29.09.2019 - 14:16 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Kartoffeln und Lazarus

Mit einem Ehrenabend feierte der SPD-Ortsverein Erbendorf sein 100-jähriges Bestehen. Der ehemalige Landtagsabgeordnete Franz Schindler wagte in seiner Festansprache eine Reise in die politische Geschichte.

Für langjährige Mitgliedschaft konnten Genossinnen und Genossen ausgezeichnet werden. Auf dem Bild (erste Reihe von links) Herbert Stattnik, Anton Sirtl, Pauline Menzl, Ludwig Kellner und Josef Wallner mit Ehefrau sowie (von rechts) Bürgermeister Hans Donko, Landtagsabgeordneter a.D. Franz Schindler, Landtagsabgeordnete Annette Karl, die SPD-Vorstandsmitglieder Reinhold Kastner und Martin Gallersdörfer sowie SPD-Ortsvorsitzende Brigitte Scharf.
von Jochen NeumannProfil

Der SPD-Ortsverein kann dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Grund genug für die Erbendorfer Sozialdemokraten, dieses Jubiläum mit einem großen Ehrenabend in der Stadthalle zu begehen. Vorausgegangen war ein Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Genossen in der katholischen Pfarrkirche mit Pfarrer Martin Besold. „Eine saubere Predigt“, stellte SPD-Ortsvorsitzende Brigitte Scharf fest. „Vor allem gefiel mir die Verbindung von Lazarus mit dem sozialen Gedanken“. Sie dankte dem Pfarrer auch für die Fürbitten. „Ich hoffe, es hält an bis zur Kommunalwahl am 15. März nächsten Jahres.“ Beim Totengedenken nannte Scharf stellvertretend für die verstorbenen Mitglieder der letzten 100 Jahre den früheren Ehrenvorsitzenden Hans Schäffler, der Ende letzten Jahres noch für 60-jährige Mitgliedschaft geehrt werden konnte.

Bevor Brigitte Scharf den Festredner ankündigte, gab sie zu, zu Beginn des Jahres mit einer 100-Jahr-Feier gerungen zu haben. „Denn zum Jahresanfang war es nicht einfach, wenn man bedenkt, in welcher Stimmung die SPD damals war“, so die Ortsvorsitzende. „Es war schwierig, sich mit dem Gedanken anzuvertrauen, das Hundertjährige zu feiern.“ Sie habe sich mit der Geschichte des Ortsvereins befasst. „Da erwachte in mir langsam wieder der Stolz und ein gewisser Trotz, und ich habe festgestellt, wir müssen feiern.“

Die Festansprache übernahm Landtagsabgeordneter a.D. Franz Schindler aus Schwandorf, ein Kenner der Geschichte der Sozialdemokratie. „Ist mir gerade bewusst geworden, dass der Ortsverein mit seinen 104 Mitgliedern gemessen an der Einwohnerzahl einen Organisationsgrad von zwei Prozent hat.“ Er rechnete hoch, dass die SPD in der Oberpfalz über 20 000 Mitglieder haben müsste. „Da haben wir nicht mal die Hälfte.“ In Bayern müssten es 200 000 sein, derzeit ein Viertel davon und auf Bundesebene zwei Millionen. „Da sieht man mal, wie stark die SPD in Erbendorf ist.“

„Heute habe ich etwas wackelige Knie, wenn ich die Festredner der vorangegangenen Jubiläen ansehe. Dazu zählten der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Herbert Wehner, Alt-Landrat Hans Schuierer sowie die Landesvorsitzenden Renate Schmidt und Florian Pronold. „Als Gründungsdatum für den Ortsverein ist der 25. Januar 1919 nachgewiesen“, stellte Schindler fest. „Ich war nicht dabei auch, wenn man es mir nach dem Aussehen doch zutrauen könnte.“ Es sei eine aufgewühlte Zeit, ein Vierteljahr nach dem am 8. November 1918 als Kurt Eisner den Freistaat Bayern ausrief. Er erinnerte an Eisners Worte „Jedes Menschenleben soll heilig sein.“

Vier Tage sei es vor der Gründung des Ortsvereins her gewesen, dass der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wurde. Der Landtagsabgeordnete a.D. hob hervor, dass der SPD-Ortsverein nicht von „Proleten“ gegründet worden sei, sondern von einem Lehrer, einem Druckereibesitzer und einem Schustermeister. „Es waren keine Arbeiter, das war damals nicht ungewöhnlich.“

„Doch der Aufbau der Demokratie ist nach gut 14 Jahren wieder gescheitert“, stellte er fest. Mit der Machtergreifung Hitlers wurde die SPD verboten. „Gleichsam ist das aber ein Tag des großen Stolzes der SPD“. Er nannte den SPD-Reichstagsabgeordneten Otto Wels und den bayerischen Landtagsabgeordneten Albert Roßhaupter. „Sie waren aktive Gegner des Nationalsozialimus.“

Im weiteren Verlauf seines Vortrags ging Schindler auf den SPD-Politiker und ersten Ministerpräsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg, Wilhelm Hoegner, ein. „Manche meinen, dass diese SPD, nachdem sie jetzt mehr als 150 Jahre alt ist, schon wichtig war, jetzt aber in der modernen Zeit überflüssig geworden sei“, fuhr er fort. „Die SPD habe ihre großen Aufgaben erfüllt, aus Proleten Bürger gemacht, das Frauenwahlreicht eingeführt, soziale Gerechtigkeit geschaffen und den Kapitalismus gebändigt in einer sozialen Marktwirtschaft.“ Diese großen historischen Aufgaben, auch die Aussöhnung mit den Nachbarn in Europa, hätte sie erfüllt. „Viele meinen, jetzt kann sie doch abtreten.“

Im Angesicht der derzeitigen Schwäche ist Schindler aber überzeugt, dass die SPD auch im 21. Jahrhundert gebraucht wird. „Denn es kommt auf die Freiheit und Würde des Einzelnen an und nicht auf den imaginären Volkswillen, wie er heute oft propagiert wird.“

„Ein kühler Kopf braucht warme Füße.“ Mit diesen Worten dankte Brigitte Scharf für die beeindruckende Rede und überreichte als Dankeschön selbstgestrickte Socken und einen Geschenkkorb. Im Anschluss konnten die Besucher des Festabends die 100-jährige Geschichte des Ortsvereins noch in einem Videofilm erleben.

Grußworte und Ehrungen

„100 Jahre sind es Wert zu feiern“, stellte Bürgermeister Hans Donko fest. Immerhin sei die SPD die älteste Partei auch in Erbendorf. „Im Sinne der Demokratie ist dies auch gut und richtig.“ An der Erfolgsgeschichte der Stadt habe die SPD einen wesentlichen Anteil, stellte er fest. Der Bürgermeister hob die gute Gemeinschaft aller Fraktionen im Stadtrat heraus. „Mein Wunsch ist es, dass die SPD auch weiterhin mit Herz, Kraft und Mut für die Bürger eintritt.“

Landtagsabgeordnete Annette Karl stellte fest, dass die SPD heute ein Teil der Stadtgeschichte sei. „Nach starken Männern am Anfang stehen der SPD in den letzten Jahrzehnten starke Frauen vor.“ Kurz ging Karl auf die Arbeiterwohlfahrt ein, die ebenfalls vor 100 Jahren gegründet wurde und die in der Steinwaldstadt gut etabliert sei. Auch der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Uli Roth gratulierte zum Jubiläum.

Für 65-jährige Parteimitgliedschaft konnte Josef Wallner ausgezeichnet werden. 50 Jahre sind Ludwig Kellner, Pauline Menzl, Anton Sirtl und Herbert Stattnik bereits Mitglieder. Elfriede Bauer erhielt für 40 Jahre eine Urkunde. Die Falkenberger Karpfenmusik intonierte zum Ende des offiziellen Teils das Lied „Brüder zur Sonne und Freiheit“ sowie die Bayern-Hymne. Zum Abschluss gab es eine deftige Kartoffelsuppe. Kartoffeln müssten einen Vergleich mit der SPD nicht scheuen, sagte Brigitte Scharf: „Beide gibt es fast schon immer, solange es sie gibt, gibt’s keine Not und sie gedeihen in den dunkelsten Ecken. “

Ehrenabend zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Erbendorf. Am Rednerpult SPD-Ortsvorsitzende Brigitte Scharf
Stadträte aller Fraktionen waren beim Festabend (links) neben den Ehrengästen vertreten.
SPD-Ortsvorsitzende Brigitte Scharf
Landtagsabgeordneter a.D. Franz Schindler
Ehrenabend zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Erbendorf.
Selbstgestrickte Socken für den Festredner, Landtagsabgeordneter a.D. Franz Schindler (rechts), gab es als Dankeschön von SPD-Ortsvorsitzender Brigitte Scharf.
Beim Ehrenabend zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Erbendorf spielte die "Falkenberger Karpfenmusik" auf.
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