16.08.2021 - 13:21 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Beerenpflücken für die Familienkasse

Früher gab es in fast jedem Dorf Aufkäufer von Waldbeeren. So konnten sich viele Frauen mit dem Pflücken von Heidelbeeren und Preiselbeeren ein kleines Zubrot verdienen. Die 87-jährige Margarete Goller aus Erbendorf war eine von ihnen.

Margarete Goller wohnt in Erbendorf. Sie ist 87 Jahre alt und war, wie sie erzählt, während der Sommermonate „schon immer im Wald unterwegs, um Beeren zu pflücken“.
von Christa VoglProfil

In der Oberpfalz kann ein „Beergougl“ zweierlei sein: Erstens ein Käfer, genauer gesagt eine Wanze, die hin und wieder beim Schwarzbeeren- oder Preiselbeersammeln im Wald ganz ungewollt im Eimer des Pflückers landet. Zweitens bezeichnet „Beergougl“ aber auch einen Menschen, der in den Monaten Juli und August, also gerade dann, wenn die Beeren reif sind, sehr oft im Wald anzutreffen ist. Meistens ausgerüstet mit einem Beerkamm für die Heidelbeeren und verschiedenen Gefäßen, die im Laufe des Tages gefüllt werden. Meistens in gebückter Haltung. Und immer auf der Suche nach „guten Beerplätzen“.

Beergougl gibt es inzwischen deutlich weniger als noch vor ein paar Jahren: Nicht nur die Anzahl der Wanzen, auf die man im Wald stößt, hat in der Vergangenheit abgenommen. Auch die Zahl der menschlichen Beergougl – der Beerensammler - ist drastisch zurückgegangen. Vielleicht, weil der Kinderreichtum der Familien und damit die Anzahl der Esser am Mittagstisch abgenommen hat. Vielleicht, weil heutzutage Eingewecktes nicht mehr besonders hoch im Kurs steht und inzwischen nahezu alle Frauen berufstätig sind. Vielleicht aber auch, weil es einfach bequemer ist, die tiefgefrorenen und übersichtlich portionierten Waldbeeren im Supermarkt zu kaufen.

Bis zu zwei 10-Liter-Eimer

Eine, die sich von all diesen Veränderungen nicht beeindrucken ließ und weiterhin Beeren sammelte, ist Margarete Goller. Sie wohnt im Straßenschacht, Kreuzstein bei Erbendorf, ist 87 Jahre alt und war, wie sie erzählt, während der Sommermonate „schon immer im Wald unterwegs, um Beeren zu pflücken“. Goller ist keine Oberpfälzerin, sondern stammt aus Baden-Württemberg, aus der Nähe des Odenwalds, sie hat sozusagen in die Oberpfalz „eingeheiratet“. Und anders als hier in Erbendorf, wo der „Beerwald“ mit Steinwald und Hessenreuther Wald „gleich nebenan“ beginnt, mussten in ihrer früheren Heimat die Frauen ein weites Stück mit der Bahn oder mit dem Bus fahren, um in ein Waldgebiet zu kommen, in dem es Heidel- und Preiselbeeren gab.

Hier wie dort gab es in den Dörfern bis in die 70er Jahre Aufkaufstellen. „Meistens machte das eine Bäuerin, die einen Raum hatte mit einer Balkenwaage“, erinnert sich die Erbendorferin. Waren die Eimer der Sammlerinnen nach einem Tag im Wald voll – Goller spricht von einem oder sogar zwei 10-Liter-Eimern – brachte man die Beeren zur Aufkaufstelle. Dort wurden die Preisel- und Heidelbeeren in Spankörbe gefüllt, gewogen und zu einem bestimmten Kilopreis vergütet. Gegen abends kam dann an der Sammelstelle der Lieferwagen eines Großhändlers vorbei, um die Beeren zum Großmarkt oder auch in die Konservenfabriken zu bringen. „Die Frauen verdienten sich damit ein kleines Zubrot. Es war eine wirklich mühsame Arbeit, aber es gab ja sonst fast keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen“, weiß die 87-Jährige. Und was wurde mit dem Geld gemacht? Was konnte man sich dafür leisten? Margarete Goller lacht und wehrt ab: „Ach, so viel hat man für die Beeren nicht bekommen. Die paar Mark sind einfach in den Haushalt mit reingeflossen.“

Füße machen nicht mehr mit

Natürlich akzeptierten die Aufkäufer in den Dörfern nicht alle Beeren. Es war wichtig, dass die angelieferte Ware sauber war, dass sich also zwischen den Beeren keine kleinen Blätter versteckten, und dass sich darin keine Insekten oder andere Verunreinigungen, wie zum Beispiel Baumnadeln, befanden. „Manche Frauen putzten die Beeren zu Hause und gingen dann erst zum Aufkäufer“, erzählt Goller. „Ich habe das nie so gemacht. Ich habe meine Beeren immer gleich während des Pflückens im Wald geputzt, ich habe geschaut, ob ein Blättle drin ist und bin dann direkt vom Wald zum Aufkäufer.“

Auch als die Zahl der Heidelbeer- und Preiselbeerpflücker mit Beginn der 80er Jahre stark abnahm, war Margarete Goller weiterhin von Juli bis August regelmäßig im Wald anzutreffen. „Aufkäufer gab es dann in den Dörfern keine mehr“, erzählt Goller. „Aber ich habe viele Freunde und Bekannte, die Jahr für Jahr ihre Beeren direkt bei mir bestellten.“

Dieses Jahr kann sie zum ersten Mal keine Beerenwünsche erfüllen. Weil sie „Probleme mit den Füßen hat“, wie Margarete Goller mit einem großen Bedauern in der Stimme erzählt, während sie auf einer Bank vor ihrem kleinen Holzhaus in der Sonne sitzt. Ob sie das Beerenpflücken nach den vielen Jahren des eimerweisen Sammelns, Putzens und Verkaufens vermisst? Die Antwort der 87-Jährigen, die bereits seit über 50 Jahren in der Oberpfalz zu Hause ist, deren Stimme aber immer noch einen leicht schwäbischen Einschlag hat, kommt ohne zu zögern. „Ja, ich bin immer gern in den Wald gegangen. Das Beerenpflücken geht mir schon ab.“

Diese etwas wehmütige Aussage sollte jedoch niemanden verwundern. Zumal bekannt ist, dass für eingefleischte Beerensammler fast ausnahmslos gilt: „Aamal a Beergougl, imma a Beergougl.“

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"Es war eine wirklich mühsame Arbeit, aber es gab ja sonst fast keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen."

Margarete Goller

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