19.04.2021 - 13:53 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Museum "Flucht & Vertreibung" Erbendorf: Exponate bereits gesichert

Aus der „Alten Schmiede“ in der Erbendorfer Bräugasse wird das Museum „Flucht & Vertreibung“. Die Sanierungs- und Umbaumaßnahmen gehen dem Ende entgegen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik läuft auf Hochtouren.

Was aus der Zeit der Schmiede auf jeden Fall erhalten bleibt, ist die alte Esse. Die ehemalige Werkstatt wird zukünftig als Raum für Wechselausstellungen genutzt.
von Jochen NeumannProfil

Wo der „Noglschmied“ in seiner Esse das Eisen zum Glühen brachte, wird in absehbarer Zeit das Museum „Flucht & Vertreibung“ fertiggestellt sein. Während die Sanierung und der Umbau des Anwesens aus Städtebaumitteln finanziert werden, ist dies beim Museumsausbau mit dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) mit 85 Prozent möglich. Es ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Erbendorf und der tschechischen Stadt Plesna.

Ziel des EU-geförderten Projektes ist es, das Kultur- und Naturerbe im tschechisch-bayerischen Grenzgebiet durch die Errichtung von Museen mit interaktiven Ausstellungen in den zu sanierenden Objekten in den beiden Städten Erbendorf und Plesna zugänglich zu machen.

„Im Vorfeld zur Sanierung und zum Umbau des Anwesens Bräugasse 18 waren umfangreiche Bauarbeiten notwendig, die demnächst ihrem Ende entgegen gehen“, weiß Bürgermeister Johannes Reger. Denn laut Architekt Walter Bauer war es im vergangenen Jahr eine enorme Herausforderung, die Grundmauern zu unterfangen und vor allem im hinteren Bereich des Gebäudes Salpeterausbildungen zu entfernen.

Aktuell seien nach Bürgermeister Reger die Baumeisterarbeiten bis auf den Außenputz abgeschlossen, ebenso die Dachdeckerarbeiten, Sanitär- und Elektroarbeiten. „Demnächst wird der Estrich eingebracht und im Anschluss die Fußbodenbeläge.“ Mit dem Baufortschritt zeigt sich der Bürgermeister zufrieden.

Begriffe von großer Bedeutung

„Nach Abschluss dieser Arbeiten kann mit der Einrichtung des eigentlichen Museums begonnen werden“, sagt Reger weiter. „Die diesbezüglichen Vorbereitungen laufen bereits.“ Die eigentlichen Museumsarbeiten rund um die Einrichtung und wissenschaftliche Aufarbeitung laufen seit Monaten auf Hochtouren. Dafür sorgt die Leiterin des neuen Museums, Dr. Kerstin Pöllath.

Etwas zur Ausstellung und zu den Themen verrät sie bereits: „Zentrale Themen werden die Stichworte Migration und Integration sein. Beide Begriffe sind in der Gesellschaft aktuell und von großer Bedeutung.“

Aber sie weist darauf hin, dass es Wanderungen aus den unterschiedlichsten Gründen schon seit jeher gab. „Zu allen Zeiten verließen einzelne Menschen und ganze Gruppen ihre ursprüngliche Heimat und zogen in andere Orte und Länder.“ Teils geschah dies freiwillig, zum Beispiel in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, teils aber unter Zwang und dem Einsatz des eigenen Lebens.

„Zu allen Zeiten verließen einzelne Menschen und ganze Gruppen ihre ursprüngliche Heimat und zogen in andere Orte und Länder.“

Museumsleiterin Dr. Kerstin Pöllath

„Im Fokus des Erbendorfer Museums stehen deshalb neben dem Schwerpunkt Flucht und Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg die unterschiedlichen Aspekte von Migration ab dem 19. Jahrhundert bis heute“, führt die Museumsleiterin aus.

Zu welchen Zeiten lebten verschiedene Gruppen gut zusammen, wie organisierten die Menschen sich? Wann kippte die Situation, wie konnte sie eskalieren? Wie gelang nach der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts die Integration der vielen neu angekommenen Bürger und warum gehen Migration und Integration letztendlich jeden von uns etwas an? „Längst ist diesbezüglich nicht alles geklärt, auch entwickeln sich stetig neue Fragen“, sagt Kerstin Pöllath weiter. „Das Erbendorfer Museum möchte diesen und anderen spannenden Themen nachgehen und die Perspektive seiner Besucher erweitern.“

Immer mehr Exponate

Zum aktuellen Stand der Museumsarbeit führt sie aus, dass die Arbeiten am Fein- und Gestaltungskonzept gut vorangehen. „Auch die Sammlung an Ausstellungsstücken wächst.“ Dazu zählten nicht nur große Exponate, sondern auch Bild- und Schriftdokumente. „Diese werden auch medial in Ton, Bild und Video aufgearbeitet“, erklärt Pöllath. „Sozusagen für alle Sinne.“

„Zeugnisse für ein gutes Miteinander in unserer Region gibt es viele“, bestätigt die Museumsleiterin. „Während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts blühte das Vereinsleben, in vielen Orten der Region gründeten sich die unterschiedlichsten Gruppierungen. Man engagierte sich in der Feuerwehr, verstärkte den Gesangsverein oder trieb gemeinsam Sport.“ Eine solche Verbundenheit belegen beispielsweise ein Fahnenband und eine Fotografie der Gründungsveranstaltung des Radfahrvereins Concordia Grötschenreuth aus dem Jahr 1928, die sich in den Beständen des Museums befinden.

„Von einem anderen, späteren Miteinander zeugt eine Aufnahme aus dem Jahr 1950, als in der Erbendorfer Turngartenstraße durch die Baugenossenschaft das Richtfest für ein 14-Familien-Wohnhaus gefeiert wurde.“ Denn nach dem Schrecken des Krieges und den anschließenden weiteren harten Jahren mit Mangel und Not sei man bestrebt gewesen, allen Bürgern guten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Geförderter Siedlungsbau ermöglichte es zahlreichen Familien, Fuß zu fassen und heimisch zu werden.

Besonderheit

„Das Thema Musik wird sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen“, erklärt Dr. Kerstin Pöllath. „Denn auch Instrumente können gewissermaßen in einem weiter gefassten Sinn Zeitzeugen sein.“ So seien die Geschichten ihrer Eigentümer und die Art von Musik, die auf ihnen gespielt wurde, Brücken in andere Zeiten. „Nicht zuletzt ist Musik und das musikalische Bild auch ein Herzensanliegen unseres Bürgermeisters Johannes Reger.“

„Erst vor kurzem konnte sich die Stadt über die Zusage für einen Neuzugang freuen, der so bald wie möglich nach Erbendorf kommen wird“, freut sich Pöllath. Dabei handelt es sich um das Cembalo des Chronisten und Ehrenbürgers der Stadt Erbendorf Wilhelm Gollwitzer. „Die Geschichte darum und wie durch dieses Instrument das Thema Flucht in einer besonderen Weise aufzugreifen ist, wird ebenfalls Teil der Dauerausstellung sein.“

„Das Thema Musik wird sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Denn auch Instrumente können gewissermaßen in einem weiter gefassten Sinn Zeitzeugen sein.“

Museumsleiterin Dr. Kerstin Pöllath

Die Museen im Landkreis Tirschenreuth treten im Internet gemeinsam auf

Tirschenreuth

„Das Museumsteam mit Leiterin Dr. Kerstin Pöllath macht eine hervorragende Arbeit“, bestätigt Bürgermeister Reger. Sein Dank gilt auch Jochen Neumann, der den Museumsteil des Projekts im Rathaus koordiniert. „Ich freue mich schon auf die Fertigstellung des Museums mit seinen Exponaten und seiner Gestaltung.“ Die Eröffnung terminiert der Bürgermeister zum Ende des Jahres hin. „Ich bin mir sicher, dass das Museum 'Flucht & Vertreibung' über die Region hinaus ein Anziehungspunkt wird und damit Erbendorf bekannter macht.“

Info:

Service

Der Kontakt zum Museum läuft über die Stadt Erbendorf: Telefon 09682/9210-0, Telefax 09682/9210-92, E-Mail stadt[at]erbendorf[dot]de. Museumsleiterin für die Einrichtung in der Bräugasse 2 ist Dr. Kerstin Pöllath.

 

 

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