09.08.2021 - 17:57 Uhr
Dießfurt bei PressathOberpfalz

Streit um Wildschwein "Helga"

Wie geht es "Helga"? Heinz Piehler aus Dießfurt sorgt sich um den verwaisten Frischling, den er eingefangen, aufgepäppelt und dann in andere Hände abgegeben hat. Als Zwischenlösung, betont er. Auf Dauer, sagt die Kontrahentin.

Frischling "Helga".
von Anita Reichenberger Kontakt Profil

Es war Ende Mai, als Heinz Piehler aus Dießfurt, der im Landkreis Schwandorf arbeitet, das junge Wildschwein zum ersten Mal sah: "Es hat an einer Bushaltestelle beim Murner See gesessen und sich dann in einen Garten verirrt", erzählt er. Da die Einfangversuche einer Frau scheiterten, versuchte es Piehler am nächsten Tag vor Schichtbeginn selbst - mit Genehmigung von Jagdpächter und Veterinäramt: "Sonst ist es Wilderei."

Die Suche war zunächst vergeblich: "Ich bin eineinhalb Stunden mit Kescher und Futter im Regen rumgerannt." Bis ihm auffiel: "Bei einer Ausflugsgaststätte stehen so viele Leute." Und tatsächlich ging ihm der Frischling dort ins Netz. Piehler bekam kurzfristig frei - "ich habe ein Wildschwein im Auto" - und transportierte die besondere Fracht zu sich nach Hause.

Der 59-Jährige hat dort ein Freigehege für chronisch kranke Streunerkatzen. In einem davon abgetrennten Bereich brachte er den Frischling unter. Und dann war der Tierarzt gefragt: Denn das junge Wildschwein hatte eine Verletzung auf der Nase, ein eitriges Auge und eine Lungenentzündung. "Der Tierarzt hat gesagt, das hat ein Hund erwischt und von der Rotte getrennt." Der Frischling - damals "maximal zwei Monate alt" und "fünf bis sechs Kilo schwer" - benötigte eine mehrwöchige Behandlung. Außer Antibiotika kamen auch Wärmelampe und Heizpads zum Einsatz: "Das war ein Drama ohne Ende." Doch die Bemühungen zahlten sich aus: "Er ist immer munterer geworden."

Schwierige Suche nach Platz

Aber wohin nun mit "Helga", wie der Tierarzt - der laut dem Dießfurter übrigens keine Behandlungskosten in Rechnung stellte - das junge Wildschwein genannt hat? Es ging zunächst zu Bekannten Piehlers in Regensburg, die über einen "großen gesicherten Garten" verfügen. Dort blieb der Frischling "über eine Woche". In der Zwischenzeit suchte der 59-Jährige nach einem Platz für das Tier.

Dazu startete er einen Facebook-Aufruf über "Notrüsselchen", eine "Vermittlungsgruppe für private Schweinehalter". "Da haben sich auch welche gemeldet, aber die waren alle zu weit weg", berichtet Piehler. "Unter 300 Kilometer ist gar nichts gegangen." Und in einen Tierpark - Höllohe wäre aufnahmebereit gewesen - oder Gnadenhof wollte er den Frischling nicht geben: "Er bräuchte halt Gleichaltrige als Gesellschaft."

Dann habe sich eine Frau aus dem nördlichen Landkreis Amberg-Sulzbach gemeldet, die selbst Tiere halte, unter anderem ein Hängebauchschwein. Der Dießfurter kam Anfang Juli bei ihr vorbei: gleich mit "Helga" im Gepäck - und er ließ das junge Wildschwein dort. "Ich habe keine Wahl gehabt. Nochmal eine Fahrt nach Regensburg wollte ich ihm nicht zumuten." Und selbst habe er dem Frischling keine entsprechende Fläche bieten können.

Es sei telefonisch ausgemacht gewesen, dass die Aufnahme "nur zur Probe" und "nur vorübergehend" erfolge, "bis ich einen Platz in einem Gehege gefunden habe", merkt Piehler an: "Das Tier gehört eigentlich weitervermittelt." Außerdem hätte am nächsten Tag ein Schutzvertrag aufgesetzt werden sollen: "Dass sie das Tier so halten muss, wie ich es will, und dass ich es genehmigen muss, wenn sie es woanders hingeben will."

Doch dazu sei es nicht mehr gekommen. Die Frau gebe "Helga" nicht mehr heraus: "Sie beruft sich darauf, dass Wild herrenlos ist und keinem gehört." Der 59-Jährige sieht das anders: "Der Jäger hat es mir überschrieben." Dies könne er beweisen. Er wiederum habe der Frau den Frischling "nicht übereignet, veräußert oder geschenkt".

Anwalt eingeschaltet

Deshalb geht Piehler nun zivilrechtlich gegen sie vor: Sein Anwalt habe die Frau inzwischen schriftlich aufgefordert, bis Anfang dieser Woche zu erklären, "wann, wo und ob ich das Wildschwein abholen kann". Das Tier "ist in meinem Besitz", hebt der Dießfurter hervor. Dass sich an einem Wildtier ein Streit entzündet, damit war Werner Stopfer, der Leiter der Polizeiinspektion Eschenbach, in seinem jahrzehntelangen Berufsleben noch nicht konfrontiert. An sich sei es positiv, wenn sich der Mann um den Frischling kümmere, sagt er: Aber könne er auch das Eigentum an dem wilden Tier erwerben?

Stopfer nähert sich der Antwort über ein ihm vertrautes Thema: der richtigen Vorgehensweise bei einem Wildunfall. Dass sich Verkehrsteilnehmer dabei - "wahrscheinlich aus Unwissenheit" - nicht korrekt verhielten, "haben wir immer mal wieder": "Ein Reh oder Wildschwein läuft ins Auto, und die Leute nehmen das verendete Tier im Kofferraum mit."

Polizei oder Jagdpächter anrufen

"Das darf man natürlich nicht", hebt der Inspektionsleiter hervor: "Ein wildes Tier, das in der Natur lebt, insbesondere ein jagdbares, ist an sich herrenlos." Und er macht deutlich: "Der einzige, der ein Aneignungsrecht hat, ist der Jagdpächter, in dessen Bereich es angefahren wird oder wo man es findet."

Deshalb müsse immer Verbindung mit diesem aufgenommen werden, betont Stopfer. Bei einem Wildunfall gelte es dabei "in erster Linie, die Polizei zu rufen". Dies sei "Verpflichtung aller Verkehrsteilnehmer", stellt er klar. Die Polizei verfüge über ein Verzeichnis aller Jagdpächter und verständige dann den betreffenden. Auf diese Punkte weist auch das Landratsamt Neustadt/WN auf Anfrage hin. Werden "jagdbare Tiere aufgenommen" oder erlegt "im Rahmen der Jagdausübung", habe der "Revierinhaber/Jagdpächter ein Aneignungsrecht", teilt Pressesprecherin Claudia Prößl mit: "Er darf die Tiere aufnehmen und unter Einhaltung der übrigen gesetzlichen Bestimmungen (Tierschutz, Hygiene) verwerten." Und sie macht deutlich: "Wer ohne dieses Recht Tiere mit nach Hause nimmt, macht sich gegebenenfalls strafbar."

Mitnehmen "keine gute Idee"

Das Landratsamt beziehungsweise das Veterinäramt des Landkreises ruft nicht nur deshalb dazu auf, "wenn verletzte oder kranke Tiere, etwa nach einem Verkehrsunfall, aufgefunden werden", diese "auf keinen Fall mit nach Hause zu nehmen", sondern immer Polizei oder Jagdpächter zu verständigen. Denn Letztere "kennen sich am besten aus und können kompetent mit verletzten Tieren umgehen, Tierärzte vermitteln oder wenn es sein muss, das Tier auch von seinen Leiden erlösen".

Mitnehmen jedenfalls sei "grundsätzlich eher keine gute Idee": "Die Behandlung eines Wildtieres ist auch oft nicht erfolgreich, weil sich die Tiere, verletzt und gefangen, permanent im Stress befinden und natürlich wenig kooperativ sind." Das gelte auch für Jungtiere: "Bitte keinesfalls anfassen oder vertreiben", lautet hier der Appell. "Manche Wildtiere reagieren gegen die menschliche Witterung sehr empfindlich, und es kann sein, dass das Jungtier von der Mutter nicht mehr angenommen wird und verstirbt."

"Helga" hat es mit Hilfe von Heinz Piehler allerdings geschafft - auch wenn infolge der Verletzung das linke Auge "dauerhaft geschädigt" bleibe: "Die Linse ist trübe", berichtet der Dießfurter. Nicht nur er macht sich Gedanken, wie es dem jungen Wildschwein jetzt wohl geht: "Auch Bekannte fragen danach. 'Helga' hat ganz viele Fans." Aber seit der Übergabe habe er nichts mehr von dem "sehr niedlichen kleinen Schwein" gehört.

Doppelte Sicherung notwendig

Die Hoffnung, es zurückzubekommen, gibt er dennoch nicht auf - und bereitet sich auf alle Fälle darauf vor: "Ich habe ein ungenutztes Grundstück, das ich einzäune." Aber nicht nur ein Weide- beziehungsweise Koppelzaun sei nötig, sondern auch Strom: "Das muss doppelt gesichert sein." Zumal der Frischling sich in ein paar Monaten zu einem "ausgewachsenen Wildschwein" entwickelt haben wird.

Die Frau, der Heinz Piehler "Helga" übergeben hat, hat sich trotz einer Bitte nicht bei der Redaktion für eine Stellungnahme gemeldet.

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Fensterbach
Hintergrund:

Infos zum Wildschwein

  • Urform des heutigen Hausschweins
  • Aussehen: gedrungene Statur, ausgeprägter Rüssel, scharfe Eckzähne, dunkelgraues bis schwarzes borstiges Fell (Frischlinge hellbraunes Fell mit gelblichen Längsstreifen, später bräunliches Jugendfell).
  • Ausgewachsenes Tier bis zu einem Meter hoch, bis zu 1,6 Meter lang und bis zu 200 Kilogramm schwer
  • Alter bis zu 21 Jahre, in freier Wildbahn maximal 10 Jahre
  • Nahrung: Baum- und Feldfrüchte, wirbellose Tiere, Aas
  • Paarungszeit eigentlich von November bis Januar, durch milde Winter und Nahrungsangebot mittlerweile fast das ganze Jahr. Tragzeit etwa vier Monaten, dann Geburt von durchschnittlich sechs Frischlingen (Quelle: Deutsche Wildtier Stiftung)

 

 

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