14.10.2020 - 10:34 Uhr
BrandOberpfalz

"Schwebendes Schlachthaus" wird am Kirchweihsamstag eröffnet

Drei Jahre Bauzeit - vom Grundstückserwerb bis zur Fertigstellung - erfahren am Samstag ihre Krönung: Das "Schwebende Schlachthaus" in Brand ist vollendet - auch wenn es zu Beginn am Zutritt haperte.

von Bertram NoldProfil

Gäbe es ein Foto, es wäre das Symbol für das ganze Projekt: Lange vor dem Start schauten sich die Architektinnen Anna Firak und Judith Kinzl das ziemlich schadhaft gewordene Gebäude an. Ein Schlüssel war nicht da, also musste ein anderer Weg gefunden werden, um ins Haus zu kommen. Der neue Weg führte die beiden Damen durchs Fenster und steht damit stellvertretend für vieles, was im Verlauf der Bauphase geschah: neue Wege, ganz andere Wege, mussten gefunden werden, um das Gebäude zu erhalten.

Ohne den Schlüssel ging es aber dann doch nicht - den hatte Architekt Peter Haimerl. Nicht als metallischen Gegenstand in der Hosentasche, sondern als zündende Idee im Kopf: Wenn der Untergrund wegen eines Weihers, den es hier einmal gab, zu schwammig ist und dieser Boden nicht trägt und das Schlachthaus über kurz oder lang nach hinten kippen lässt, dann soll es darüber stehen und zwar auf Bohrpfählen. Dafür gebrauchte Peter Haimerl, inzwischen auch Professor an der Kunsthochschule in Linz, den Begriff „Schwebendes Schlachthaus“. Als solches war das Projekt von da in aller Munde - nicht nur in Brand, in der gesamten Region.

Kritiker überzeugt

„Wir reißen nicht ab, wir sanieren und erhalten“, hat der Architekt einmal in einer Fernsehsendung gesagt und dieser Satz wurde zum Grundsatz nicht nur der Schlachthaus-Sanierung, sondern des gesamten Städtebau-Projekts, von dem auch private Anwesen profitieren können.

Selbstverständlich gab es nicht zur Zustimmung in der Gemeinde, die Kritiker waren nicht zu überhören. Doch Peter Haimerl kennt das und versuchte, im Gemeinderat das Vertrauen des Gremiums mit einem Satz zu gewinnen: „Ich denke immer etwas anders als andere und ich kann das auch nicht so ausführlich erklären. Ihr müsst ma halt vertrauen!“ Das taten die Gemeinderäte und schon bald folgte ein Schritt auf den anderen: Spatenstich im großen Rahmen mit großer Besucherzahl, Vergabe der Aufträge und dann auch Baubeginn. Der Boden wurde untersucht, damit die Pfähle gebohrt werden konnten. 38 Stück, 7 Meter tief, einige davon schräg, um die seitliche Stabilisierung zu gewährleisten. Darauf eine 40 Zentimeter dicke Betondecke, deren Bewehrung in die Seitenwände des Hauses greift. So war das tragende Element geschaffen. Viele örtliche und regionale Firmen waren dann am Zug, um die einzelnen Gewerke auszuführen.

Ich denke immer etwas anders als andere und ich kann das auch nicht so ausführlich erklären. Ihr müsst ma halt vertrauen.

Architekt Peter Haimerl

Mancher Handwerker wird sich an die wöchentlichen „Jourfixe“ erinnern, in denen es schon auch einmal zur Sache ging. Planer und Ausführende waren sich da nicht immer einig, weil jeder der Beteiligten eine andere Sichtweise hat und nicht immer alles „logisch“ war.

So kam das Schlachthaus zum Schweben

Brand

Die Geschichte des Hauses war bei der Ausführung bestimmendes Element, um das sich alles drehte. Da war schon Verständnis nötig, wenn seitens der Planer gefordert wurde, möglichst viel zu erhalten. Das aber ist mit Begriffen wie „schön“ und „unpraktisch“ nicht in den Griff zu bekommen. Ein alter blecherner Lampenschirm sollte mit einem Pinsel zu gereinigt werden. Da bedarf es schon großer Liebe zum Detail. Das aber ist die Vielfalt, die am Ende zielführend ist, wenn sich aus vielen Ideen und Ansichten zum Schluss doch ein Kompromiss ergibt. Bauleiter Karl Landgraf aus Blaibach, ein großer Befürworter des Projekts und bei den Fachgesprächen meist anwesend, musste da schon auch einmal ein Machtwort sprechen.

Wurstkessel als Notenschrank

Von Anfang an wurde auch der alte Wurstkessel als „unbedingt erhaltenswert“ eingestuft und dank des Brander Bürgermeister Bernhard Schindler hat er eine neue Aufgabe: „Musik aus dem Wurschtkessel“ heißt es künftig am Freitag und jeden zweiten Mittwoch, wenn die beiden Chöre proben und ihre Noten aus dem zu einem Notenschrank umfunktionierten Wurstkessel holen. Auch das gibt es in Brand, wo neue Wege gegangen werden und ein Schlachthaus gebaut wurde, das bei der Planung der wegen Corona verschobenen Sommerlounge stets als „Leuchtturm-Projekt“ galt. Von hier aus soll sich das neue Brand entwickeln. Und da könnte auch der von Bernd Würstl aus Neusorg umgebaute Kessel den neuen Weg symbolisieren, der mit der Städtebauförderung gegangen wird. Nun ist die Zielgerade erreicht, der Countdown läuft und am kommenden Kirchweihsamstag ist ausgezählt.

Wie geht es dann nach der Eröffnung weiter? In einer Sitzung des Gemeinderats standen die Öffnungszeiten auf der Tagesordnung. Erste Interessenten für die Nutzung des Schlachthauses waren die beiden Brander Chöre. Der Männerchor probt jeden Freitag, der Gemischte Chor jeden zweiten Mittwoch. Bürgermeister Bernhard Schindler schlug vor, das Haus am Donnerstag, Samstag und Sonntag zu öffnen. An den ersten beiden Tagen von 18 Uhr bis 23 Uhr und am Sonntag von 13 Uhr bis 18 Uhr. Die Vereine müssen sich bei Veranstaltungen selbst versorgen: das Geld für die Getränke aus dem Kühlschrank wird hinterlegt, am nächsten Tag wird abgerechnet. Das bedeutet aber auch, dass jemand gefunden werden muss, der organisiert und das Management übernimmt. Denkbar sei auch, hieß es bei der Sitzung, dass Firmen wie Metzger oder Gemüsehändler zu bestimmten Zeiten ihre Waren im Schlachthaus verkaufen. Interessenten scheinen bereits vorhanden zu sein. „Ein Jahr Probelauf“ soll es erst einmal werden, dann könne man ein Resümee ziehen.

Schwebendes Schlachthaus:

Daten und Fakten

Daten und Fakten:

Juli 2017: Erwerb des alten Schlachthauses

November 2017: Einreichung der Förderantragsunterlagen bei der Regierung der Oberpfalz

Mai 2018: Zustimmung zum vorzeitigen Maßnahmenbeginn durch die Regierung der Oberpfalz

Juli 2018: Spatenstich

Januar 2019: Zuwendungsbescheid mit 90-prozentiger Förderung über das Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm VI

April 2019: Vergabe der Baumeisterarbeiten mit offiziellem Baubeginn

17.Oktober 2020: Eröffnung und Einweihung des „schwebenden Schlachthauses“

Reine Baukosten: rund 750.000 Euro brutto

Einweihung am Samstag:

Ablauf

14 Uhr Durchschneiden des Bandes mit Ehrengästen. Im Anschluss Führung durch das Schlachthaus mit Kaffee und Kuchen im Innenbereich, im Außenbereich gibt es Bratwürste und Steak mit Getränken. Danach heißt es gemütlich Beisammensein und Kirchweih feiern. Außerdem stehen die Erläuterung der geplanten weiteren städtebaulichen Maßnahmen durch das Architekturbüro Haimerl (Abbruch „Goldener Hirsch“ mit Gestaltung der Freianlagen – Umbau Fichtelberger Straße 3) auf dem Programm.

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