Bruck
24.06.2019 - 16:04 Uhr

Täter gerät an die Falschen

Kein Job, keine Wohnung, nur Schulden. So sucht ein junger Drogensüchtiger sein Heil in einem Raubüberfall. Aber er erlebt massive Gegenwehr und flieht schließlich panisch vom Tatort. Vor Gericht gibt es dann eine rührende Szene.

Der 26. April 2018 bleibt den Inhabern dieses Getränkemarkts in Bruck in Erinnerung. Denn gegen 16.30 Uhr betritt ein Räuber das Geschäft, komplett schwarz gekleidet und vermummt. Er hält den Ladenbesitzern ein Messer entgegen und fordert Bargeld. Bild: Thomas Dobler
Der 26. April 2018 bleibt den Inhabern dieses Getränkemarkts in Bruck in Erinnerung. Denn gegen 16.30 Uhr betritt ein Räuber das Geschäft, komplett schwarz gekleidet und vermummt. Er hält den Ladenbesitzern ein Messer entgegen und fordert Bargeld.

Der kleine Platz am Rande des Brucker Ortskerns ist sehr malerisch. An ihm findet sich ein alter Getränkemarkt, den die Nachbarn auch zum Plausch aufsuchen. Das liegt nicht zuletzt an dem freundlichen Ehepaar, das den Laden betreibt. Doch an einem späten Nachmittag im April vor einem Jahr wird die kleinstädtische Idylle plötzlich gesprengt.

"Ich bin mit meinem Mann vor dem Geschäft gestanden und wir haben uns unterhalten, als plötzlich der Angeklagte an uns vorbei in den Laden läuft", erinnert sich die Inhaberin, die als Zeugin vor dem Schöffengericht in Amberg den Tathergang schildert. Der junge Mann, vermummt mit einem Tuch vor dem Gesicht und einem großen Küchenmesser in der Hand, stoppt an der Kasse und ist zunächst ratlos. Niemand ist im Getränkemarkt.

Die 55-jährige Chefin, die sich nichts Böses denkt, nähert sich und fragt wie immer "Was kriegen Sie denn bitte?" Das folgende Kommando "Kasse auf, Geld her!" sollte eigentlich unmissverständlich sein, aber die Frau ist etwas schwerhörig. "Was wollen Sie jetzt bitte?" hakt sie nach und bemerkt voller Schrecken das Messer in der Hand des Räubers. Der wiederholt seine Aufforderung, bekommt aber zunächst vom Ladenbesitzer, der ebenfalls hereingekommen ist und sich einmischt, den Satz an den Kopf geworfen: "Was willst du, Krüppel?"

Und es fliegen nicht nur Worte. Der 59-jährige Chef greift sich sofort eine volle Literflasche Wasser und schleudert sie aus einigen Metern Entfernung auf den Vermummten. "Ich hab extra eine Plastikflasche genommen, damit wir keine Scherben im Markt haben", erzählt er Richter Peter Jung. Weil sich der Räuber wegduckt, wirft der Händler noch zwei Flaschen in dessen Richtung. Wieder ohne Erfolg. Da reißt dem Älteren der Geduldsfaden, er wuchtet einen kompletten Getränkekasten hoch und donnert ihn in Richtung Täter. Dem wird diese unerwartete Gegenwehr zu viel, er nimmt voller Angst Reißaus und schwingt sich auf das ältere Herrenfahrrad, das er auf dem kleinen Platz vor dem Getränkemarkt abgestellt hat. Der junge Mann flüchtet mit dem Rad über die Hintere Marktstraße in Richtung Ortsmitte. Der Geschäftsinhaber bleibt unverletzt, seine Ehefrau wird beim Wurf des Wasserkastens leicht verletzt. Der Rest ist Polizeiarbeit, nach einem Monat ist der Täter identifiziert.

Wie sich zeigt, haben den 20-Jährigen vor und nach dem Überfall einige Leute gesehen, aber sich bei der Vermummung nichts gedacht. "Der hat wahrscheinlich Heuschnupfen oder macht gerade eine Chemo", lauten die arglosen Gedanken der Passanten.

Krank ist der 20-Jährige nicht im klassischen Sinn, aber auch nicht gesund. Er kommt aus einer zerrütteten Familie, lernt mit 13 Jahren falsche Freunde kennen und folgt ihnen aus Dummheit in ein Geflecht aus Rauschgiftkonsum und -handel. Die Rolltreppe abwärts fährt in den folgenden Jahren immer schneller, und der Teenager konsumiert querbeet fast alles, was für wenig Geld auf dem Markt zu haben ist - vor allem Cannabis und Crystal Meth. Dazu jede Menge Bier und Schnaps. Arbeitsplatz, Wohnung, alles geht verloren, der Schuldenberg wächst. "Ich hätte das Geld aus dem Überfall auch gebraucht, um meine Schulden abzubezahlen", gibt er kleinlaut zu.

Vor Gericht zeigt sich dann aber auch folgendes: Der Angeklagte hat zwischenzeitlich erfolgreich seinen Teufelskreis aus Schulden, Drogen und Alkohol durchbrochen, die Kontakte zur Szene gekappt, eine Entziehungskur absolviert, eine Arbeit gefunden - und eine nette Freundin samt gemeinsamer Wohnung.

Das alles fließt in das Urteil ein, das Verteidiger Peter Grau (Burglengenfeld) mit seinem Plädoyer vorbereitet hat. Ein Jahr und neun Monate Haft auf Bewährung scheinen den Schöffen am Amberger Amtsgericht angemessen, die "erzieherische Gründe" für die Milde vorbringen. "Gefängnis wäre jetzt konraproduktiv", formuliert Richter Jung. Staatsanwältin Franziska Paintner hatte vorab ein Jahr mehr gefordert - ohne Bewährung.

Vielleicht hat die Schöffen auch bewegt, dass die Besitzerin des Ladens nach ihrer Zeugenaussage auf den Angeklagten zugeht, ihm die Hand schütteltet und sagt: "Ich habe dir verziehen und wünsche, dass du dein Leben gut in Griff bekommst."

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.