28.10.2019 - 08:17 Uhr
BayernOberpfalz

Mödlareuth – geteiltes Dorf, geeintes Dorf

Mödlareuth ist auch heute noch ein geteiltes Dorf – zumindest die Verwaltung betrifft. Ein Besuch in einem Ort, der zum Teil Museum ist.

Von der bayerischen auf die thüringische Seite sind es heute nur ein paar Schritte über die Brücke.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Das kleine Dorf Mödlareuth ist schon geografisch geteilt: Der Tannbach trennt es in einen bayerischen und einen thüringischen Teil. Der Ort besteht aus 18 Gebäuden. 18 Menschen leben auf bayerischer Seite, 30 auf thüringischer. Museumsleiter Robert Lebegern kennt jeden einzelnen. Seit 1990 sind vier Familien zugezogen. „Die Immobilienpreise sind hier überschaubar“, sagt Lebegern.

An manchen Plätzen im Ort ist die Zeit stehengeblieben: Ein Teil des Dorfes gehört zum Deutsch-Deutschen Museum. Einige Bauobjekte aus dieser Zeit sind erhalten. Besucher können sie in den Ausstellungsräumen und auf den Freiflächen besichtigen. Schautafeln am Wegesrand, an einer Scheune oder neben einer Brücke über den Bach weisen auf Ereignisse hin, auf den Mauerbau, den Grenzverlauf sowie den Alltag in BRD und DDR.

Das erste Objekt, das der Besucher erblickt, ist ein Panzer. Und der hat gar nichts mit Mödlareuth zu tun. Das Gefährt T 34 steht am Besucherparkplatz. Der Panzer der Sowjets wurde im Zweiten Weltkrieg hergestellt. In den 90er Jahren wurde er als Zeichen für die deutsch-sowjetische Freundschaft aufgestellt. Im DDR-Mödlareuth ist niemand damit Patrouille gefahren. „Militärische Grenzsicherung gab es einfach nicht“, sagt der Museumsleiter, der aus Weiden stammt und dort lebt. Weil der Panzer die Leute in die Irre führt, soll er weg. Vielleicht kommt er in ein Militärmuseum.

Robert Lebegern aus Weiden leitet das Deutsch-Deutsche Museum in Mödlareuth.

Idealtypischer Nachbau der Grenzanlagen

Hinter dem Kassenhäuschen befindet sich der erste Teil des musealen Freigeländes. Dort ist das DDR-Grenzgebiet nachgebaut, wie es laut Lebegern 1989 „idealtypisch“ angelegt war. Eigentlich ist der Grenzstreifen 500 Meter breit, im Nachbau sind es nur ein paar Meter. „Verdichtete Form“ nennt das der Museumsleiter. Ein verkürzter Beobachtungsturm steht rechts neben dem Weg. Wer die Treppe hochklettert, kann von oben die Besucher an der Grenze beobachten.

Nach einer Biegung des Wegs gelangt man in den zweiten Teil des Freigeländes. Dort ist alles Original – Größenverhältnisse, Materialien, Objekte. Entlang der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze führte zuerst zu 98 Prozent ein Stacheldrahtzaun, später ein Metallzaun. In Mödlareuth aber stand auch eine Mauer. Einen Teil davon gibt es noch, 700 Meter lang, 3,40 Meter hoch, mit einer glatten und runden Mauerkrone, an der jede Hand und jeder Wurfanker abrutschen würde. Nach der 1973 einzigen, geglückten Flucht in Mödlareuth über die Grenze hat die DDR einen Sicherungszaun aufstellen lassen. Der ist aus glattem Metall, die Streben so dicht, dass kein Finger durchpasst, um sich festzuhalten.

In Mödlareuth steht noch ein Teil der Mauer.

Der Tannbach war nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg bedeutsam. Das Dorf teilt er schon seit 1810, damals in das Königreich Bayern und das thüringische Fürstentum Reuß. Für die Dorfbewohner war die Grenze jedoch kein Hindernis, die Menschen gehörten zusammen, bildeten eine Dorfgemeinschaft.

Das war auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg so – bis die DDR 1952 einen Holzbretterzaun entlang der Grenze bauen ließ. Etwas später kam ein Stacheldrahtzaun, eine Plattenwand und 1966 die Mauer. Aus Mödlareuth wird Klein-Berlin. Die Grenze wurde von DDR-Seite immer weiter aufgerüstet. Es ist ein „martialisch anmutender Grenzverlauf auf DDR-Seite“, findet Lebegern. „Die Grenze wurde im Westen überwacht, im Osten bewacht“, heißt es in einem Film, der im Museumskino gezeigt wird. Die Menschen im Ostteil dürfen keine Aufnahmen von den Anlagen machen. Nur 10 Fotos gibt es daher, weiß Lebegern. „Nicht einmal winken ist erlaubt“, erfahren die Zuschauer.

Erst am 7. Dezember 1989, also etwa einen Monat nach der offiziellen Grenzöffnung, konnten die Bewohner in Mödlareuth über den Tannbach. Mödlareuth ist seit 1989 eins – und doch nicht ganz. Der thüringische Teil gehört zur Stadt Gefell, der bayerische zu Töpen. Es gibt unterschiedliche Autokennzeichen, Telefonvorwahlen und Postleitzahlen.

Mahnmahl Grenzanlage

Am 17. Juni 1990 rückten die Bagger an, um die Mauer in der Mitte des Dorfes zu beseitigen. Engagierten Menschen wie dem Fotografen und Filmemacher Arndt Schaffner ist es zu verdanken, dass nach dem Mauerfall nicht alles abgerissen und ein Museum eingerichtet wurde. Die Teile der alten Grenzanlagen blieben als Mahnmal stehen. Heute sind im Museum fünf Mitarbeiter hauptamtlich und zwölf geringfügig beschäftigt. Das Museumsgebäude ist ein ehemaliges Rittergut, idyllisch gelegen neben einem Teich auf bayerischer Seite. Darin ist die Verwaltung untergebracht, es gibt zwei Vortragsräume und einen Saal für Wechselausstellungen. Ab 5. November geht es in der neuen Schau um den 9. November 1989.

„Eine richtige Dauerausstellung haben wir bis heute nicht“, bedauert der Museumsleiter. Platz dafür soll ein Neubau am Rand von Mödlareuth schaffen. Dort sollen unter anderem 500 Quadratmeter für eine Dauerausstellung und 150 Quadratmeter für Sonderschauen, ein Café, ein Archiv und eine Bibliothek entstehen. Rund 100 Architekturbüros haben Pläne dafür eingereicht. In vier bis fünf Jahren möchte Lebegern das neue Gebäude eröffnen.

Mit 20 000 bis 30 000 Besuchern haben die Initiatoren des Museums anfangs gerechnet. Heute sind es jedes Jahr 80 000. 2015 waren es sogar 94 000 Besucher – wegen des Jahrestags 25 Jahre Deutsche Einheit und der Fernsehserie „Tannbach“. „Das hat man beim Feedback der Besucher gemerkt“, sagt Lebegern. Sein Team gibt 1000 Gruppenführungen pro Jahr, die Hälfte davon für Schulklassen – für Menschen, die die Teilung Deutschlands nicht mehr erlebt haben. In „Little Berlin“ erfahren sie, was das damals für die Bewohner bedeutet haben muss.

Teilung Koreas:

Nicht nur viele Deutsche besuchen das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth. Südkoreaner zum Beispiel interessieren sich für die Darstellung der Teilung eines Landes in einem Museum. Immer wieder begrüßt Museumsleiter Robert Lebegern Delegationen aus Asien in Mödlareuth. Auch er war schon zwei Mal in Südkorea, zuletzt vor einem Jahr. Das DMZ-Museum in Seoul bietet Ausstellungen über die Teilung Koreas, beschäftigt sich mit dem Koreakrieg und dem Leben vor und mit der Teilung. Zuletzt gab es dort die Ausstellung „Sympathie – Deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Dafür wurden aus Mödlareuth einige Objekte in einem Container nach Asien geschifft.

Bei seinem Besuch in Südkorea hat Lebegern auch einen sogenannten Observationpoint besucht, von dem man über die Grenze nach Nordkorea blicken kann. Ganz klein habe er den nordkoreanischen Observationpoint gesehen. „Das war sehr spannend und ergreifend. Hier bist du an einer heißen Grenze“, sagt er heute darüber. „Da reflektierst man wieder, was für ein Glück wir haben.“ Es sei nicht selbstverständlich, heuer 30 Jahre Grenzöffnung zu feiern und im nächsten Jahr 30 Jahre Wiedervereinigung. Die Koreaner warten immer noch darauf.

Korea ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und der Einrichtung zweier Besatzungszonen geteilt. Weil das Land inzwischen länger geteilt ist als BRD und DDR es waren, sei der Entfremdungsprozess stärker, immer weniger Menschen kennen ein geeintes Land, sagt Lebegern. Der Museumsleiter schätzt die Wirtschaftskraft in Nordkorea schlechter ein als die der damaligen DDR. Eine Wiedervereinigung würde ein Kraftakt werden. Lebegern fragt sich, ob eine Wiedervereinigung dort mit der selben Euphorie einhergehen würde, wie in Deutschland und die Südkoreaner zum Beispiel eine Art Solidaritätszuschlag akzeptieren würden.

Service:
  • Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Mödlareuth 13, 95183 Töpen, Telefon 09295/1334
  • Dienstag bis Sonntag, 1. November bis 28. Februar (9 bis 17 Uhr), 1. März bis 31. Oktober (9 bis 18 Uhr). Montags nach Vereinbarung geöffnet.
  • Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 2 Euro.
  • Termine: 5. November (9 Uhr): Sonderausstellung zum ). November 1989, läuft bis 31. März 2020. 9. November (13 bis 19 Uhr): Gedenkveranstaltung zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung. 9. Dezember (18 Uhr): 30 Jahre Grenzöffnung in Mödlareuth mit Fackel-Sternwanderung
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