07.12.2020 - 08:14 Uhr
DieterskirchenOberpfalz

Bettelbrief und Katastrophenbilder: Historische Schätze im Rathaus Dieterskirchen

Das Katastrophen-Hochwasser von 1956, Gemeindeglocken oder einzigartige Schwarz-Weiß-Aufnahmen der örtlichen Gendarmerie: Im Rathaus Dieterskirchen ruht ein historischer Schatz – den viele Bürger nur selten zu sehen bekommen.

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Dieterskirchen im Jahr 1899. Im Vordergrund ist das Schulgebäude zu sehen – das heutige Rathaus.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Auf dem Weg zu ihrem Amtszimmer im ersten Stock schreitet Anita Forster an mehreren Jahrhunderten wechselvoller Lokalgeschichte vorbei. Als Bürgermeisterin von Dieterskirchen ist die 44-Jährige Chefin im Rathaus – und damit auch Hüterin eines historischen Schatzes: Die heimatgeschichtliche Sammlung der Gemeinde ermöglicht mit seinen teils jahrhundertealten Relikte einen Blick in die wechselvolle Geschichte von Dieterskirchen und der gesamten Region.

"Das erste, was Besucher sehen, wenn sie ins Rathaus kommen, ist die Sammlung", sagt Forster zu den gläsernen Schaukästen im Erdgeschoss und dem 1. Stock. "Wir wollen damit die Erinnerung wachhalten, wie das Leben hier vor 100 Jahren war." Von der Lebensrealität der heutigen Bewohner unterscheidet sich das teils gewaltig, sagt Johann Köppl, gemeinsam mit Siegfried Rosskopf einer der Betreuer der Sammlung.

Früher Glocken, heute Facebook

Ein gutes Beispiel dafür seien dem 70-Jährigen zufolge die Gemeindeglocken von Dieterskirchen und den früher selbstständigen Kommunen Bach und Prackendorf. Dabei handelt es sich um alte Kommunikationsmittel aus der Zeit vor Telefon und Internet. "Die Gemeindediener sind damit läutend durch den Ort gezogen und haben Bekanntmachungen des Bürgermeisters weitergegeben." Den sogenannten Reichlgang des Ausschellers habe es in Dieterskirchen bis Mitte der 1960er Jahre gegeben, sagt Köppl. "Das waren Informationen, die heute im Gemeindeblatt stehen. Ich arbeite inzwischen aber schon mit sozialen Plattformen wie unserer Rathaus-Homepage oder der Gemeindeseite auf Facebook", ergänzt die Bürgermeisterin augenzwinkernd.

Geradezu schockierende Einblicke wiederum geben die Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Jahrhundert-Hochwassers vom 14. Juli 1956. Sintflutartige Regengüsse stürzten damals die ganze Region ins Chaos. "Es hat etliche Brücken, Autos und sogar Häuser weggerissen, Wohnungen wurden überschwemmt. Das war schlimm", berichtet Köppl.

Glasschleifen als Wirtschaftsfaktor

Dass die Natur auch ihre positiven Seite hatte, zeigen Bilder der unzähligen Glasschleifen in der Region. Allein in Dieterskirchen nutzten sechs Betriebe die Wasserkraft der Ascha, um Glas zu schleifen, berichtet Siegfried Rosskopf. "Die Rohgläser kamen aus dem böhmischen Raum, wurden bei uns veredelt und dann teils bis nach Übersee weiterverkauft." Das neuere Floatglasverfahren jedoch machte die Schleiftechnik zu einer überholten Technik – und leitet den Untergang dieser alten Oberpfälzer Industrie ein. "Zwischen den beiden Weltkriegen haben die letzten Glasschleifen in Dieterskirchen dicht gemacht", sagt der 66-Jährige.

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Dieterskirchen

Roggen, Hefe, Kartoffeln – die Leute haben damals den Architekten und die Bauarbeiter mit Naturalien bezahlt. Die Inflation, es war eine Zeit der Not.

Bürgermeisterin Anita Forster

Weitere Fotos zeigen, unter welchen heute kaum mehr vorstellbaren Umständen Kinder im Dieterskirchener Schulhaus – dem heutigen Rathaus – unterrichtet wurden. Ehrenbürger Johann Köppl hat das noch selbst erlebt. "Allein im 2. Stock waren die dritte bis siebte Klasse untergebracht. Je zwei Klassen pro Zimmer. Und zur Schule musste man auch samstags bis 12 Uhr." Unter beengte Verhältnisse lebte auch der Lehrer. "Im Erdgeschoss war die Lehrerwohnung, der Hauptlehrer hat damals mit seiner Frau und den Kindern im Gebäude gewohnt", berichtet der 70-Jährige.

Fotos der Dieterskirchener Gendarmerie-Truppe wiederum zeigen, dass der kleine Ort damals sogar noch eine eigene Polizeidienststelle hatte. Und anhand großformatige Luftbildaufnahmen können Besucher nachvollziehen, wie Dieterskirchen im Lauf der Jahrzehnte gewachsen ist und wie Neubaugebiete hinzugekommen sind.

Bettelbrief nach Buffalo

Spannend sind auch Archivalien aus dem Archiv der Gemeinde. Alte Kassenbücher zeigen, welche Einwohner früher Geld gespendet haben. Nötig war dies zum Beispiel 1922 für den Bau des Kriegerdenkmals auf dem Kirchplatz. "Roggen, Hefe, Kartoffeln – die Leute haben damals den Architekten und die Bauarbeiter mit Naturalien bezahlt. Die Inflation, es war eine Zeit der Not", beschreibt Forster die Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg.

"Damals sind viele Einwohner nach Amerika ausgewandert", sagt Köppl. Aus diesem Grund findet sich auch Schriftverkehr vom Mai 1921 mit einem Christian Poesl im Archiv. Der frühere Dieterskirchener war nach Buffalo im US-Bundesstaat New York nahe der kanadischen Grenze ausgewandert. "Das ist im Grunde ein Bettelbrief gewesen", sagt Forster dazu. "Die US-Auswanderer hatten oft mehr Geld, man hat sie gefragt, ob sie nicht für das Denkmal spenden wollen."

Service:

Heimatgeschichtliche Sammlung Dieterskirchen

  • Führungen möglich: Johann Köppl organisiert in Dieterskirchen Führungen durch den Obstlehrpfad, die Sternwarte, den Felsenkeller und die heimatgeschichtliche Sammlung im Rathaus am Kirchplatz 4. Termin-Vereinbarung über Frau Lottner von der Verwaltungsgemeinschaft Neunburg vorm Wald, Telefon: 09672/920516
  • Unangemeldete Besuche: Sind auch möglich. Jedoch nur während den Sprechstunden der Bürgermeisterin am Freitag von 18.30 bis 19.30 Uhr.
  • Archiv-Dokumente gesucht: Wer historische Fotos oder Gegenstände mit Lokalbezug zu Dieterskirchen an die Sammlung abgeben möchten, kann sich bei der Gemeindeverwaltung melden.

 

 

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