03.01.2019 - 10:43 Uhr
EbnathOberpfalz

Weihnachtskarten von der Front

Tobias Damberger und sein Vater Arno sammeln Relikte aus der "Wilhelminischen Epoche." Weihnachtskarten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zeigen wie das Fest für das nationale Wohl missbraucht wurde.

Tobias Damberger hat die gleiche Leidenschaft wie sein Vater, er sammelt gerne „alte Dinge“. In einer Schachtel verwahrt er Feldpostkarten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

"Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen. (...) Mein Kurs ist der richtige und er wird weiter gesteuert", betonte Kaiser Wilhelm der Zweite in einer Rede 1892. 22 Jahre später konnte er dieses Versprechen gegenüber seinem Reich nicht mehr halten. Für Ruhm und Ehre zogen Soldaten im Sommer 1914 in den Ersten Weltkrieg und stellten sich an die Front. "Wilhelm versprach ihnen, dass sie noch im Herbst zurückzukehren werden", sagt Arno Damberger. Stattdessen verbrachte der Großteil der Kämpfer das Weihnachtsfest nicht zu Hause, sondern auf dem Schlachtfeld.

Arno Damberger und sein Sohn Tobias sammeln historische Gegenstände aus der Kaiserzeit und der Zeit des Ersten Weltkrieges. Darunter sind auch Weihnachtspostkarten, die Soldaten nach Hause sendeten oder deren Familien ins Feld. Sie zeugen vom damaligen Zeitgeist von Patriotismus, Nationalismus und Militarismus. Grob lassen sich die gesammelten Karten in drei Kategorien einteilen: Gemalte oder mechanische Karten und Fotografien vom Kriegsschauplatz. Letztere waren meist gestellte Bilder, sie zeigen lächelnde Soldaten in Uniformen mit Essen, Geschenken oder sogenannten Liebesgaben, die sie von ihren Familien zugesendet bekamen. Im Hintergrund Weihnachtsbäume mit dem Eisernen Kreuz und nationalen Symbolen geschmückt.

"Wenn man das sieht, könnte man meinen ihnen ging es an der Front gut", erklärt Damberger. "Rund 80 Prozent der Bevölkerung war arm. Viele Soldaten waren Tagelöhner. Ihre Uniform war oft das wertvollste, was sie besaßen. Sie machte die Männer stolz." Aber der schöne Schein war meist gezielte Propaganda. "Es sollte vertuschen, welche Gräuel tatsächlich in den Schützengräben passierten und die Familien sollten beruhigt werden." Es ging darum nicht zu hinterfragen. Eine Weihnachtskarte mit lokalem Bezug zieht Damberger aus einer Schachtel. Sie wurde am 13. Dezember 1915 von Frankreich nach Wunsiedel geschickt.

Eine Fotografie auf der Vorderseite zeigt die Besatzung einer Kirche, wo deutsche Soldaten ihr Lager aufbauten. Darunter steht: "Vor der Weihnachtsbescherung in einer französischen Kirche." Auf der Rückseite schreibt Hans Müller an seine Frau Katharina: "Liebe Frau, habe dein Paket mit Kuchen erhalten. (...) Wie ist es mit der Kartoffelsaat? Gesund sind wir alle. Muss auch von euch der Fall sein. Es grüßt euch ganz herzlich, euer Vater." Es sind die Worte eines besorgten Familienvaters, vermutlich ein Landwirt, der seine Frau und Kinder gut versorgt wissen wollte, was in Zeiten des Krieges nicht selbstverständlich war. Über das Geschehen an der Front schreibt er jedoch nichts. Generell ist auf den Karten wenig Inhalt zum Krieg zu lesen. "Wer schlechtes über den Krieg schrieb, musste damit rechnen, dass die Karte abgefangen wurde", sagt Arno Damberger. Die Obrigkeit las mit, Zensur stand auf der Tagesordnung.

So unterschiedlich die Karten auf den ersten Blick sein mögen, desto mehr ähneln sich die Motive bei näherem Hinsehen. Auf den einen Karten wird der Heilige Nikolaus zum Mitstreiter der Deutschen Alliierten. Er zieht mit Pickelhaube ins Feld, bestraft die Feinde, packt die Russen, Engländer und Franzosen in seinen Sack. Besonders häufig sind Kinder oder gar Säuglinge zu sehen. Bekleidet sind sie in Uniformen haben Gewehre oder Schwerter in der Hand. "Das militärische war Alltag. Es begann schon in der Erziehung."

Das alles war nicht nur in bürgerlichen Haushalten gang und gebe, sondern auch bei den weniger gut betuchten. "Wer nicht so viel Geld hatte, bastelte sich sein Schwert oder seine Haube aus Papierbögen." Tobias Damberger stellt immer wieder seine Funde von Flohmärkten, aus dem Internet oder von Auktionen in der Region aus. Der 26-Jährige schreibt derzeit seine Bachelorarbeit im Fach "Europäische Geschichte" an der Universität Bayreuth über das Stauffenbergattentat. Momentan hat er drei Vitrinen in der Ausstellung in Mähring bestückt. "Von April bis Juni 2019" gibt es im Kemnather Heimatmuseum eine Ausstellung namens "Böses Spielzeug. Der Krieg beginnt im Kinderzimmer."

Auf dieser Karte erscheint erst im Schein des Lichtes das Christkind, welches die Gaben unter den Weihnachtsbaum legt. Die Kinder spielen mit ihren Geschenken. Mädchen haben Puppen und Holzspielzeug, die Jungen stellen mit Schwert, Pickelhaube und Pferd den Krieg nach.
Arno und Tobias Damberger sammelten Hunderte von Feldpostkarten, auch mit Weihnachtsmotiven. Sie spiegeln den Zeitgeist der Epoche wieder und instrumentalisieren das Fest für Propaganda in Bezug auf Militarismus, Nationalismus und Krieg.
Diese Karte sandte eine Soldat aus Frankreich nach Wunsiedel im Jahr 1915. In einer Kirche schlugen die Deutschen ihr Lager auf.
Während des Ersten Kriegs wurden Weihnachtskarten gezielt zur Propaganda verwendet.
Liebesgaben schickten die Frauen ihren Männern im Ersten Weltkrieg. Ein Packet haben Tobias und Arno Damberger bei sich zu Hause und stellen es in Museen aus.
Diese gemalte Weihnachtskarte zeigt die damaligen Feinde Deutschlands, aufgehängt an einem Tannenzweig. Der stereotypisierte Deutsche zielt mit der „Dicken Berta auf sie.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.