12.06.2020 - 18:41 Uhr
Dietersdorf bei SchönseeOberpfalz

Feeling für Dirndl und Lederhose fehlt

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Ein Sommer ohne Feste: In der Coronakrise gibt es wenig Gründe, sich mit einem neuen Trachtengewand einzudecken. Das Lager von "Rose Dirndl" in Schönsee quillt über. Dabei muss jetzt die Kollektion für 2021 bemustert werden.

Statt Dirndl näht Christa Bösl derzeit Mund-Nasen-Masken im Trachtenlook. Die Michael Ebnet GmbH in Dietersdorf trifft die Absage der Feste in ganz Bayern hart: Die Läden sind voll und so stapelt sich die Ware beim Produzenten.
von Gertraud Portner Kontakt Profil
Trotz Absatzflaute: Directrice Fine Henschke sucht die Stoffe für die Musterproduktion für die Kollektion Frühjahr/Sommer 2021 aus.
Ein riesiger Posten weißer Baumwolle für die Hemdenproduktion liegt im Lager.
Trachtenmode ohne Feste läuft nicht: Die fertigen Kommissionen für die Händler stapeln sich im Lager der Michael Ebnet GmbH in Dietersdorf.
Derzeit nicht gefragt: Die Modepuppen von der Fachmesse in München und Salzburg stehen abgedeckt mit Folie in einer Ecke.
Wenig Interesse: Der Vertreter hat die Musterkollektion für Herbst/Winter 2020 zurückgebracht. Die Läden haben derzeit wenig Interesse, neue Ware einzukaufen.
Die Stoffe mit Streifen und Karos für die Arzberger-Hemden hat Alexandra Ebnet entworfen.

Nach den Absagen aller Feste in der Corona-Pandemie bleibt die Tracht dieses Jahr vielfach im Schrank hängen und auch die Kaufanreize fehlen. Dementsprechend düster ist die Lage bei den Einzelhändlern und Produzenten wie der Michael Ebnet GmbH. "So etwas hab ich in 52 Arbeitsjahren noch nicht erlebt!" Directrice Fine Henschke steckt eine altrosa Borte am dunkelgrünen Plissee für die Musterproduktion in Größe 36 fest. In diesen Tagen stellt sie die Kollektion für Frühjahr/Sommer 2021 zusammen. Und das, obwohl nicht nur die Trachtengeschäfte im ganzen Land mit der aktuellen Ware voll sind, sondern auch das Lager der Näherei im Schönseer Ortsteil Dietersdorf.

Läden bitten um Aufschub

Hier wird seit über fünf Jahrzehnten moderne Trachten- und Landhausmode unter den Markennamen "Rose Dirndl" und "Arzberger Hemden" produziert. Während im Laden Rabatte zum Kaufen in der Coronakrise einladen, stapeln sich im rückwärtigen Gebäudetrakt die Stoffballen und die fertigen Kommissionen an Dirndln, Blusen und Hemden. "Unsere Kunden bitten uns eindringlich, die bestellte Ware noch nicht auszuliefern", sagt Michael Ebnet senior, "und was wir jetzt rausgeben, sollen wir erst in zwei Monaten in Rechnung stellen". Stellvertretend für seinen Sohn Michael und Schwiegertochter Alexandra, "die jetzt das Zepter im Familienbetrieb haben", erklärt er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien die aktuelle Situation der Trachtenhersteller und führt durch die Lagerräume. "Hier, das ist alles Kommissionsware", meint er und deutet auf die Ständer bis unters Dach. In einem anderen Raum lagern 10 000 Meter weißer Baumwollstoff für die Hemdenproduktion. "Wir orderten, als es im Februar hieß, es droht ein Engpass." Bei den Fachmessen in München und Salzburg war von einer Ausgangsbeschränkung und der Absage aller Feste noch keine Rede.

Vergangene Woche brachte der Vertreter die Musterkollektionen für Herbst/Winter 2020 mit der Begründung zurück: "Jeder Laden hat genug Ware und möchte nichts kaufen." "Eine Katastrophe", meint der Seniorchef, "die verschafft mir noch in meinem Alter schlaflose Nächte". Er produziert seit fast 55 Jahren die Marke "Rose Dirndl" und kennt Höhen und Tiefen der Branche, "aber mit so einem Tal und so einer Situation hab ich noch nie zu tun gehabt". 2020 kam die Ebnet GmbH für die Ausstattung von neun großen Festen in der Region - von Weiding bis Kleinwinklarn - zum Zuge. Jeweils 20 bis 30 Festdamen und -mädchen wurden vermessen, die Stoffe ausgesucht und bestellt. Die Dirndl sind teilweise schon geschnitten und halbfertig zurückgelegt, in der Hoffnung, dass das Fest nächstes Jahr stattfindet. "Wir haben uns mit den Vereinen darauf geeinigt, dass die Ware zum großen Teil abgenommen wird."

Wir spüren die Flaute erst in den nächsten Monaten so richtig, wenn die Neuaufträge fehlen.

Michael Ebnet senior

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Eine Saison fehlt komplett

Directrice Fine arbeitet derzeit zwar nur halbtags, aber mit Hingabe an ihren Entwürfen für 2021: "Silbergrau für die Hochzeit geht immer und das neue Orange-Rot wird ein echter Hingucker." Doch eines steht trotzdem fest: Die übliche kleine Trend-Kollektion für die Zwischensaison fällt heuer flach.

Für die neue Arzberger-Hemdenkollektion der "Pfoad-Hemden" mit Riegel und Stehkragen hat Schwiegertochter Alexandra wunderschöne Stoffe entworfen, geordert mit großen Mindestabnahmemengen. Die Produktion läuft langsam wieder an. "Normalerweise nähen wir 1500 Stück am Tag", meint die Juniorchefin. Trotz aller Bemühungen: Eine Saison fehlt komplett. "Wir spüren die Flaute in den nächsten Monaten so richtig, wenn die Neuaufträge fehlen", meint Michael Ebnet senior. Aber vielleicht belebt ja die "Lust auf Normalität" den Trachtenboom trotz Virus wieder und der Trend aus München setzt sich durch: Da das Oktoberfest abgesagt ist, geht es in Lederhose und Dirndl in den Biergarten.

Chance ergriffen:

Keine Kurzarbeit dank Masken

Die Kunden, die derzeit in den Dietersdorfer Laden kommen, fragen statt nach Lederhose und Dirndl eher nach einem Mund-Nasen-Schutz in Trachtenlook. Der Krisen-Artikel läuft selbst im Internet-Shop gut. In großen Mengen werden die Masken mit dem von Minister Hubert Aiwanger für alle bayerischen Landkreise beschafften Vlies gefertigt. Rund 15 000 Stück lieferte Ebnet bisher ans Landratsamt Schwandorf, dazu vergangene Woche beispielsweise auch 1200 Stück an ein Teunzer Unternehmen. Dank der Maskenproduktion war keine Kurzarbeit notwendig: Die Nähmaschinen in Schönsee und den eigenen grenznahen Produktionsstätten in Tschechien liefen weiter.

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