22.11.2020 - 09:00 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Pfarrei in Erbendorf sichert sich Konzertsaalorgel aus Baden-Badener Kurhaus

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Die Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Erbendorf hat ihre Orgel-Pläne geändert. Statt einer neuen Orgel gibt es nun ein gebrauchtes Instrument. Und das ist ein regelrechtes Juwel, bei dem viele Experten leuchtende Augen bekommen.

Die Orgel ist in Tausende Einzelteile zerlegt eingelagert. Hier der Blick in das Orgeldepot der Firma Vleugels.
von Wolfgang Benkhardt Kontakt Profil

"Wir werden eine Konzertsaalorgel bekommen", strahlt Pfarrgemeinderatssprecher Holger Popp, der gleichzeitig Vorsitzender des Orgelbaufördervereins Erbendorf ist. Nicht irgendeine, sondern die Orgel, die früher im Kurhaus Baden-Baden stand. Vorher muss die in Tausende Einzelteile zerlegte "Königin der Instrumente" allerdings noch behutsam restauriert und hier und da auch ergänzt werden. Spätestens 2023 soll sie da sein und die Weise-Orgel auf der Empore ersetzen.

Die ist übrigens noch gar nicht so alt. 1975 ersetzte sie eine Steinmeyer-Orgel. Doch die Materialien, die man damals verwendet hat, erwiesen sich im Nachhinein als nicht optimal für den Orgelbau. "Unser derzeitiges Instrument genügt leider klanglich nicht mehr den Anforderungen zur Feier der Liturgie und für Kirchenkonzerte", klagt Popp. Man habe zwar 1989 versucht, durch das Verändern von fünf Registern den Klang zu verbessern. Doch nach wie vor mangele es an einer breiten Palette von abwechslungsreichen Klangfarben. Daher habe die Kirchenverwaltung schon 2006 beschlossen, die Situation zu verbessern. Eine Investition in das jetzige Instrument habe der Orgelsachverständige der Diözese aufgrund der Mängelliste abgelehnt.

Glückliche Fügung

Also musste eine andere Lösung her. Und hier gab es plötzlich eine glückliche - oder war es gar eine göttliche? - Fügung. Die verschollene Orgel aus dem Kurhaus Baden-Baden wurde wiederentdeckt. Das Instrument ist 1916 von der renommierten Orgelbaufirma Voit gebaut worden. Auf der Orgel hat schon Gerhard Straube, ein guter Freund des Komponisten Max Reger, der aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen öfter in Erbendorf war, gespielt. Auch die Morgenstern-Fantasie, die Reger in Erbendorf komponiert hat, soll Straube darauf gespielt haben.

Als man nach dem Zweiten Weltkrieg im Kurhaus eine Zwischendecke einzog, konnte die Orgel den Saal nicht mehr richtig beschallen. 1980 wurde schließlich das restaurierungsbedürftige Instrument abgebaut. Die Teile lagerte man in einem Weingut in Karlsruhe-Durlach ein. Dort gerieten sie in Vergessenheit - bis das Weingut verkauft werden sollte.

Man fragte sich, wohin mit den Orgelteilen. Die Firma Vleugels in Hardheim (Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg), die alte Orgeln herrichtet und auch schon Voit-Instrumente in Heidelberg und Prag restauriert hat, erkannte den Schatz und erwarb 2009 den gesamten Lagerbestand vom Land Baden-Württemberg. Damit zogen über 3000 Pfeifen und all die anderen Einzelteile ins Depot der Firma in Hardheim um. Dort warten sie seitdem darauf, wieder zum Klingen gebracht zu werden.

Nach Auskunft der Orgelmanufaktur gab es in all den Jahren zwar mehrere Anfragen nach dem edlen Instrument, aber keine war dazu geeignet, die Konzertorgel wieder ganz aufbauen zu können. In der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Erbendorf ist dies anders. Dort ist genügend Platz auf der Empore und das Gotteshaus hat eine tolle Akustik. Also begann man zu verhandeln und kam prompt ins Geschäft. Eingefädelt hat den ungewöhnlichen Deal laut Popp Orgelexperte Dr. Nikolaus Könner vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Er wusste vom Schatz, der in Hardheim eingelagert ist und brachte die Orgel für Erbendorf ins Spiel.

Schatz aus Zeit Max Regers

"Die Baden-Badener Voit-Orgel gehört zum Besten, was der spätromantische Orgelbau in Deutschland hervorgebracht hat. Mit ihrer Wiederspielbarmachung würde ein orgelbaulicher Schatz aus der Zeit Max Regers gehoben, der sicher bayernweit Aufmerksamkeit erregen würde", urteilt Könner.

Den Ausschlag, dass die Kirchenverwaltung zugriff, gab der Orgelsachverständige der Diözese Regensburg, Gerhard Siegl, der in seinem Gutachten schreibt: "Die Instrumente der Firma Voit & Söhne aus Karlsruhe-Durlach gelten in Fachkreisen als hervorragende Zeugnisse der Orgelbaukunst des frühen 20. Jahrhunderts." Allerdings seien nur noch wenige Instrumente erhalten, darunter die Konzertsaalorgeln in Heidelberg und Prag, welche die Firma Vleugels restauriert hat. Er empfahl, das Instrument herrichten und in die Erbendorfer Kirche einbauen zu lassen. Damit kam die Sache ins Rollen.

Festpreis vereinbart

Vereinbart ist ein Festpreis von knapp 735.000 Euro. "Neu würde solch ein Instrument wohl über eine Million kosten", sagt Popp. Von der Diözese Regensburg gibt es einen Zuschuss von 45 Prozent (knapp 330.000 Euro). Auch der Orgelbauförderverein hat schon ein hübsches Sümmchen, nämlich fast 50.000 Euro, zurückgelegt. Ein weiterer großer Baustein sollen Patenschaften für die Orgel sein. Nach Abzug vieler weiterer Zuschüsse und Spenden sollen für die Kirchenverwaltung 140.000 Euro an Eigenmitteln bleiben. "Diese Finanzierung kriegen wir hin", sagt Kirchenpfleger Alfons Meierhöfer.

Die Pfarrei Erbendorf hat noch ein anderes Projekt vor

Erbendorf
Hintergrund:

Die Patenschaft für Pfeifen

Preis einer Patenschaft: Kinder bis 12 Jahre können schon ab 5 Euro eine Patenschaft übernehmen. Für alle anderen gibt es Pfeifen in verschiedenen Größen für 25, 50, 100, 175, 250, 500 und 1000 Euro. Insgesamt stehen über 3000 Pfeifen für Patenschaften zur Verfügung

Würdigung der Paten: Jeder Pate erhält eine Urkunde. Außerdem wird später am Orgelgehäuse eine Tafel angebracht, auf der alle Paten mit Namen aufgelistet werden. Es besteht auch die Möglichkeit zu anonymen Patenschaften.

Ablauf der Aktion: Das Geld für die Patenschaft muss auf das Konto des Orgelbaufördervereins bei der Raiffeisenbank Oberpfalz Nord-West eG überwiesen werden (IBAN DE 23 7706 9764 0006 4727 70).

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