21.06.2019 - 21:01 Uhr
EbermannsdorfOberpfalz

Wie aus der kleinen Sara die große Däbritz wurde

Sara Däbritz ist eine der besten und populärsten Fußballerinnen der Welt. Wie hat die Ebermannsdorferin das geschafft? Eine Spurensuche in der Oberpfalz - bei der Mama, ehemaligen Mitspielern und ersten Trainern.

von Julian Trager Kontakt Profil

Die Geschichte der besten Oberpfälzer Fußballerin aller Zeiten beginnt auf einem Nebenplatz in Amberg. Eigentlich saß der DFB-Stützpunkttrainer Lutz Ernemann im Stadion am Schanzl, 15-jährige Talente sichten. In der Halbzeit des Spiels wechselte er auf den Nebenplatz, da spielten die Kleineren. Amberg gegen Ebermannsdorf, Amberg führte 2:0. "Da sah ich Sara Däbritz", erinnert sich Ernemann. Ein zehnjähriges Mädchen aus Ebermannsdorf, dunkle, schulterlange Haare, sie fiel sofort auf. "Sie war kämpferisch wie spielerisch außergewöhnlich." Nicht zu stoppen, außer durch harte Attacken. Nach Fouls schüttelte sie sich kurz, stand auf, führte den Freistoß aus. "Sara hat das Spiel im Alleingang gedreht." Ebermannsdorf gewann - und Däbritz bekam eine Einladung zur Talentsichtung. Der Beginn einer großen Karriere.

14 Jahre später ist Sara Däbritz deutsche Meisterin, Europameisterin, Olympiasiegerin, 63-fache deutsche Nationalspielerin. Zurzeit spielt sie um den Weltmeistertitel in Frankreich. An diesem Samstag steigt das Achtelfinale gegen Nigeria (17.30 Uhr/ZDF). Die heute 24-Jährige ist eines der Gesichter dieser WM. In den ersten drei Spielen schoss sie zwei Tore, zweimal wurde sie zur Spielerin des Spiels gewählt. Coca Cola und Nike haben Däbritz für internationale Werbekampagnen engagiert. Im Spot für den amerikanischen Sportartikelhersteller ist sie als einzige Deutsche zu sehen, neben zahlreichen internationalen Top-Spielerinnen - und Neymar, dem teuersten Fußballer der Welt. Der kickt übrigens für Paris Saint-Germain, den französischen Spitzenverein, bei dem Däbritz ab Juli auch spielen wird.

Nochmal 14 Jahre zurück. Bei der Talentsichtung, zu der sie DFB-Trainer Ernemann damals spontan eingeladen hatte, waren neben ihr 95 Kinder dabei. 94 Jungs, ein anderes Mädel, alle älter als Däbritz. Aber nur zwei waren besser als die Ebermannsdorferin, erinnert sich Ernemann. "Da hat man gemerkt, was für ein Talent sie ist." Der Coach, der sie etwa fünf Jahre im DFB-Stützpunkt in Theuern begleitete, schwärmt auch von ihrem Charakter. Sie sei immer für die anderen Spieler da gewesen, positiv und aufmunternd, habe sich nie zufrieden gegeben. "Ein wirkliches Vorbild." In ihrem Jahrgang war sie "immer mit Abstand die Beste", sagt Ernemann. "Sara hat den Ball und den Gegner beherrscht."

Erstes Spiel hoch verloren

Bis Sara Däbritz fünf Jahre alt war, kickte sie auf der Spielstraße vor dem Haus der Familie. "Zehn bis fünfzehn Kinder haben da mit dem Ball gespielt", sagt ihre Mutter Aurelia Däbritz. Irgendwann habe dann ein Nachbarsbursche zu Sara gesagt: "Du gehst jetzt mit zum Verein", erinnert sich die Mama, die in den 1980ern selbst Fußball gespielt hat, bei der DJK Ensdorf. Größter Erfolg: Oberpfalzmeister.

Erich Meidinger war der erste Trainer der jetzigen Nationalspielerin, in der G-Jugend bei der heimischen SpVgg Ebermannsdorf. Ihr riesiges Talent habe sich damals noch nicht abgezeichnet, sagt er. Der Spaß am Fußball stand im Vordergrund. "Das erste Spiel war in Ensdorf, wir haben haushoch verloren." Meidinger trainierte Däbritz jahrelang. "Mit der Zeit kristallisierte sich dann heraus, dass sie gut ist", sagt der Ebermannsdorfer. "Ihr Hauptding war einfach Fußball." Die Sara hatte immer einen Ball dabei, sagt Mama Däbritz. "Nach dem Kindergarten, nach der Schule, sie hat immer gespielt." Im Garten jonglierte sie, hielt den Ball mit Füßen, Oberschenkeln und Kopf oben. Zehn Mal, zwanzig Mal, tausend Mal.

Sara Däbritz im Nike-Spot (ab 1:10)

Vom Heimatverein ging es zur JFG Vilstal. Dort, obwohl das einzige Mädchen im Team, war Däbritz bald Kapitänin und Torschützenkönigin. Zwei ehemalige Mitspieler erinnern sich an eine "Fußballverrückte", die daheim auch mal vor dem Unterricht kickte. Sie habe bereits damals herausgeragt. "Die Jungs hat sie einfach ausgespielt." Aber dass sie einmal das Aushängeschild der deutschen Nationalmannschaft wird, dass sie so "big im Business" ist, sagt einer, hätte er nie gedacht.

Haarspray bei Ansprache

SpVgg Weiden, der nächste Karriereschritt. Dort spielte Däbritz unter Trainer Rainer Fachtan. B-Jugend, Bayernliga. Mit Sondergenehmigung, denn eigentlich dürfen Mädels in dieser Altersstufe nicht mehr bei den Jungs ran. Egal, Däbritz spielte auf der Spielmacherposition. "Ungewöhnlich für ein Mädel", sagt Fachtan, seine Mannschaft war ja nicht schlecht besetzt, unter anderem mit dem späteren Jahn-Regensburg-Profi Sven Kopp. Aber: "Sara war immer eine Ausnahmespielerin." Es habe keinen Unterschied zwischen ihr und den Jungs gegeben. "Keiner hat sie geschont, und sie hat keinen geschont." Genau wie ihre Gegner.

"Sara hatte viele Neider", sagt Fachtan. Gegnerische Spieler, gegnerische Eltern. Unterkriegen ließ sie sich dadurch nicht, sie hatte einen "eisernen Willen". Im eigenen Team war Däbritz "absolut angesehen". Fachtan erzählt von seiner ersten Kabinenansprache mit der Ebermannsdorferin. Da habe sie sich eine Minute lang die Haare, die sie immer zu einem Zopf zusammenbindet, mit Haarspray gefestigt. "Die ganze Kabine war eingenebelt." Aber keiner habe etwas gesagt, keiner habe gelacht. "Das war schon auffällig", sagt Fachtan. Jeder habe die Sara respektiert.

Nach eineinhalb Jahren in der Nordoberpfalz wechselte Sara Däbritz ins Breisgau, zum SC Freiburg. "Der Freiburger Trainer wollte sie unbedingt", sagt Mutter Aurelia Däbritz. Nach einer Testwoche wollte auch das Fußballtalent. Mit 16 Jahren verließ sie die Heimat. Obwohl noch für die B-Juniorinnen spielberechtigt, lief die Oberpfälzerin gleich in der Bundesliga auf. Dann kam der FC Bayern. "Das war fast schon ein Traum", erzählt die Mutter, "Sara wollte immer zu den Bayern." In der Kindheit war sie, Sara, oft im Bayern-Trikot unterwegs. Und jetzt also Paris, auch ein Traum.

Lockere Art beeindruckt

Selbst die Eltern sind manchmal überrascht vom Werdegang der Tochter, sagt Aurelia Däbritz. "Es ist ja alles recht schnell gegangen." Und so geradlinig, von einem Verein zu einem größeren, von einer U-Nationalmannschaft zur nächsten. Sara Däbritz hat alle Jugendauswahlen Deutschlands durchlaufen. Weil sie früh in die A-Nationalmannschaft aufrückte, hätte sie fast die U20 übersprungen - wenn sie nicht bei der U20-WM in Kanada ausgeholfen hätte. Dort wurde sie gleich Weltmeisterin, schoss in sechs Partien fünf Tore.

Sara Däbritz im Coca-Cola-Spot

Trotz aller Erfolge beeindruckt ihre Mutter aber etwas anderes mehr: "Was mir so an ihr gefällt, ist ihre Lockerheit." Dass sie nicht so verbissen ist, bei all dem Ehrgeiz, den man als Profisportlerin brauche. "Wir freuen uns, dass es ihr gut geht, dass sie ihren Traum leben kann und verletzungsfrei ist." Däbritz' Eltern, Mutter Aurelia und Vater Günter, unterstützen ihre Sara, wo es geht. Am Samstag sind die beiden auch in Grenoble, wenn ihre Tochter um den Einzug ins WM-Viertelfinale kämpft. Nicht auf einem Nebenplatz, sondern im 20.000 Zuschauer fassenden Stadion.

Leg dich nicht mit Däbritz an:

Ein Freibad, vor vielleicht 15 Jahren. Zwei Cliquen, so erzählt man sich im Vilstal noch heute, erheben Anspruch aufs einzige Beachvolleyballfeld: Eine Gruppe Jungs und eine Gruppe jüngerer Mädels. Einer der Burschen, zu der Zeit Fußballer beim FC Amberg, schlägt vor: Wer den Ball öfter mit dem Fuß hochhalten kann, darf aufs Feld. Ein Junge gegen ein Mädel. Die Mädchen willigen ein. Jackpot, denken die Jungs. Der FCA-Kicker beginnt, jongliert und jongliert, mehr als hundert Mal - verliert aber dann trotzdem. Die Mädels schickten Sara Däbritz ins Rennen.

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