01.10.2019 - 13:44 Uhr
BärnauOberpfalz

Lehm am Bau – billig und im Trend

Lehm, die schmierig-klebrige, gelblich braune Erde aus Ton und Sand, erfreut sich nach einem knapp 100-jährigen Intermezzo von Stahl und Beton neuer Beliebtheit am Bau.

Die Ursprünge des Baustoffs Lehm erforschen Archäologen im Geschichtspark Bärnau-Tachov mit mittelalterlicher Technik, authentisch vom Material bis zum Werkzeug.
von mvsProfil

Der 31-jährige Archäologiestudent Dario Miericke, spezialisiert auf Mittelalter und Neuzeit, erforschte im historischen Geschichtspark Bärnau-Tachov den seit dem Neolithikum (ab 11500 vor Christus) nachweisbaren Baustoff in einem praktischen Versuch. Wir haben mit ihm gesprochen.

Archäologiestudent Dario Miericke, der auf Mittelalter und Neuzeit spezialisiert ist.

ONETZ: Herr Miericke, welchen Versuch haben Sie im April im Geschichtspark Bärnau-Tachov begonnen?

Dario Miericke: Ich habe die Giebelwand des Tirschenreuther Hauses auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, dabei verschiedene Methoden ausprobiert und dokumentiert: Wie fett muss der Lehmputz sein, wie viel Sand darf rein? Ich habe alle notwendigen Materialien vor Ort gefunden.

ONETZ: … also Lehm und Sand. Stammt auch der Füllstoff Stroh aus dem Park?

Das wäre optimal! Aber die Pflege des Feldes ist auch ein enormer Aufwand: Aussaat, Schutz vor Schädlingen, Ernte..., darum müsste sich mindestens eine Person Vollzeit, ganzjährig darum kümmern. Das geht personell nicht, deshalb stammt das Stroh von Bauern aus der näheren Umgebung.

ONETZ: Welche Wand haben Sie errichtet und wie?

Die Giebelwand des Tirschenreuther Hauses gleich nach dem Eingang war schadhaft und musste ausgebessert werden. Ich konnte die eine Hälfte reparieren durch das Auftragen einer Schicht neuen Putz. Dabei konnte ich sogar altes Material schlicht in Wasser auflösen und mit neuem Lehm versetzt wiederverwenden. Wäre der Putz einmal erhitzt worden und verziegelt, hätte das nicht geklappt, so aber war es möglich.

ONETZ: Nachhaltiger geht es kaum.

Richtig. Von dieser Tätigkeit stammt übrigens das Wort „Frühjahrsputz“ ab. Der hat eigentlich nichts mit Aufräumen und Durchwischen zu tun, sondern damit, dass früher nach dem Winter, in dem Starkregen und Frost den Wänden zusetzen, mindestens die oberste Schicht erneuert wurde.

ONETZ: Das klingt so, als wäre Lehmputz arbeitsintensiv.

Auch Beton beginnt zu bröckeln. Und es gibt Häuser mit Lehmputzen aus dem 13. Jahrhundert, die so stabil sind, dass sie bis heute stehen. Wichtig ist die richtige Zusammensetzung aus Lehm, Sand und Stroh.

ONETZ: Die haben Sie bei der zweiten Hälfte der Wand gesucht?

Richtig, die zweite Hälfte haben wir neu errichtet und dafür verschiedene Methoden probiert. Grundsätzlich gilt: Für mehr Festigkeit braucht man mehr Lehm, für weniger Schrumpfung, wenn's trocken wird, mehr Sand. Der dritte Bestandteil Stroh sorgt zum ersten für eine höhere Dämmwirkung und dient zum zweiten als flexibler Platzhalter, der die beiden Grundprobleme – Brüchigkeit und Schrumpfung – ausgleicht. Im besten Fall. Auch der an sich brüchige Zement wird durch die Stahlarmierungen zusammengehalten, selbst wenn ein Riss auftreten sollte.

ONETZ: Welche Lösung haben Sie gefunden?

Es gibt nicht das eine Rezept, sondern regionale starke Unterschiede. Und natürlich sagt jeder, dass das eigene das beste ist (lacht)! Da könnte man noch viel erforschen... Sinnvoll und gut für unseren Zweck war, für den Kern der Mauer ein Drittel Lehm, zwei Drittel Sand, angereichert mit Stroh zu verwenden - sehr stabil durch eben relativ viel Lehm. Beim Antrocknen entstanden Risse...

ONETZ: Oh nein!

… kein Problem, im Gegenteil, die entstandenen Risse sind das Trägermaterial für die nächste Schicht! Die zweite Schicht auf der senkrechten Wand durfte nicht dicker sein als ein bis bis drei Zentimeter, damit sie nicht zu schwer wird und fällt. Obenauf haben wir die maximal einen Zentimeter dicke Putzschicht aufgetragen, eine sehr dünnflüssige Textur, mit einem Sechstel bis maximal einem Viertel Lehm und kaum noch Stroh. Feine Oberflächen sind nicht nur ästhetisch – je weniger Unebenheiten eine Wand hat, desto weniger hat Wasser die Möglichkeit einzudringen und Schaden anzurichten.

ONETZ: Gibt es Rezepturen, die sich als Unsinn herausgestellt haben?

Es gibt die These, dass das Hinzufügen von Quark gut wäre. Im Rahmen eines wissenschaftliches Experiments gilt es dann zu prüfen, warum gerade die Eiweißstruktur von Quark eine Wand stabilisieren sollte. Eine zweite Frage ist natürlich, ob man früher wirklich ein Lebensmittel verbaut hätte.

ONETZ: Dieser Versuch hatte einen wissenschaftlichen Zweck. Werden Sie eine solche Wand auch einmal im eigenen Haus oder Garten errichten?

Auf jeden Fall, vielleicht als Gartenlaube oder Schuppen. Je häufiger man eine Wand so baut, desto genauer weiß man, was funktioniert. Und Lehm als Baumittel ist wieder im Trend, wird mit neuen Techniken verarbeitet. Lehmputz sorgt für ein besseres Raumklima, absorbiert Feuchtigkeit und ist gut für Allergiker. Er ist zudem regional verfügbar, ein billiges Material und zugleich Dank des Bio-Labels auch ein Statussymbol. Eine interessante Kombination. Wir entdecken ein Material, das wir seit Jahrtausenden kannten, neu.

Wiederaufgelöster Lehm im Trog aus Holz.
Die Giebelwand des Tirschenreuther Hauses.
Die Giebelwand des Tirschenreuther Hauses getüncht - mit im eigenen Ofen gebrannten und gelöschten Kalk.
Hintergrund:

Die gute alte Zeit...

Geschichtsverklärung ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. "Im alten Griechenland haben die Menschen von einem Goldenen Zeitalter gesprochen, in dem alles großartig war", weiß Archäologiestudent Dario Miericke. Die Römer hätten sich bemüht, möglichst antike Ursprünge zu finden. Marseille beispielsweise sei von Herkules persönlich gegründet worden. "Heute sind Mittelaltermärkte modern."

Aber woher kommt eigentlich die Sehnsucht nach der guten alten Zeit? Miericke glaubt, dass viele Menschen sich in eine einfachere Zeit zurück wünschen. Genau das sei der Knackpunkt: "Alles wird immer komplizierter, technischer." Doch das sei nicht zum ersten Mal so, erklärt der Experte: "Der Umbruch von Steinzeite zu Metallzeiten war für uns Menschen grundlegend, genauso vom Jäger und Sammler zum Bauern. Mit der heutigen Technologisierung befinde man sich an einer neuen Umbruchstelle.

Den Widerspruch zwischen dem Wunsch stehen zu bleiben und der Notwendigkeit voranzuschreiten, versuche man im Geschichtspark zu vereinen: "Wie kann man das Potenzial der Vergangenheit für die Zukunft nutzen?" Im Studium hatte Miericke die Theorie, im Geschichtspark die Praxis. "Wir freuen uns übrigens über jeden, der Interesse hat, das auch zu probieren", spricht er eine Einladung aus.

Aktuell und Wissenswert

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