05.02.2020 - 11:32 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Gemäuer schreibt Geschichte

Die Bauarbeiten in der „Alten Schmiede“ laufen auf Hochtouren. Künftig soll hier das Dokumentationszentrum „Flucht und Vertreibung“ sein Domizil haben. Die neue Museumsleiterin Dr. Kerstin Pöllath arbeitet am Konzept.

(von links) Achim Gmeiner von der Baufirma Janner, Bürgermeister Hans Donko und die Museumsleiterin des Dokumentationszentrums, Dr. Kerstin Pöllath.
von Jochen NeumannProfil

Der Leerstand des Anwesens Bräugasse 18, besser bekannt unter dem Hausnamen "Noglschmied" und "Alte Schmiede", hat ein Ende. Die Umbaumaßnahmen haben begonnen. Nach dem Willen der Stadt soll hier ein Museum entstehen. Wie Bürgermeister Hans Donko ausführte, laufe mit der tschechischen Partnerstadt Plesna ein gemeinsames, von der EU gefördertes Projekt für bayerisch-böhmische Ausstellungen zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und zu geologischen Gemeinsamkeiten. "Dazu wird die Stadt das Dokumentationszentrum Flucht und Vertreibung errichten."

Das Gebäude selbst wurde nach dem Stadtbrand von 1832 errichtet. Schon seit dem frühen 18. Jahrhundert wurde in diesem Anwesen das Schmiedehandwerk ausgeübt. In den zurückliegenden drei Jahrhunderten blieb dabei die Schmiede immer in Familienbesitz. Im Grundbuch ist heute noch eine "Reale Nagelschmiedgerechtsame" eingetragen.

Der erste nachweisbare Nagelschmied in diesem Anwesen war im Jahr 1745 Hans Georg Herold. Seit dieser Zeit ging das Handwerk immer vom Vater auf den Sohn über. Der letzte Schmied gleichen Familiennamens war Simon Herold, der die Werkstatt im Jahr 1879 übernahm. Er übergab das Geschäft 1914 an seinen Schwiegersohn, den Schmiedemeister Ferdinand Banrucker. Im Jahr 1930 stieg Ferdinands Sohn Hans als gelernter "Huf- und Wagenschmied" ins Geschäft ein. Er führte die Schmiede noch im hohen Alter bis in die 1980er Jahre hinein. Mit seinem Tod im Jahr 1989 ging das Schmiedehandwerk in diesem Haus zu Ende. Nachdem das Haus bereits jahrelang leer stand, erwarb es die Stadt im Jahr 2006. Seit dieser Zeit wurde die urige Werkstatt des Öfteren für Vereinsveranstaltungen genutzt. Nicht zuletzt deswegen bürgerte sich dabei die Bezeichnung "Alte Schmiede" ein.

In historischen Gemäuern

"Um das Gebäude museal nutzen zu können, muss es im Vorfeld von Grund auf saniert werden", sagte Bürgermeister Hans Donko. Im gelang es, im Rahmen des Programms "Förderoffensive Nordostbayern" für die Baumaßnahme eine Förderung von 90 Prozent an Land zu ziehen. "Von den Gesamtkosten von 1,8 Millionen fällt für die Stadt lediglich ein Eigenanteil von 180 000 Euro an." Den Zuschlag für die Planungen erhielt Architekt Walter Bauer. "Positiv ist anzumerken, dass das Haus in seinem Grundriss so genutzt werden kann, wie der Bestand ist", stellte Donko fest. "Die Raumaufteilung bietet sich geradezu für ein Museum an."

Im hinteren Teil des Anwesens soll ein Aufzug eingebaut werden, um barrierefrei alle Räume im Erdgeschoss und im Obergeschoss erreichen zu können. Aus brandschutztechnischen Gründen wird im hinteren Gebäudeteil ein Ausgang zum Kirchhof eingebaut. "Insgesamt stehen dem zukünftigen Museum gut 400 Quadratmeter Ausstellungs- und Büroflächen zur Verfügung."

Beim Ortstermin in der Bräugasse 18 machten sich Bürgermeister Hans Donko und die zukünftige Leiterin des Museums, Dr. Kerstin Pöllath, ein Bild vom Baufortschritt. Sie wird das Dokumentationszentrum im Rahmen des EU-Projekts aufbauen und leiten. Das Museum, insbesondere die Einrichtung, Konzeption und Personal, wird nach den Worten des Bürgermeisters aus EU-Mitteln gefördert. Aus dem gemeinsamen Projekt mit der Stadt Plesna stehen hierfür Mittel in Höhe von 640 000 Euro zur Verfügung, die zu 85 Prozent aus EU-Mitteln bezuschusst werden.

Zeugen, Dokumente, Fotos

Begeistert zeigt sich auch Museumsleiterin Pöllath. "Schon alleine das Gebäude schreibt Geschichte", stellte sie fest. Aber während die Bauarbeiten bereits laufen, ist sie schon voll in der Erarbeitung des musealen Konzepts sowie der Ausstellungsinhalte. "Das Museum befasst sich mit der Zeit ab den 1920er Jahren", stellte Pöllath fest. "Schwerpunkte dabei sind Erbendorf und die nördliche Oberpfalz zur Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs sowie die Situation der in der Region angekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen."

Damit verbunden ist nach ihren Worten auch die Phase der Integration und des Zusammenwachsens. "Viele Erbendorfer Familien wurden durch diese Zeit geprägt", stellt sie fest. "Sei es, dass sie selbst oder ihre Vorfahren als Vertriebene hier ankamen und sich eine neue Existenz aufbauen mussten oder dass Neubürger durch Heirat oder Freundschaften in ihren Verwandten- und Bekanntenkreis aufgenommen wurden."

Für den Aufbau der Sammlung ist die Museumsleiterin auf der Suche nach Ausstellungsgegenständen unterschiedlichster Art. "Dies können beispielsweise Fotos und Dokumente aus der eigenen Familien-Geschichte sein, die vom Krieg, der Vertreibung und der Ankunft wie auch dem Aufbau hier vor Ort berichten, oder auch Erinnerungsstücke an die alte Heimat." Ebenso gefragt sind Gegenstände, die beim beruflichen Neuanfang wichtig waren. "Von Bedeutung sind darüber hinaus auch persönliche Geschichten und Erfahrungen, die mit dieser Zeit verbunden sind."

Wer mögliche Leihgaben für das Museum zu Hause hat oder das Projekt durch Zeitzeugenberichte unterstützen könnte, wird gebeten, sich mit den Verantwortlichen in Verbindung zu setzen. Ansprechpartner sind Museumsleiterin Pöllath unter der Telefonnummer 01 76 / 83 10 51 89 oder Jochen Neumann, Telefon 0 96 82 / 92 10-34, im Rathaus.

(von links) Achim Gmeiner von der Baufirma Janner, Bürgermeister Hans Donko und die Museumsleiterin des Dokumentationszentrums, Dr. Kerstin Pöllath.
In diesem Raum befand sich einst die Schmiede. Die sogenannte "Esse" bleibt erhalten. Sie ist dann Bestandteil eines Ausstellungsraums des neuen Museums.
Hans Banrucker war der letzte Schmied, der in diesem Gebäude sein Handwerk ausübte. Das Foto stammt aus den 1960er Jahren.
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