Bistrotische im Museumscafé. Lothar Fichtner hat es aus seinem Archiv mitgebracht. Fichtner war Knopffabrikant, die Knopfproduktion des 80-jährigen Fabrikants besteht in der vierten Generation, Fichtners Großvater Ignanz gehörte zu den Pionieren der Knopfproduktion in Bärnau.

Eine Leidenschaft, die sich fortsetzte: Weiterhin unterstützt der heutige Pensionist die noch fünf bestehenden Knopffabrikdynastien in Bärnau (Familie Scherer, Familie Dill, Familie Seitz, Familie Zwerenz und seine Familie) als Vorsitzender des Bärnauer Knopfverbandes und er ist der Zweite Vorsitzende des Fördervereins Knopfmuseum Bärnau. Fichtner ist durch und durch ein „Knopferer“. Auf die Frage, wie denn die richtige Fachbezeichnung für diesen Beruf sei, lacht er und sagt: "Knopferer passt schon."

Unter seinen Dokumenten und in der Chronik von Bärnau ist viel geschrieben über diese Industrie, die 1895 von Johann Müller gegründet worden ist. Fichtner und Bäuml zeigen auf einen Bericht des "Neuen Tags" über die Einweihung der Knopffachschule am 6. September 1955. Diese Schule ist Vergangenheit, sie wurde 1975 wieder geschlossen . „Sie stand da, wo heute der Discounter Diska ist“, erzählt Bäuml.

Messestadt Bärnau

Die Museumsleiterin erinnert sich, dass sie als Kind immer die Auszubildenden getroffen hat, weil sie in der Nähe wohnte. Lehrer und Ausbilder Marcel Hermann hat die Knopffachschule gegründet. „Er war streng. Nur einmal habe ich ein ‚Hervorragend‘ für das Färben von Knöpfen bekommen“, erzählt Lothar Fichtner. Das Bärnau während den Höhenflügen der Knopfproduktion sogar Messestadt gewesen ist, wissen höchstens noch die älteren Leute. Fichtner erinnert sich gut an die erste „Iknofa“ im März 1967, wo vier Tage lang 283 Firmen aus 18 Ländern in Bärnau getagt haben. Ein Jahr später waren es schon 352 Firmen aus 33 Ländern, 1970 kamen 419 Firmen. „Das waren hier für uns Feiertage. Jeder hat davon profitiert, der Bäcker, das Taxi, die Gastronomen, eigentlich der gesamte Landkreis“, sagt Andrea Bäuml und erzählt von Shuttlebussen, mit denen die Gäste aus ihren Unterkünften im gesamten Landkreis für die Tagungen hergebracht wurden.

Betriebsbusse und ganze Züge voll seien auch notwendig gewesen, um die Knopfarbeiter nach Bärnau an ihre Arbeitsstätten zu karren. „Das waren Menschenströme, die ich morgens um 6.45 Uhr auf meinem Weg zum Schulbus getroffen habe“, so Bäuml. Heute ist es es viel ruhiger, nur noch fünf Knopffabriken sind der Tradition treu geblieben. Das klingt für eine kleine Stadt wie Bärnau nach guter Auftragslage. Jedoch macht das die Zahlen wie 44 Fabriken in Bärnau und gut 20 in den Nachbarortschaften kaum mehr wett.

Heimarbeit war möglich

Alle Leute hätten damals gut an der Knopfindustrie verdient, sagen Bäuml und Fichtner. 90 Pfennig gab es als Stundenlohn für Frauen. Wöchentlich wurde er bar in einer Lohntüte ausbezahlt. Die Museumsleiterin denkt im Hinblick auf die aktuellen Schwierigkeiten der Mütter wegen Corona an die damalige Heimarbeit als einen großen Vorteil für die Bärnauer Frauen. „Sie konnten gleichzeitig ihre Kinder betreuen und sich was dazu verdienen. Ich habe das noch gesehen. Sie haben das Material und die Knöpfe mit alten Kinderwägen, Milchkannen oder Körben von der Wohnung zur Fabrik hin- und hertransportiert.“ Warum die Knöpfe damals auf Papierkarten genäht werden mussten, weiß selbst der „alte Hase“ Lothar Fichtner nicht mehr. „Wir sind sehr froh, dass mit den verbliebenen Fabriken die Knopfproduktion erhalten bleibt“, sinniert er über die alten Tage.

Weitere Einblicke ins Knopfmuseum

Oberpfalz
Hintergrund:

Geschichte der Knopfindustrie in Bärnau

  • Die Knopfindustrie in Bärnau wurde 1895 von Johann Müller (1862 bis 1932) gegründet.
  • Als Rohmaterial wurde damals ausschließlich Perlmutt von Muscheln aus europäischen Seen, später aus aller Welt, verwendet.
  • Die Knopffachschule wurde 1955 gegründet und 1975 geschlossen.
  • 1967 erste Knopffach-Messe in Bärnau: Diese wanderte in den 1970er Jahren mangels ausreichender Unterkünfte und kultureller Unterhaltung für die Gäste nach Nürnberg ab.
  • 1975 Eröffnung des einzigen Deutschen Knopfmuseums.
  • Für den Niedergang der Knopfindustrie in Bärnau gibt es viele Gründe, unter anderem spielt die Billigware, die aus Asien hereindrängte, eine große Rolle.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.