09.10.2018 - 20:04 Uhr
BärnauOberpfalz

„Marco wird das Kind schon schaukeln“

Es ist nicht vorgesehen an diesem Abend. Aber einmal zaubert Marco Knott dann doch. Gleich zu Beginn der Veranstaltung als es darum geht, die vielen Interessierten, die vor dem Schlosstheater Schlange stehen im alten Kino unterzubringen.

Wie in alten Zeiten standen die Kinobesucher am Samstagabend Schlange vor dem Bärnauer Schlosstheater. Früher kamen hier in der Woche bis zu 900 Zuschauer, um die neuesten Filme zu sehen.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

(tr) So zugeparkt war die Altstadt in der Knopfstadt selten. Marco Knott hatte ins Schlosstheater, das sein Großvater Josef Fehr vor 60 Jahren eröffnet hatte, eingeladen. Knott zeigte die Wochenschau vom Eröffnungsabend des Jahres 1958 und den Film "Willi wird das Kind schon schaukeln" mit Heinz Erhardt in der Titelrolle. Von der Bühne vor der Leinwand herab ließ Knott die Kinogeschichte Revue passieren, erzählte manche Anekdote und was er mit dem Lichtspielhaus vorhat. Gut 15 Jahre war der Magier europaweit unterwegs. Er faszinierte mit Zaubershows, absolvierte unzählige Ausbildungen in den verschiedensten Branchen, machte sich einen Namen in der Fitnessszene und arbeitete zuletzt als Wirtschaftsingenieur bei "Gossen Metrawatt" in Nürnberg, bevor er sich mit seiner Firma "exclusive Magic Entertainment" etwa vor einem Jahr selbstständig gemacht hat. Dabei besann er sich auf das alte Schlosstheater der Familie in Bärnau. Schon oft habe er darüber nachgedacht, was sich daraus machen ließe. Dann stand sein Entschluss fest. Entgegen dem Normalfall, dass sich die Jugend nach der Ausbildung aus der Provinz verabschiedet, wählte er den umgekehrten Weg und kehrte zurück in seine Heimatstadt. "Ich mache dies nicht zuletzt auch deshalb, um meinen Eltern Ulrike und Josef etwas zurückzugeben", wie er sagte.

Veranstaltungen aller Art

Die Pläne für einen Umbau des Kinos sind genehmigt und Ende diesen, spätestens Anfang kommenden Jahres soll mit der Verwirklichung begonnen werden. Aus dem Kino soll ein Ort werden, der für die eigenen Zaubershows genauso geeignet sein wird, wie für Firmenpräsentationen, Seminare sowie kleinere Privatfeiern. Dafür wird der stetig ansteigende Fußboden begradigt. Im Bereich der Bühne wird im vorderen Drittel eine Art Tribüne gebaut. Darauf finden etwa 50 Gäste auf Originalstühlen aus dem Kino Platz, die um heutigen Standards zu genügen, gepolstert werden. Von dort aus kann das Publikum Marco Knott hautnah bei seiner Closeup-Zauberei zusehen. Es schließt sich ein großer freier Lounge-Bereich an, der für die jeweiligen Veranstaltungen entsprechend eingerichtet oder bestuhlt werden kann. Wo bisher die Loge war, entsteht ein Bar-Bereich. Knott versprach, dass bei den Umbauarbeiten der Charme des Kinos erhalten bleibt.

Jeden einzelnen Gast begrüßte er am Samstagabend per Handschlag. Seine Schwester Jasmin entwertete die Eintrittskarten, die passend zum historischen Anlass fünf Euro das Stück kosteten. Als Josef Fehr am 9. Oktober 1958 sein Kino eröffnete, begann er das Programm mit der "Fox Wochenschau", mit den wichtigsten Ereignissen in der Welt. Ein Wochen-Nachrichtenüberblick war damals im Kino sehr wichtig, denn kaum jemand hatte einen Fernsehapparat. Am Samstag konnten die Kinobesucher exakt diese Wochenschau noch einmal erleben.

Pure Nostalgie

Anfangs mit Einschränkung, denn die erste halbe Minute tönte die "Tönende Wochenschau" nicht. Dann wurde noch einmal lebendig, was längst Geschichte ist. So etwa der Augenblick, als Elvis Presley die Haare geschnitten wurden, als er zur Armee eingezogen wurde oder der Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss bei Königin Elisabeth II. Nach der Wochenschau folgte der Werbeblock: Neben einem Spot über das Waschmittel Persil auch ein regionaler unserer Tageszeitung. Lief bei der Neueröffnung als Hauptfilm "Die Trappfamilie", flimmerte am Samstag "Willi wird das Kind schon schaukeln" aus dem Jahr 1972 über die Großleinwand. Slaptsitick mit Heinz Erhardt-Sprüchen und seinen damals blutjungen Filmtöchtern Hannelore Elsner, Barbara Schöne und Claudia Butenuth sowie als Gast Fußballstar Uwe Seeler.

Wenn auch die Farbe des Farbfilms im Prinzip nur noch aus Rot- und ansatzweise Gelbtönen bestand, unterstrich das eigentlich nur den nostalgischen Charakter des Abends und tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Auch das Knacken aus den Lautsprecherboxen, immer wenn der Tonabnehmer eine Beschädigung auf der entsprechenden Spur abtastete, verstärkte nur noch das Erleben einer vergangenen Kinoepoche. Selbst an den Hinweis "Film gerissen, gleich geht es weiter" hatte Knott gedacht und ihn im zweiten Drittel geschickt im Film platziert.

München und Hamburg

Beim Hauptfilm dürften sich die Mitarbeiter von "Gossen Metrawatt" besonders gefreut haben. Denn in dem Streifen spielt Erhardt einen Fotografen und verwendet sichtbar ein damals aktuelles Modell eines Gossen-Belichtungsmessers. Aus Nürnberg waren die ehemaligen Kollegen von Marco Knott extra für diesen Abend angereist und auch Wegbegleiter des 35-Jährigen aus München und sogar Hamburg waren gekommen.

Man darf sich schon jetzt auf die Neueröffnung im kommenden Jahr oder spätestens 2020 freuen. Denn eines steht fest: Die, die am Samstag dabei waren, werden dann bestimmt wieder Schlange vor dem Schlosstheater stehen und sehen wollen, wie Marco das Kind geschaukelt hat.

Ein Kinowerbespot vom "neuen Tag" aus alten Zeiten.
Marco Knott und seine Schwester Jasmin begrüßten die Kinobesucher.
Gründer Josef Fehr auf der Leinwand. Enkel Marco Knott auf der Bühne. "Ich bin überzeugt er schaut von oben herab und schaut zu, was ich hier mache. Ich hoffe, dass er eines Tages sagt: des huost goud gmacht, Bou", so Knott.
Propenvoll war das Kino am Samstag gefüllt.
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