19.05.2020 - 14:49 Uhr
Eisersdorf bei KemnathOberpfalz

Robust, genügsam und ausgeglichen

Limousin-Rinder stammen ursprünglich aus Zentralfrankreich. Um 1950 war die Rasse beinahe ausgestorben, doch inzwischen sind die Bestände wieder angewachsen. Eine Herde dieser Rinder befindet sich auch in Eisersdorf bei Kemnath.

Limousin-Rinder stammen ursprünglich aus Frankreich. Diese Herde ist in Eisersdorf daheim.
von Christa VoglProfil

Mittelrahmig, die Klauen hell und hart, Schulter und Rücken gut bemuskelt, das Becken leicht geneigt, die Flanke tief, der Körper lang, mit einer breiten Stirn. Die Farbe reicht von Rot-gelb bis Weizen mit Aufhellungen auch an Hörnern, Flotzmaul und rund um die Augen: Das ist die Kurzbeschreibung der Limousin-Rinder, mit denen Familie Brunner bereits seit über zehn Jahren arbeitet.

"Wir standen damals vor der Alternative, die Landwirtschaft aufzugeben oder etwas Neues zu wagen. Unser Stall war von seiner Größe her nicht zukunftsfähig und die Anbindehaltung stand ebenfalls schon vor dem Aus", sagt Hans Brunner. Dabei schweift sein Blick über die Herde Limousin-Rinder, die sich auf der Weide in nächster Nähe zum Dorf befindet. Der Neubau eines größeren und modernen Stalls stand für ihn und seine Frau Lissi aber nie zur Diskussion. Einerseits wegen der hohen Kosten. Anderseits wegen der Frage, ob später überhaupt eines der Kinder Interesse an der Weiterführung des Betriebs hat. Also suchten sie nach einer Alternative. Und fanden sie durch Zufall.

"Uns war zu Ohren gekommen, dass sich ein Landwirt aus der Region von seiner Limousin-Herde trennen will. 25 Kühe waren das und ein Stier", erklärt Lissi Brunner. Schnell stellte das Ehepaar den Kontakt zum Verkäufer her, schaute sich die Tiere vor Ort an und beschloss, diese Gelegenheit zu nutzen, um von der Milchviehhaltung im Stall mit konventioneller Betriebsweise wegzukommen. Der neue Weg, den sie mit den Limousin-Rindern einschlagen wollten, hieß ganzjährige Mutterkuhhaltung im Freiland und Bio-Bewirtschaftung des Betriebs unter dem Gütesiegel Naturland - weitreichende Veränderungen auf vielen Ebenen.

Nach der Entscheidung für diese Herde und damit auch für die Umstellung nutzte das Ehepaar seine große am Ortsrand von Eisersdorf gelegene Wiese zur Einrichtung einer Sommerweide. Limousin-Rinder eignen sich sehr gut für die ganzjährige Freilandhaltung. Sie trotzen extremen Witterungseinflüssen wie Hitze und Kälte und sind somit ideal für die oft raue Oberpfalz. "Bei uns herrschen ja im Winter manchmal minus 20 Grad, es weht ein eisiger Wind und dazu schneit es auch noch", erzählen Hans und Lissi Brunner. Die Tiere könnten sich dann zwar jederzeit in den Unterstand zurückziehen, das würden sie oft aber selbst bei extremen Temperaturen nicht machen. Meistens liegen sie lieber draußen und lassen sich voll schneien.

Hans und Lissi Brunner aus Eisersdorf haben ihre Entscheidung für die Limousin-Rinder noch nie bereut

Tierarzt seltener Gast

"Durch das Leben im Freien sind die Tiere natürlich viel gesünder als Kühe, die ganzjährig im Stall gehalten werden." Der Tierarzt, so erklären sie, komme nur noch in Ausnahmefällen. Und Antibiotika brauche man überhaupt nicht mehr. Angenehm sei auch, dass die Limousin-Rinder "leichtkalbig" seien. Doch ganz ohne Überwachung ginge es natürlich nicht, man müsse schon "ein Auge drauf haben." Wenn beispielsweise ein Kälbchen "rückwärts" kommt, also mit den Hinterbeinen voran, dann ist auch hier Hilfe notwendig.

Inzwischen besteht die Herde aus 50 Kühen und einem Stier, der alle zwei Jahre ausgetauscht wird, um Inzucht zu vermeiden. Für Nachwuchs ist also immer gesorgt. Die Kälbchen werden übrigens nicht nur im Sommer, sondern auch regelmäßig im Winter geboren. Erstaunlicherweise kommen sie von Anfang an gut mit der rauen Witterung klar. Aber natürlich steht ihnen immer ein dick mit Stroh eingestreuter Unterstand zur Verfügung, der bei Bedarf für die Mutterkuh und ihrem Kalb Schutz bietet.

Durch die Umstellung auf eine ökologische Bewirtschaftung der Flächen hat sich auf dem Hof viel geändert. "Wie andere Landwirte auch, haben wir uns natürlich schon vorher gefragt, ob das immerwährende Spritzen und Düngen unser Leben sein kann", erzählt Lissi Brunner. Gerade wenn man selbst Kinder habe, sehe man die ständige Chemie auf den Feldern und die damit verbundene Auslaugung der Böden besonders kritisch. Ein Umdenken sei hier bei allen Landwirten nötig. Und vor allem eine andere Agrarpolitik. Denn derzeit würde diese immer noch eine Betriebsweise mit hoher Pflanzenschutz- und Düngungsintensität fördern. Und Veränderungen würden leider nur zäh vorangehen. Mit der Bewirtschaftung der hofeigenen Wiesen und Äcker stellen die Brunners die futtermäßige Versorgung der Rinder sicher. Neben dem Gras auf der Weide erhalten die Tiere Heu, Getreide, Klee, Mais sowie Bohnen und Erbsen. Zugekauft wird Mineralfutter in Form von Lecksteinen. "Manchmal ist aber auch weiterer Zukauf notwendig. Letztes Jahr ist beispielsweise der Mais nichts geworden", sagt Hans Brunner. "Dann sind wir gezwungen zuzukaufen. Doch selbst hier gibt es strenge Vorgaben, von welchen Biobetrieben zugekauft werden darf."

Zum Leben der Tiere auf dem Hof gehört natürlich auch deren Vermarktung in Form von Fleisch. Geschlachtet werde im Frühling und im Herbst, erklärt das Ehepaar. Der Metzger im Nachbarort sei für das Schlachten der Biorinder zertifiziert und würde auch die Fleischpakete für den eigenen Hofladen zusammenstellen.

Das Fleisch der Limousin-Rinder genießt bei Verbrauchern einen hervorragenden Ruf, weil es feinfasrig, mager und gut marmoriert ist. Stress hätten die Rinder durch den Transport nicht, da sie bereits am Tag zuvor die wenige Kilometer lange Reise anträten und dann vor Ort in einer Box genügend Zeit hätten, sich wieder zu beruhigen.

Mit und ohne Horn

Der Blick auf die weidenden Limousin-Rinder zeigt eine Mischung aus horntragenden und hornlosen Kühen. Beim Neukauf eines Stiers, so Hans Brunner, werde darauf geachtet, dass dieser einer hornlosen Zuchtlinie angehört und damit die natürliche Hornlosigkeit an seine Nachkommen vererbt. "So ist es für uns ungefährlicher, wenn wir zu den Tieren gehen. Die Mutterkühe sind oftmals etwas ruppig, wenn sie frisch gekalbt haben. Auch der Stier, der bis zu 1000 Kilogramm auf die Waage bringen kann, ist manchmal gereizt, wenn eine Kuh brünstig ist. Die Hörner bergen dann ein zusätzliches Verletzungsrisiko. Und das muss nicht sein."

Wird die Herde von außen bedroht, so fühlt sich übrigens der Stier nicht verantwortlich für die Verteidigung der Herde, sondern hält sich im Hintergrund. Bei Gefahr bilden einige Kühe mit der Leitkuh, die die Herde anführt, eine Front. Sie scharren mit den Vorderhufen, senken den Kopf, schnauben und schüchtern so den mutmaßlichen Gegner ein. Der hofeigene Hund wird beispielsweise auf der Weide nicht geduldet und auf diese Weise verjagt.

Was beweist, dass die Rinder über einen durchaus guten Verteidigungsinstinkt verfügen und von einer "dummen Kuh" nicht die Rede sein kann. Jetzt im Moment scheinen sich aber die Tiere nicht bedroht zu fühlen, im Gegenteil sie machen sogar einen sehr entspannten Eindruck. Manche liegen auf der Wiese und käuen wieder, andere stehen neben dem Heuballen und rupfen energisch große Büschel heraus, ein kleines Kalb versucht am Euter seiner Mutter eine Zwischenmahlzeit zu ergattern, ganz hinten in der Nähe des Zauns döst der Stier vor sich hin und eine Gruppe Halbwüchsiger beobachtet interessiert ein Herdenmitglied, das gerade die solarbetriebene Rinderbürste für eine ausgiebige Wellnessmassage nutzt. Alles im grünen Bereich.

Zehn Jahre sind es jetzt her, seit die Limousin-Rinder auf der Weide in Eisersdorf ihr neues Zuhause bezogen haben. Bereut haben Hans und Lissi Brunner ihre Entscheidung noch nie, ganz im Gegenteil. Erleichtert wird das Ganze auch noch durch die Töchter, die im Betrieb mithelfen und großes Interesse an der Landwirtschaft zeigen. Auf die Frage nach der Zukunft reagiert das Ehepaar entspannt: "Mal sehen, was die Zeit so bringt. Wir lassen das einfach auf uns zukommen, es pressiert ja nichts."

Das Limousin ist eine Region in der Mitte Frankreichs. Von dort stammt die Limousin-Rinderrasse
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