(moh) Es sieht aus, als hätte der letzte seines Standes seine Werkstatt gerade erst verlassen: In Matzersreuth fand der Arbeitskreis Historisches Handwerk im Oberpfalzverein e. V. endlich eine dauerhafte Bleibe, um sein Vereinsziel zu erreichen: Historisches Handwerk nicht nur zu erhalten und zu zeigen, sondern auch auszuüben. Darum kümmern sich 18 Aktive des 30 Mitglieder zählenden Arbeitskreises.
Umzug abgeschlossen
Schon vor über 20 Jahren wurde der Verein gegründet, um die alte Werkstatt des letzten Fassbindermeisters von Tirschenreuth, Josef Mickisch, zu erhalten. Was noch fehlte, waren geeignete Räumlichkeiten. In einem frisch renovierten, ehemaligen Stall hat der Arbeitskreis sie jetzt gefunden. Inzwischen sind die Umzugsarbeiten abgeschlossen. Zuletzt hatten die wertvollen Exponate in einem viel zu kleinen Raum auf dem ehemaligen Hamm-Gelände gelagert.
Schon ab Herbst soll die Sammlung mit regelmäßigen Öffnungszeiten zugänglich gemacht werden. "Es wird eine Art Handwerkerscheune", erklärt Herbert Konrad, der Leiter des Arbeitskreises. "Wir wollen altes Handwerk nicht nur zeigen, sondern auch ausüben." Schließlich sind fast alle Geräte voll funktionstüchtig, denn sie wurden damals für die Ewigkeit gemacht.
Den Kern der Sammlung bilden drei große Maschinen aus der Fassbinderwerkstatt. Aber auch die Kleinwerkzeuge, die der Fassbinder brauchte, sind noch vorhanden. Somit kann heute wieder der gesamte Produktionsprozess der Fassherstellung nachvollzogen werden.
Natürlich haben die Mitglieder des Arbeitskreises auch schon Fässer selber gebaut. Sogar das Pech, das man früher zum Abdichten der Fässer gebraucht hat, ist noch original vorhanden.
Alte Gerätschaften
Daneben haben einige andere alte Handwerker ihre Gerätschaften inzwischen dem Verein zur Verfügung gestellt. So findet man eine Schuhmacher-Nähmaschine und andere Dinge von längst ausgestorbenen Handwerksberufen, wie zum Beispiel einen Holzgewindeschneider oder einen Speichendreher, mit dem der Wagner einst die Speichen für Wagenräder angefertigt hat. Sogar eine ganze Schreinerwerkstatt gibt es. Dazu gehören die Werkzeuge für eine alte Holzdrehbank.
Zuerst muss jetzt Ordnung im neuen Museum geschaffen werden. Von einem Teil der Sammlung hat sich der Arbeitskreis beim Umzug auch getrennt, damit das Ganze übersichtlicher wird. Weil manche der Exponate noch restauriert werden müssen, wurde eine eigene Werkstatt mit modernen Werkzeugen vom Ausstellungsbereich abgetrennt. Wenn alles fertig ist, will man "durch verschiedene Präsentationen, Dokumentationen, Veranstaltungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen das Wissen um alte Handwerke in und um Tirschenreuth vermitteln", heißt es im Flyer des Arbeitskreises.
Geschichte erforschen
Doch das ist nicht alles. Die Mitglieder wollen auch die Geschichte der Handwerke weiter erforschen. Den Anfang machte schon in den Jahren 1996 und 1997 die Wissenschaftlerin Anita Zwicknagel, als sie den Bestand der Exponate genau erfasste. Auch wenn der Platz schon wieder knapp ist, sollen weitere Exponate gesammelt werden, zum Beispiel Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe, Halbfabrikate, Fotos, Auftragsbücher, Rechnungen, Bestellzettel, Skizzen, Pläne oder Lehrbücher.
Wer etwas anzubieten hat, kann sich an Herbert Konrad wenden (Telefon 09631/4435). Auch neue Mitglieder sind jederzeit willkommen.
Die Tirschenreuther Fassbinder
Im Jahr 1842 gab es sechs „Binder“ in Tirschenreuth. Sie hatten alle Hausnamen, die mit „Binder“ anfingen: Der Bindertoni, der Binderfranzseph, der Binder am Tor, der Binderurban, der Bindergirgl. Seit 1879 gab es die Fassbinderei Mickisch. 1957 übernahmen der Fassbinder Josef Mickisch junior und sein Bruder Franz Xaver, ein gelernter Kaufmann, den Betrieb. Schon von Anfang an hatte der Mickisch’sche Betrieb offenbar die Grenze vom Handwerksbetrieb zur industriellen Fertigung überschritten. Eine Transmission übertrug das Drehmoment wahrscheinlich einer Dampfmaschine auf die schweren, hoch spezialisierten Maschinen, mit denen die Fässer in verschiedenen Produktionsschritten gefertigt wurden. Da gab es eine Dauben-Biegemaschine, die den Eichenholzbrettern die gewünschte Krümmung gab. Eine Fügemaschine kantete die Dauben dann im exakten Winkel ab, damit sie sich zu einem Fass zusammenfügen ließen. Eine Stemm-Maschine fräste dann die Nuten für Fassdeckel und Fassboden hinein. Mit einer Pichpfeife dichtete man dann das fertige Fass mit Pech ab.
Zeitweise sollen bis zu 50 Mitarbeiter in der Mickisch’schen Fassbinderei beschäftigt gewesen sein. Zuerst waren wohl die örtlichen Brauereien die Hauptabnehmer für die Fässer. Später spezialisierte sich die Firma wohl noch auf das letzte verbleibenden Marktsegment, die Weinfässer. Die Fässer wurden bis an den Rhein geliefert. (moh)
















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