05.12.2019 - 19:36 Uhr
EnsdorfOberpfalz

Sea-Eye sammelt 1,4 Millionen Euro an Spenden: "Die haben wir auch gebraucht"

Der gebürtige Ensdorfer Günther Schmidt war 2016 als Kapitän für Sea-Eye auf hoher See. Jetzt ist er Finanzvorstand des Vereins. Er erzählt von Menschen, die schnell mal 60.000 Euro locker machen - und gewährt einen Blick ins Spendenkonto.

Günther Schmidt als Kapitän der "Sea-Eye" im Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer. 2016 retteten er und seine Crew 124 Menschen.
von Julian Trager Kontakt Profil

Eine Flasche Sekt ist nicht aufgemacht worden. Am Tag, an dem das Rettungsschiff "Alan Kurdi" im sizilianischen Messina anlegen durfte und damit 61 Flüchtlinge an Land brachte, ist es im Sea-Eye-Büro in Regensburg sehr ruhig. Am Abend sitzt Günther Schmidt im Konferenzraum. Die Nachricht aus Italien ist "erstmal gut", sagt er. "Gelöst wird die Stimmung aber erst, wenn wir wieder raus aus dem Hafen sind." Eine Blockade sei immer möglich.

Der gebürtige Ensdorfer (Kreis Amberg-Sulzbach) ist seit dreieinhalb Jahren ehrenamtlich für die Regensburger Rettungsorganisation tätig, seit Februar 2019 ist er ihr Finanzvorstand. Schmidt, beruflich Bereichsleiter in einem großen Regensburger Kinderheim, kümmert sich also ums Geld bei Sea-Eye, in seiner Freizeit. Keine leichte Aufgabe. "Sea-Eye ist unglaublich gewachsen", sagt der 52-Jährige. Bis vor kurzem habe der Verein "verwaltungsmäßig eher operiert wie ein Dorffußballverein", von den Büros daheim aus. Jetzt, seitdem man unter deutscher Flagge fährt, ist alles professioneller. Verwaltungskräfte, Referenten, Seemänner mit Profilizenzen wurden eingestellt, seit September hat der Verein ein eigenes Büro. Das steigere die Kosten, rechne sich aber auch. "Alles wird deutlich effektiver", erklärt Schmidt. Das sieht man auch an den Spendeneinnahmen.

In diesem Jahr kamen bisher 1,4 Millionen Euro an Spenden an. "Die haben wir auch gebraucht." Fürs komplette Jahr erwartet er 1,6 bis 1,7 Millionen Euro. Das wäre fast doppelt so viel wie im vergangenen Jahr, da waren es knapp 900 000 Euro, 2017 war es rund eine halbe Million Euro.

"Unglaublich treue Großspender"

"Ganz ganz viel läuft übers Internet", sagt Schmidt. Über die Sea-Eye-Homepage oder Facebook, Spenden per Mausklick. "Das macht unglaublich viel aus." Viele Menschen verzichteten mittlerweile auf Geburtsgeschenke oder Hochzeitgeschenke - stattdessen sollen die Gäste spenden. "Das nimmt immer mehr zu." Und dann wären da noch die dicken Fische. "Wir haben ein paar unglaublich treue Großspender." Zwei Privatpersonen aus dem süddeutschen Raum etwa, die anonym bleiben wollen, aber wenn es drauf ankommt ganz schnell bis zu 60 000 Euro locker machen. Oder Bands, die ihre Einnahmen stiften. "Ganz schöne Sachen", sagt Schmidt. Aber auch notwendig.

"Wir haben unglauliche Fixkosten", erklärt der Oberpfälzer. Die Lohnkosten belaufen sich monatlich auf etwa 60 000 Euro, der Schiffsbetrieb koste nochmal 50 000 Euro - die "Alan Kurdi", deren Kauf Schmidt abwickelte, brauche jeden Tag im Betrieb zwischen 800 und 1000 Liter Diesel.

Zukünftig möchte sich der Verein breiter aufstellen. Sprich: Noch mehr Spender, etwa über Förderpatenschaften. Nochmehr Mitglieder, aktuell sind es knapp 500. "Die Bewegung soll größer werden." Sea-Eye definiere sich schon immer über die Gemeinschaft.

Hier kann man spenden oder Förderpate werden

Der Verein soll finanziell auf solide Füße. Das ist trotz gesteigerter Spendeneinnahmen noch nicht der Fall. Man brauche ein Rücklage, für schwierige Zeiten. Wie in diesem Jahr: "Da war's wirklich sehr knapp mit dem Geld." Eine Mission musste ausfallen. "Ich möchte aber, dass gesichert ist, dass die Missionen laufen können und dass die Gehälter gezahlt werden können." Man habe ja auch eine Verantwortung, für die Seemänner. "Die haben Frau und Kinder, die sind auf das Gehalt angewiesen." Geholfen hatte damals auch die Kirche, darunter die Diozöse Regensburg. "Die haben uns die ein oder andere Mission gerettet", so Schmidt. Auch die Retter-Kollegen von Sea-Watch spendeten.

Seit dem Sommer 2016 ist Schmidt bei Sea-Eye. "Das ist eine super Sache." Zwischenzeitlich opferte er seine komplette Freizeit, stand um 5 Uhr auf, drei Stunden Arbeiten für Sea-Eye, dann ins Kinderheim, danach nochmal bis 12 Uhr für den Verein. Allein die Spendenquittungen verschlangen jeden Tag bis zu eineinhalb Stunden. "Das ging aber irgendwann nicht mehr." Jetzt hilft die neue Geschäftsstelle.

124 Menschen gerettet

Nochmal zurück ins Jahr 2016. Da war Schmidt selbst auf hoher See, Kapitän der "Sea-Eye". Das ging damals noch, weil das Schiff unter niederländischer Flagge fuhr, als Sportboot angemeldet war. "Eine komplette Extremsituation."Zwei Wochen waren er und seine Crew unterwegs, retteten 124 Menschen. "Echt ganz schlimm", sagt Schmidt. "Wenn du den Leuten auf dem Boot ins Gesicht schaust, siehst du, dass da alles leer ist, dass sie gebrochen sind, am Ende."

Der 52-Jährige ist überzeugt von dem, was Sea-Eye macht. "Das ist was sehr Wichtiges." Gerade weil die EU-Staaten wegschauen. "Das ist nicht bloß unterlassene Hilfeleistung, das ist Mord von hinten durch die Brust ins Auge." Schmidt kann das nicht verstehen. Im April 2020 geht es für den gebürtigen Ensdorfer wieder raus aufs Mittelmeer. Diesmal nicht als Kapitän, sondern als Missionsleiter auf der "Alan Kurdi".

Günther Schmidt in seinem Regensburger Sea-Eye-Büro. Er arbeitet bei der Hilfsorganisation ehrenamtlich als Finanzvorstand.
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