21.09.2020 - 16:57 Uhr
FensterbachOberpfalz

Wie kommt ein Wildschwein von der Speisekammer in den Karton?

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Der Frischling kam über die Terrassentür, sah sich um und spazierte in die Speisekammer. Die Hausherrin (88) rief ihren Sohn um Hilfe: "Hans kumm, bei mir is a Wildsau im Haus!" Genau dies hat sich im Landkreis Schwandorf abgespielt.

Kleine Wildsau in der Pappschachtel: Erst ging der Frischling auf eine Erkundungstour, dann wurde er in den Karton gesetzt und an einem Maisfeld in die Freiheit entlassen.
von Autor HOUProfil

In Norddeutschland sollen, wenn man einem Gassenhauer glauben darf, gelegentlich Pferde auf dem Flur stehen. Doch zum Wildschwein, das ins Eigenheim vordringt, hat man es an der Waterkant noch nicht gebracht. Wohl aber im Landkreis Schwandorf. Genauer: Im 130-Einwohner-Dorf Freihöls (Fensterbach) kann eine solche Episode ins Buch der über 600 Jahre währenden Ortsgeschichte aufgenommen werden.

Kleine Wildsau in der Pappschachtel: Erst ging der Frischling auf eine Erkundungstour, dann wurde er in den Karton gesetzt und an einem Maisfeld in die Freiheit entlassen.

Ab in die Speisekammer

Schöner Spätsommertag, es geht auf die Mittagszeit zu. Eine 88-Jährige hat im Garten zu tun, die Terrassentür steht offen. Plötzlich nähert sich Besuch, den die rüstige Seniorin weder erwartet noch beim Eintreffen bemerkt hat. Dann geht die Frau ins Haus und macht eine Beobachtung, die sie nicht für möglich hält: In der Küche steht ein kleines Wildschwein, beschnüffelt die Einrichtung und macht sich auf zu einer Visite in der daneben liegenden Speisekammer.

Der Frischling hätte womöglich auch noch andere Räumlichkeiten erkundet. Doch inzwischen hat sich die allein im Anwesen wohnende Rentnerin ein Herz gefasst. Sie drückt die Tür zum Vorratsraum zu und lässt einen unüberhörbaren Ruf los, der ihrem drüben nur ein paar Schritte weiter im Nachbargebäude wohnenden Sohn gilt. Der Alarm gebietet Eile: "Hans kumm, bei mir is a Wildsau im Haus!"

Was dann folgte, beschreibt Sohn Hans mit den Worten: "Wir haben gerade den Mittagstisch für eine Familienfeier gedeckt, als die Sau kam." Er und ein paar andere ließen alles stehen und liegen, rannten hinüber, öffneten die Tür zur Speisekammer - und da stand es dann, dieses Wesen, das alle bisher nur von Bildern kannten: Hellbraun, mit ein paar Streifen, geschätzte sechs Pfund schwer. "G'stunka hat's wia a Iltis", erinnert sich Hans.

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In Maisfeld entlassen

Was tun in einer solchen Lage? Während die drei Söhne vom Hans Videos machten, streifte sich der Familienvater Handschuhe über und packte das Ferkel in einen Karton. Ohne Gegenwehr des Eindringlings, über dessen weiteres Schicksal ein telefonisch kontaktierter Jäger aus dem Nachbardorf Auskunft geben sollte. "Setz' sie an einem Maisfeld wieder aus", riet der Waidmann.

So geschah es dann auch. Die verirrte Sau, mit stoischer Ruhe im Karton ausharrend und wohl auf das Gute in der Gattung Mensch bauend, wurde etliche hundert Meter weit zu hoch stehendem Mais chauffiert, dort sachte aus der Pappschachtel gehoben und freigelassen. Der Vierbeiner drehte sich noch einmal um, versetzte sich in sanften Trab und verschwand im grünen Gewächs.

Beim Hans und seiner Mutter gab es gleich darauf an der Mittagstafel nur ein Gesprächsthema. Es drehte sich im Oberpfälzer Dialekt um die Frage: "Wie is öitz die Sau nach Freihöls kumma?" Fest steht nur: Sie ging allein auf Tour. Ein Muttertier oder gar ein Keiler hatten sich nicht auf die Suche gemacht. "Das", war man sich einig, "wär's dann erst gewesen.

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