01.09.2020 - 15:00 Uhr
PfreimdOberpfalz

Da gackern doch die Hühner: Warteliste bei Pfreimder Geflügelhof

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Das hat es beim Geflügelzuchtbetrieb Menzl-Hirmer in 30 Jahren nicht gegeben: Die Coronakrise sorgt für eine Warteliste bei Junghennen. Viele Familien nutzen die Kurzarbeit und bauen sich einen Hühnerstall in den Garten.

Neugierig und recht zutraulich schauen diese Hühner um sich, als Monika Menzl-Hirmer sie am Verkaufstag von der Kiste in die Schachtel packt. Zuvor hat sie die Tiere nach Vorbestellung im Stall eingefangen. Die Kunden müssen aufgrund der Corona-Hygieneregeln an der Ausgabestelle im Hof warten.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Monika Menzl-Hirmer (49) steht mit Stift und Bestelllisten hinter der Theke des Hofladens. Hier geht's zu wie im Hühnerstall: Dauernd klingelt das Telefon und die Chefin des Pfreimder Geflügelzuchtbetriebs notiert die Wünsche. Neueinsteiger sorgen dafür, dass die Nachfrage nach Hühnern in der eigentlich ruhigen Erntezeit nicht nachlässt. Dazwischen rufen Kunden an, die Fragen zur Haltung haben oder wissen wollen, warum das Eiweiß plötzlich eine andere Konsistenz hat. Kein Problem für die Tierwirtschaftsmeisterin Geflügelhaltung, so die offizielle Berufsbezeichnung. Souverän gibt sie Auskunft und nimmt sich Zeit, auch wenn es nur um ein kleines Hühnervolk geht. "Gestern war eine Frau zum dritten Mal rund eine Dreiviertelstunde da. Mittlerweile hat sie einen Stall und das Zubehör. Das nächste Mal holt sie die Legehennen."

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Geduld gefragt

Die Nachfrage stieg bereits die letzten Jahre. Doch seit Beginn der Coronakrise ist das Interesse der Kleinkunden enorm: "Viele haben jetzt durch die Kurzarbeit mehr Zeit. Sie sehen in der Hühnerhaltung ein neues, naturverbundenes Hobby." Der Anblick der pickenden Hühner beruhigt, weiß die Fachfrau "und täglich gibt es frische Eier". Der Trend: "Hausbesitzer bauen sich jetzt nicht nur ein Hochbeet in den Garten, sondern auch einen Hühnerstall." Die Folge: Der Pfreimder Geflügelhof musste ab Mai eine Warteliste einführen, "das gab es die letzten 30 Jahre nicht." Zwei bis drei Wochen müssen sich die Interessenten nun gedulden, bis sie ihre neuen Haustiere (circa 20 Wochen alt und legereif) abholen können. Denn der Aufzuchtbetrieb - ein Familienunternehmen aus Nordrhein-Westfalen - kommt nicht mehr nach. "95 Prozent aller Hühner in Deutschland stammen aus diesem Bundesland", erklärt Menzl-Hirmer. Doch sie wolle die Bestände nicht mischen und auch nicht im Ausland zukaufen.

Der Abholtag ist immer ein Donnerstag. Diesmal sind 260 Hühner vorrätig; die rund 50 Kunden haben einen zeitversetzten Termin. Zwecks Hygienekonzept dürfen sie nicht mehr mit in den Stall, sondern übernehmen die Tiere draußen im Hof. "Das war für manche Stammkunden schon eine große Umstellung", berichtet die 49-Jährige. Bei Hitze, Regen oder großen Andrang wird unter einem Pavillon eine zweite Ausgabestelle aufgebaut. Auch die Kinder und Ehegatte Christian helfen mit. "Wir könnten jede Woche 500 Tiere verkaufen", meint die gebürtige Pfreimderin achselzuckend. Damit auch Anfänger eine Chance haben, schiebe sie die Großkunden etwas. Und ihren eigenen Legehuhnbestand wechsle sie heuer erst zum spätest möglichen Termin im November aus. Es ist ein Saisongeschäft: Von Dezember bis Ende Februar pausiert der Verkauf, "damit die Tiere nicht in einen kalten Stall wechseln müssen". Monika Menzl-Hirmer ist seit vier Jahrzehnten im Geschäft. Schon mit neun Jahren fing sie die Hühner für die Kundschaft und bediente eigenständig die Kasse. Nach der Realschule begann sie eine Lehre bei einem Staatsbetrieb in Kitzingen. Doch aus der dreijährigen Ausbildung zur Tierwirtin Geflügel wurden nur wenige Monate. Der Vater erkrankte und sie musste im Januar 1988 - noch vor dem 17. Geburtstag - den Betrieb übernehmen. Die Abschlussprüfung schaffte sie dann aber trotzdem, "und sogar mit einem Einser-Abschluss". Die Powerfrau zeigt auf ein gerahmtes Dokument: 1994 legte sie die Meisterprüfung als Beste in ganz Deutschland ab. "Ich wuchs mit zwei älteren Brüdern auf. Es war aber immer schon klar, dass ich einmal die Firma übernehme." Jetzt gibt es eine ähnliche Konstellation: Die jüngste Tochter (8) wird wohl in die Fußstapfen treten. Die Tür geht auf und Gatte Christian kommt herein. Er hilft gerne mit, wenn es seine Zeit erlaubt. Auch zwei Angestellte gibt es.

Viele haben jetzt durch die Kurzarbeit mehr Zeit. Sie sehen in der Hühnerhaltung ein neues, naturverbundenes Hobby.

Monika Menzl-Hirmer

Monika Menzl-Hirmer

Neue Rassen

"Vor 30 Jahren hatten wir nur weiße und braune Legehühner", erinnert sich Monika Menzl-Hirmer. Jetzt verkauft sie auch Silberfarbene Italiener, Rebhuhnfarbene Italiener, Grünleger und Königsberger sowie die großen Marans mit ihren schoko-braunen Eiern. Und auch schwarze Hühner, sowie die Blausperber und die Sussex, die alle als etwas zutraulicher gelten, sind im Angebot. "Nachdem alle aus der gleichen Aufzucht stammen und sich kennen, kann man auch mischen", sagt Menzl-Hirmer. Der Vorteil seien verschiedenfarbige Eier. Der Klassiker von Chris Howland "Ich wollt' ich wär' ein Huhn. Ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei", stimmt natürlich nicht: "200 bis 240 Eier im Jahr sind realistisch." Was sind die häufigsten Fragen der Anfänger? "Die wollen Auskunft über das Wesen der Rassen und wie die Hühner zu füttern sind." Die Fachfrau stellt klar: "Die Nutztiere sind sehr pflegeleicht und mit Futter, Wasser und einem sauberen Stall zufrieden." Sie empfiehlt Sommerweizen (dünnere Schale als Wintergetreide) plus Legemehl und Muschelkalk. Natürlich könne auch Grünzeug und Salatabfall (nicht salzig oder sauer) gegeben werden. Von eingeweichtem Brot rät sie ab: "Der kleine Magen wird mit zu viel Flüssigkeit voll." Die Haltung ist quasi in jeden Garten möglich und auch erlaubt. "In Wohngebieten sind 20 Hennen und ein Hahn möglich." Die gesetzliche Vorgabe für Bodenhaltung: Bis zu neun Hennen auf einem Quadratmeter.

Es war und ist mein Traumberuf", sagt Monika Menzl-Hirmer. Die prämierte Meisterprüfung half ihr beim Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerkes. Kontakte zu Uniprofessoren und Fachautoren helfen weiter, wenn Kunden sehr spezifische Probleme schildern. "Da lerne auch ich immer wieder dazu." Wie sie betont, nehme die Legeleistung nach eineinhalb bis zwei Jahren rapide ab. Manche würden die Tiere aber fünf bis sieben Jahre halten. "Auch junge Suppenhühner sind gefragt", lautet ihre Alternative. Im Hofladen packt die Unternehmerin - unter dem erstaunten Blick einer Kundin - sechs Eier gleichzeitig in den Karton. Auch den Griff beim Hühnerfang hat sie drauf, wie ein Herr bei der Abholung von zwei Rebhuhnfarbigen Italienern anerkennend bemerkt.

Und schon wieder klingelt das Telefon. Doch wieder einmal kann Monika Menzl-Hirmer nur mit der Warteliste für Legehennen dienen. Die Nachfrage nach Enten, Gänsen, Perlhühnern, Mastgockeln, Puten oder Wachteln hat sich im Pfreimder Familienbetrieb in der Coronakrise nicht groß verändert.

Hintergrund:

Pflegeleichte Nutztiere

Hühner sind anspruchslos und in jeden Garten zu halten. Ihnen reicht ein sauberer Stall mit Sitzstange, Wasser und Körnerfutter. Monika Menzl-Hirmer empfiehlt Sommerweizen (dünnere Schale als Wintergetreide) plus Legemehl und Muschelkalk. Dazu Grünzeug und Salatabfall (nicht salzig oder sauer).

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