13.01.2020 - 12:08 Uhr
BrandOberpfalz

Tempo, Lügen und Lachsalven

Brander Theatergruppe bietet Gags und Pointen am laufenden Band. Publikum beklatscht ausgezeichnete Inszenierung.

Ein überzeugt und engagiert spielendes Ensemble vereinnahmte zwei Stunden lang die Bühne, um ein ungeheures Chaos anzurichten, dessen Auflösung nicht absehbar war. (hinten, von links) Torsten Erhardt, M;ax Hars, Helmut Prechtl, Carmen Lehnert, Tobias König; (vorne, von links) Sabine Erhardt, Juliane Eberl, Andrea Gutt, Veronika Kraus
von Bertram NoldProfil

„Hier wohnen, leben und streiten die Bubeks..“ Die offene Tür des Wohnzimmers gibt den Blick auf diesen Satz an der Wand im Flur frei. Haarscharf getroffen, doch leider nur ein Teil der Wahrheit. Hier wird auch gelogen, dass sich die Balken biegen, wobei es dieses Mal kein reales Äquivalent zu den in dem Sprichwort angesprochenen Balken gibt. Im Bühnenbild – dieses Mal modern - entdeckt man solche eher dem Landhaus zugehörigen verschnörkelten Holzelemente nicht. Auch keine Magd, keinen Knecht, keinen Kachelofen! Hier ist alles kühl, geradlinig, aalglatt und unschuldig weiß. Ein Spiegelbild einiger Personen, die hier in zwei Stunden lang in vier Akten ein Chaos errichten, dessen Entflechtung trotz heftigem Nachdenkens nicht vorauszuahnen ist.

Mit „Lügen über Lügen“ von Walter G. Pfaus hat sich die Theatergruppe für die Spielzeit 2020 ein etwas moderneres Stück vorgenommen; jedoch mit der Verpflichtung, dem Oberpfälzer Dialekt treu zu bleiben, denn die Theatergruppe ist auch im Besitz einer Urkunde bezüglich „Immaterielles Kulturerbe“ in Bezug auf ihre Mundart. Viele Gäste will sie im Mehrzwecksaal wieder begeistern und zum Lachen bringen. Glückwunsch! Das in Ankündigungen formulierte Ziel wurde erreicht.

Bei der temporeichen Inszenierung von Jochen Erhardt und Veronika Söllner reihten sich Pointen und Gags so dicht aneinander, dass sich die Lachsalven phasenweise geradezu überdeckten. Ein wahrliches Feuerwerk brannten die Schauspieler ab; zur großen hörbaren und spürbaren Freude der Besucher, die nicht einen Platz im Mehrzwecksaal frei ließen. Es war Premiere! Bei den fünf weiteren Vorstellungen wird es nicht anders sein, denn seit Wochen sind alle ausverkauft.

Das Verwirrspiel beginnt damit, dass sich Leo und Sonja Bubek mächtig streiten, und zwar um nichts Geringeres als um ein Vier-Minuten-Ei. Doch dieser kleine Hickhack steht nur stellvertretend für den dauerhaften Ehe-Zwist. Das Geld reicht hinten und vorne nicht und dass Bescheidenheit eine Zier ist, ist der Ehefrau fremd. Sie gibt mehr Geld aus, als Leo verdient. Eine reiche Tante in Amerika kann da ein Hoffnungsschimmer sein, doch sie ist erst 60 Jahre und Leos Idee, schriftlich anzufragen, wann sie zu sterben gedenkt, ist nicht unbedingt eine zündende. Da bleibt nur die Hoffnung! Karriere ist nicht Leos Ziel, das damit verbundene Geld aber wäre es schon. Seine Frau hat ihn in Briefen an die Tante, die Leo nie lesen durfte, zum Landtagsabgeordneten gemacht. Peinlich, als sie ihren Besuch ankündigt und bis zum Eintreffen nur noch wenig Zeit bleibt. Nun wird`s brenzlig!

Das in den Briefen beschriebene Hausmädchen, der Diener und der Chauffeur müssen her und werden in schauspielbegabten Freunden gefunden, die nun drei Tage lang ihre Rollen spielen müssen; die einen mit Humor, die anderen eher unter großen Vorbehalten: Torsten Erhardt macht sich in der Rolle des Dieners ebenso gut wie als karrierescheuer Angestellter, Andrea Gutt als ständig fordernde Ehefrau, die aus den Verwirrungen ihre Vorteile zieht, Tobias König, der als Freund Jörg die Sache mit Humor nimmt und an der neuen Rolle seinen Spaß zu haben scheint. Veronika Kraus schlüpft dieses Mal in die Rolle der dekadenten Tante aus Amerika, auch Helmut Prechtl passt gut in die Uniform eines hat sich mit seiner neuen Aufgabe als Chauffeur angefreundet. Und da ist noch Carmen Lehnert, die ihren Part als trinksüchtige Mutter, die am Ende die Zahl ihrer Kinder nicht mehr kennt, prächtig spielt. Sabine Erhardt, unbefangen und echt als Hausmädchen, ebenso wie Max Hars als Einbrecher mit der besonderen Masche, einziger Profiteur des über drei Akte immer unüberschaubarer werdenden Chaos. Schließlich schlüpft Juliane Eberl im vierten Akt noch in eine ganz wichtige Rolle, um die Geschichte zu einem keinesfalls voraussehbaren Ende zu führen.

Ein wunderbarer Theater-Abend mit allem, was die Theatergruppe Brand und ihre Heimat, der Mehrzwecksaal, zu bieten haben: gemütliche Theater-Atmosphäre, gute Bühnentechnik, viele engagierte Helfer, die zu einem solche Projekt nötig sind. Entsprechend dankbar äußerte sich Vorsitzender Jochen Erhardt nach dem letzten Vorhang. „Kleine Lügen tun nicht weh“ sang Max Raabe in der Pause aus dem Lautsprecher. Mit den großen Lügen auf der Bühne hatten die Besucher viel Spaß.

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