29.07.2021 - 13:14 Uhr
BrandOberpfalz

Hereinspaziert: Das "schwebende Schlachthaus" wird eröffnet

Nach coronabedingter Verschiebung wird am Sonntag das "schwebende Schlachthaus" in Brand endlich eröffnet. Auch wenn es zu Beginn am Zutritt haperte.

"Hereinspaziert": Die Freude steht den beiden ins Gesicht geschrieben: Bürgermeister Bernhard Schindler (rechts) und Pächter Sven Janson freuen sich darauf, im sogenannten "schwebenden Schlachthaus" viele Gäste begrüßen zu dürfen.
von Bertram NoldProfil

Gäbe es ein Foto, es wäre das Symbol für das ganze Projekt: Lange vor dem Start schauten sich die Architektinnen Anna Firak und Judith Kinzl das ziemlich schadhaft gewordene Gebäude an. Ein Schlüssel war nicht da, also musste ein anderer Weg gefunden werden, um ins Haus zu kommen. Der neue Weg führte die beiden Damen durchs Fenster - er steht damit stellvertretend für vieles, was im Verlauf der Bauphase geschah: Neue, ganz andere Wege mussten gefunden werden, um das Gebäude zu erhalten.

Ohne den Schlüssel ging es aber dann doch nicht: Den hatte Architekt Peter Haimerl - nicht als metallischen Gegenstand in der Hosentasche, sondern als zündende Idee im Kopf.

In Region in aller Munde

Wenn der Untergrund wegen eines Weihers, den es hier einmal gab, zu schwammig ist und dieser Boden nicht trägt und das Schlachthaus über kurz oder lang nach hinten kippen lässt, dann soll es darüber stehen und zwar auf Bohrpfählen. Dafür gebrauchte Peter Haimerl, inzwischen auch Professor an der Kunsthochschule in Linz, den Begriff „schwebendes Schlachthaus“. Als solches war das Projekt von da an in aller Munde, nicht nur in Brand, in der gesamten Region.

„Wir reißen nicht ab, wir sanieren und erhalten“, hat der Architekt einmal in einer Fernsehsendung gesagt und dieser Satz wurde zum Grundsatz nicht nur der Schlachthaus-Sanierung, sondern des gesamten Städtebau-Projekts, von dem auch private Anwesen profitieren können.

Kritik aus der Gemeinde

Selbstverständlich gab es nicht nur Zustimmung in der Gemeinde, die Kritiker waren nicht zu überhören. Doch Peter Haimerl kennt das und versuchte, im Gemeinderat das Vertrauen des Gremiums mit einem Satz zu gewinnen: „Ich denke immer etwas anders als andere und ich kann das auch nicht so ausführlich erklären! Ihr müsst ma halt vertrauen.“ Das taten die Gemeinderäte und schon bald folgte ein Schritt auf den anderen: Spatenstich im großen Rahmen mit großer Besucherzahl, Vergabe der Aufträge und dann auch Baubeginn. Der Boden wurde untersucht, damit die Pfähle gebohrt werden konnten. 38 Stück, sieben Meter tief, einige davon schräg, um die seitliche Stabilisierung zu gewährleisten. Darauf eine 40 Zentimeter dicke Betondecke, deren Bewehrung in die Seitenwände des Hauses greift. So war das tragende Element geschaffen.

Viele örtliche und regionale Firmen waren dann am Zug, um die einzelnen Gewerke auszuführen. Mancher Handwerker wird sich an die wöchentlichen „Jourfixe“ erinnern, in denen es schon auch einmal richtig zur Sache ging. Planer und Ausführende waren sich da nicht immer einig, weil jeder der Beteiligten eine andere Sichtweise hat und nicht immer alles „logisch“ gesehen werden sollte.

Geschichte im Mittelpunkt

Die Geschichte des Hauses war bei der Ausführung bestimmendes Element, um das sich alles drehte. Da war schon Verständnis nötig, wenn seitens der Planer gefordert wurde, möglichst viel zu erhalten. Ein alter blecherner Lampenschirm, den man auch beim Sperrmüll finden kann, sollte mit einem Pinsel zu gereinigt werden - da bedurfte es schon großer Liebe zum Detail. Das aber ist die Vielfalt, die am Ende zielführend ist, wenn sich aus vielen Ideen und Ansichten zum Schluss doch ein Kompromiss ergibt.

Bauleiter Karl Landgraf aus Blaibach, ein großer Befürworter des Projekts und bei den Fachgesprächen meist anwesend, musste da schon auch einmal ein Machtwort sprechen. Von Anfang an wurde auch der alte Wurstkessel als „unbedingt erhaltenswert“ eingestuft und dank des Brander Bürgermeisters Bernhard Schindler hat er eine neue Aufgabe: „Musik aus dem Wurschtkessel“ heißt es künftig am Freitag und jeden zweiten Mittwoch, wenn die beiden Chöre proben und ihre Noten aus dem zu einem Notenschrank umfunktionierten alten Teil holen, das einmal zu einer der wichtigsten Einrichtungen der Metzgerei gehört hat.

Auch das gibt es in Brand, wo neue Wege gegangen werden und ein Schlachthaus gebaut wurde, das bei der Planung der wegen Corona verschobenen Sommerlounge stets als „Leuchtturm-Projekt“ galt. Von hier aus soll sich das neue Brand entwickeln. Und da könnte auch der von Bernd Würstl aus Neusorg umgebaute Kessel den neuen Weg symbolisieren, der mit der Städtebauförderung gegangen wird.

Einweihung am Sonntag

Nun ist die Zielgerade erreicht: In den vergangenen Tagen waren verstärkt Aktivitäten am und um das Haus zu beobachten. Corona lässt eine eingeschränkte Einweihung zu: am kommenden Sonntag, 1. August. Um 10 Uhr ist Gottesdienst in der Kirche und um 11 Uhr wird Pater Joy das Schlachthaus segnen.

Wie geht es dann nach der Eröffnung weiter? Erste Interessenten für die Nutzung des Schlachthauses waren die beiden Brander Chöre. Der Männerchor probt jeden Freitag, der Gemischte Chor jeden zweiten Mittwoch. Mit Sven Janson ist ein Pächter gefunden worden. Seit Tagen ist er mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das Schlachthaus wird künftig am Donnerstag, Samstag und Sonntag geöffnet sein.

Programm

Um 11 Uhr ist Beginn der offiziellen Einweihung. Nach Worten des Bürgermeisters und Beiträgen anderer Ehrengäste wird Pater Joy das Haus segnen. Wenn das Band durchschnitten ist, darf zugegriffen werden: Im Innenbereich gibt es Kaffee und Kuchen, im Außenbereich sorgen der FGV für Bratwürste und die Feuerwehr für Getränke. Selbstverständlich müssen in der pandemischen Zeit die Vorschriften eingehalten werden. 100 Besucher dürfen sich auf dem Gelände aufhalten. Bei Eintritt werden alle registriert und erhalten Bändchen, das bei Verlassen des Geländes wieder abzugeben ist und desinfiziert wird, um es dem nächsten zu übergeben. Da nur 100 Bändchen vorhanden sind, ist sichergestellt, dass die maximale Zahl nicht überschritten wird. Oberste Regel: Abstand.

Im Oktober 2020 liefen die letzten Arbeiten

Brand
Info:

Daten und Fakten:

  • Juli 2017: Erwerb des alten Schlachthauses
  • November 2017: Einreichung der Förderantragsunterlagen bei der Regierung der Oberpfalz
  • Mai 2018: Zustimmung zum vorzeitigen Maßnahmenbeginn durch die Regierung der Oberpfalz
  • Juli 2018: Spatenstich
  • Januar 2019: Zuwendungsbescheid mit 90-prozentiger Förderung über das Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm VI
  • April 2019: Vergabe der Baumeisterarbeiten mit offiziellem Baubeginn
  • 1. August 2021: Eröffnung und Einweihung des „schwebenden Schlachthauses“
  • Reine Baukosten: rund 750.000 Euro brutto

„Ich denke immer etwas anders als andere und ich kann das auch nicht so ausführlich erklären! Ihr müsst ma halt vertrauen.“

Architekt Peter Haimerl

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