Deutschland und die Welt
30.04.2026 - 10:54 Uhr

OTon: "Hoffentlich muss ich nicht heiraten"

Die Hochzeit, der schönste Tag im Leben. Es ist schön, wenn es vielen Menschen so geht, denn es geht auch anders. Redakteurin Stefanie Swann begegnete einer jungen Frau, die Angst davor hatte.

Feminismus kann laut sein, muss er aber nicht. Symbolbild: Ricardo Rubio/EUROPA PRESS/dpa
Feminismus kann laut sein, muss er aber nicht.

Ich hab mal eine Frau getroffen. Sie war 23 und sollte verheiratet werden. Sie wollte es nicht, aber sie wusste, es war ihr Schicksal. Sie erzählte mir, ihre Cousine muss mit 25 Jahren heiraten. Das beschließen ihre Eltern. „Mein Ziel ist es, ein Jahr länger durchzuhalten“, sagte sie. „Vielleicht schaffe ich es ja bis 26.“ Ich war erzürnt und traurig, aber auch beeindruckt von ihrem Widerstand, und erleichtert, nicht dasselbe durchmachen zu müssen. Ich stellte mir die Frage, wie sieht Feminismus wirklich aus?

Feminismus verändert sich über die Jahrhunderte. Heute sieht er anders aus als bei den Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie protestierten, waren öffentlich, waren laut. So kann Feminismus sein, muss er aber nicht. Und das ist schön.

Er kann nämlich auch so aussehen wie bei der jungen Frau, die ich in einem anderen Land traf: ein Jahr länger unverheiratet bleiben. Es wirkt vielleicht wie ein kleiner Schritt, für sie ist es ein riesiger. Vielleicht schafft ihre Tochter es dann zwei Jahre länger und deren Tochter dann fünf? Man weiß es nicht.

Und hier bitte ich, die Arroganz gegenüber fremden Kulturen abzulegen. In Deutschland hatte der Ehemann noch bis 1958 das letzte Wort. Frauen durften lange kein eigenes Konto eröffnen oder ohne Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten gehen. Er konnte ihren Arbeitsvertrag ohne deren Einwilligung kündigen. Erst 1997 beschloss der Bundestag, Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen zu bewerten. Verrückt, oder? Jedes Land hat eben seine eigene Zeitachse. Ich bin jedenfalls froh, eigene Entscheidungen treffen zu können und mir auszusuchen, mit wem ich meinen Alltag verbringe.

Ich bin mit der Frau, die ich traf, noch in Kontakt. Heute ist sie 25. Verheiratet ist sie noch nicht, ihre Cousine heiratete vor drei Monaten. Ihre Eltern machen ihr nun Druck. Wenn sie schreibt, klingt es, als wäre ihr Leben in Freiheit eine tickende Zeitbombe.

Vor Kurzem schrieb sie mir dann, es gebe gute Nachrichten. Was bei meinen heimischen Freundinnen durchaus „große Hochzeit“ bedeuten konnte, wusste ich, konnte bei ihr nicht sein. Im Gegenteil: Sie schrieb, sie mache eine große Reise nach Thailand, allein.

Info:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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