Erbendorf
22.04.2020 - 16:19 Uhr

Ungewisse Zukunft

20. April 1945, 16.35 Uhr: Für die Erbendorfer war der zweite Weltkrieg und die zwölfjährige NS-Gewaltherrschaft vorbei. Denn von Norden rückten amerikanische Soldaten in die Stadt ein. Es dauerte, bis wieder Normalität einkehrte.

Ähnlichkeiten mit Heute: Ein menschenleerer unterer Markt im Jahr 1945. Totale Ausgangssperre für die Bürger. Bild: njn
Ähnlichkeiten mit Heute: Ein menschenleerer unterer Markt im Jahr 1945. Totale Ausgangssperre für die Bürger.

„20. April, Führers Geburtstag! Heute denkt niemand an den Mann, der sich in seinem Berliner Bunker verkrochen hat.“ Mit diesen Worten beschreibt der Lehrer und Ehrenbürger Wilhelm Gollwitzer in seiner „Geschichte der Stadt Erbendorf“ den Einmarsch der US-Army in Erbendorf am 20. April 1945. Für die Bürger war damit die zwölfjährige NS-Gewaltherrschaft zu Ende.

Tage vor der Befreiung durch die Amerikaner waren noch führertreue Einheiten im Gebiet um Erbendorf. Gauleiter Wächtler aus Bayreuth kam am 12. April 1945 durch Erbendorf und bemängelte die fehlenden Panzersperren. Er drohte dem Volkssturm strengste Strafen an. Da vermutet wurde, die Amerikaner kommen über die Reichsstraße 22, wurden entsprechend an den Ortsausgängen Panzersperren errichtet. Doch Bürgermeister Heinrich Tretter setzte durch, dass diese wieder beiseite geräumt werden.

Im Gebäude der heutigen Altenpflegeschule in der Bräugasse quartierte sich wenige Wochen vor Kriegsende das Reichskartenhauptamt aus Berlin ein. Die Soldaten setzten sich unmittelbar vor dem Eintreffen der Amerikaner nach Süden ab und ließen zum Teil unbrauchbares Kartenmaterial aus besetzten Gebieten zurück.

Sowohl bei der Gendarmeriestation als auch im Rathaus wurden die meisten Unterlagen, vor allem Führerbilder und die andere NS-Größen, in den jeweiligen Innenhöfen verbrannt. Verantwortliche entledigten sich auch ihrer Parteiabzeichen.

Am 20. April 1945 besetzte die 11. Amerikanische Panzerdivision Erbendorf. Die amerikanischen Panzer rollten aus Richtung Grötschenreuth und Pfaben über die Wetzldorfer Felder Richtung Stadt. Bevor sie einrückten, gaben sie drei Warnschüsse ab. Dabei fiel ein Geschoss in den Tauchersbach und ein anderes in das so genannte „Mostsepplhaus“ in der Spitalgasse.

Vor der Einnahme der Stadt war die Lage von den Siegern und Besiegten äußerst angespannt. Die Lage beruhigte sich, als Pfarrer Josef Hofmann weiße Fahnen aus dem Pfarrhaus in der Pfarrgasse aushängen ließ. Auch aus dem Rathaus wurde ein weißes Tuch an einer Stange herausgehängt. Jedes Haus in der Stadt folgte. Als Parlamentäre kamen vier US-Soldaten ins Rathaus, um über die Übergabe der Stadt zu verhandeln. Dort warteten bereits die beiden Stadträte Anton Weber und Hans Hösl sowie Bürgermeister Heinrich Tretter. Erst danach zogen gegen 16.30 Uhr die US-Panzer und Soldaten über die Naabbrücke und Bahnhofstraße hinauf über den Kaiserberg zum Marktplatz.

US-Soldaten führten Bürgermeister Tretter hab, mit der Absicht, ihn vor dem Anwesen Drogerie König zu erschießen. Mit dabei waren zahlreiche serbische und französische Kriegsgefangene, die den Amerikanern entgegengezogen sind. Wie berichtet wird, stellten sie sich schützen vor den Bürgermeister. Gut eine Viertelstunde sprach ein Franzose mit dem US-Kommandanten. Das brachte die Wendung. Tretter entging dem Tode und blieb bis zum 6. Juni 1945 im Amt, wo er die Befehle der Besatzungsmacht auszuführen hatte. Mit einer Armbinde, die die Aufschrift „MAYOR“ trug.

Die amerikanischen Soldaten hatten im Rathaus ihr „Hauptquartier“ aufgeschlagen. Nach der Stadtübergabe meldeten sich auch die drei Gendarmen, Gendarmeriemeister Josef Weiß sowie die Polizeireservisten Hans Kleier und Georg Schaffer. Dass die drei bei ihrem Antritt im Rathaus noch Uniform trugen, nahm man ihnen beinahe übel. Denn Uniform zu tragen wurde selbstverständlich sofort verboten. Dafür erhielten die drei Polizisten weiße Armbinden mit der Aufschrift „POLICE.“

In den ersten Stunden und Tagen nahmen die US-Soldaten manches Haus ins Visier, drangen auch mit Gewalt ein, wenn es verschlossen war. Die Einwohner hatten sämtliche Fotoapparate, Ferngläser sowie Waffen und Gewehre abzuliefern. Auf dem im Innenhof des Rathauses und auf dem Marktplatz schlugen die Amerikaner gleich die Kolben ab und verbogen die Läufe, so dass diese nicht mehr zu gebrauchen waren.

Auf Anordnung der amerikanischen Truppen wurde von der Gendarmerie eine Wachmannschaft aufgestellt, der teilweise bis zu 30 Wachmänner angehörten. Aufgabe war es unter anderem, die Ausgangssperre für die Zivilbevölkerung zu überwachen. Denn Anfänglich war die tägliche Ausgangszeit von 9 bis 11 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. Wurden außerhalb dieser Zeit Personen von US-Soldaten aufgegriffen, kamen sie über Nacht in den sogenannten Ortsarrest und wurden am nächsten Tag wieder nach Hause geschickt.

Auch Tote bei Besetzung zu beklagen

Zwischen Erbendorf und Thann fiel am 20. April 1945 der Leutnant Ernst Wehland aus Hohenfurt, als er nach einem Fahrzeugschaden vor den vorrückenden US-Panzern in einen Wald flüchten wollte. An ihn erinnert eine Gedenktafel an einer Baumgruppe zwischen Thann und Erbendorf.

Als sie sich von ihrem Wachdienst beim Munitions- und Waffendepot im Steinbruch an der Straße Richtung Grötschenreuth über die Fichtelnaab auf das Betriebsgelände der Porzellanfabrik Seltmann zurückziehen wollten, wurden der Obergefreite Stefan Gsöllpointner aus Admont in der Steiermark und Stabsgefreiter Kurt Schirrmeister aus Leipzig getötet.

Die französischen Kriegsgefangenen Marius Paris aus Marsailles und Pierre Bidaud aus Paris erlitten einen tragischen Tod, als sie an der Fichtelnaab den einrückenden Amerikanern entgegenlaufen wollten.

Eingliederung eine große Aufgabe

Erbendorf hatte bereits in den letzten Kriegsjahren mit einer großen Zahl an Evakuierten zu tun. Noch 1949 wurden noch 171 Personen aus Berlin und den drei Besatzungszonen registriert. 1945 kamen dann die großen Flüchtlingsströme, vor allem aus den Sudeten, Schlesien, und Ostpreußen in die Stadt.

Aus einer Statistik der Stadt aus dem Jahr 1948 ist zu entnehmen, das Erbendorf mit 2.268 Einwohnern insgesamt 574 Flüchtlinge in ihren Mauern zählte. 341 flüchteten aus den Gebieten östlich der Oder-/Neiße-Grenze, 191 aus der Tschecheslowakei, vorwiegend aus dem Sudetenland, 2 aus Ungarn und 40 aus anderen Ländern.

Hinzu kamen noch Fremdarbeiter und ausländische, jetzt freie Kriegsgefangene, die in den sogenannten „Russenbaracken“ am Südbahnhof und am Bergwerk untergebracht waren. Bis zur Befreiung durch die Amerikaner mussten sie in der Landwirtschaft sowie in den sogenannten „Erlenbachwerken“, ein Zweigbetrieb der Messerschmitt-Werke in Regensburg, in einem Teil der Porzellanfabrik Seltmann Flugzeugteile fertigen. Geleitet wurde das Werk durch die Luftwaffe.

Nach April 1945 wurden diese sogenannten „Displaced Persons“ (Personen, die nicht an diesem Ort beheimatet sind) durch die amerikanische Besatzungsmacht betreut. 1945/46 dann unter der Obhut der Militäradministration im Auftrag der Hilfsorganisation der Vereinten Nationen (Abkürzung: UNRRA). Ab Juli 1947 war es „International Refugee Organization“ (IRO). Im Jahr 1946 wurden 114 dieser Displaced Persons als „Ausländer“ gezählt. 1952 waren es noch 20, die auch in Erbendorf blieben und deren Nachkommen noch heute in der Stadt leben.

All die Evakuierten, Flüchtlinge und Ausländer aufzunehmen war schwierig. Denn die Wohnungsnot war groß und auch die Versorgung mit Lebensmitteln und dem Nötigsten war für die hiesige Bevölkerung und Verwaltung keine leichte Aufgabe. Doch es gelang.

Unter Bürgermeister Karl Baier (1945 bis 1946) wurde für besonders Bedürftige eine Suppenküche eingerichtet. Das Lagerhaus Schmucker ließ 1.100 Zentner gelagertes Getreide in einer Pressather Mühle mahlen. Kohle für die örtlichen Bäckereien besorgte die US-Besatzung. Wehrmachtsuniformen wurden eingefärbt und so umgestaltet, dass sie als zivile Kleidung verwendet werden konnten. Lebensmittelkarten wurden für die in Erbendorf lebenden Menschen gedruckt. Vor allem die Flüchtlinge mit ihren wenigen Habseligkeiten, wurden mit Bezugsscheinen für Kleidung, Schuhe, später für Mobiliar und Haushaltsgeräte unterstützt.

Vom Stadtrat wurde ein „Flüchtlingsrat“ und eine „Wohnungskommission“ eingesetzt, die sich mit der Organisation, Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge befassten. Diese Fragen beschäftigten die Stadt bis in die 1950er Jahre hinein. Bürgermeister August Trötsch (1946 bis 1948) und Bürgermeister Andreas Liedl (1948 bis 1954) hatten an der Lösung dieser Aufgaben großen Anteil.

Nicht zu Unrecht schrieb Wilhelm Gollwitzer in der „Geschichte der Stadt Erbendorf“: „Die Erbendorfer sollten sich ihrer drei Bürgermeister, die in den ersten schweren Jahren nach 1945 ihren Dienst leisteten, immer in Dankbarkeit erinnern.“

Zur Versorgung in der Nachkriegszeit gab es für alles Bezugsmarken, wie hier für ein Paar Kopfschützer aus der USA-Hilfsaktion 1947/48. Bild: njn
Zur Versorgung in der Nachkriegszeit gab es für alles Bezugsmarken, wie hier für ein Paar Kopfschützer aus der USA-Hilfsaktion 1947/48.
Frauen bei den Messerschmittwerken in der Porzellanfabrik 1944/45. Bild: njn
Frauen bei den Messerschmittwerken in der Porzellanfabrik 1944/45.
Ein vom Lagerführer erstellte Namensliste der Staatenlosen, Iraner, Rumänen und anderer vom 27. Juni 1945. Bild: njn
Ein vom Lagerführer erstellte Namensliste der Staatenlosen, Iraner, Rumänen und anderer vom 27. Juni 1945.
Ein Gedenkstein aus Granit mit eisernem Kreuz und Messingtafel wurde im Frühjahr 1975 an der Gemeindeverbindungsstraße Erbendorf-Thann an einer Baumgruppe zur Erinnerung an den Tod des Leutnants Ernst Wehland aufgestellt. Beim Heranrücken der US-Armee am 20. April 1945 über den Steinwald nach Erbendorf versuchte der Leutnant Ernst Wehland mit zwei weiteren Soldaten von Wetzldorf kommend, zum Thanner Kreuz und von dort zum nahen Waldstück der Schweißlohe zu flüchten. Die nachfolgenden US-Truppen wurden unter Beschuss genommen. Dabei wurde der 26-jährige Leutnant durch vier Einschüsse im Rücken tödlich verletzt. Einer seiner Kameraden erlitt Kopfverletzungen und ergab sich. Dem Dritten gelang die Flucht ins nahe Waldstück.

Den Toten ließ man achtlos liegen und er durfte erst am späten Abend von einigen Bewohnern aus Thann und Wetzldorf unter den Kastanienbäumen bei einem dortigen Granitmarterl begraben werden. Bis 1952 erinnerte ein Birkenkreuz an das Soldatengrab. Am 5. März 1952 erfolgte die Überführung der sterblichen Überreste in die Kriegsgräberstätte Regenburg. Bild: JOCHEN NEUMANN 
ERBENDORF
Ein Gedenkstein aus Granit mit eisernem Kreuz und Messingtafel wurde im Frühjahr 1975 an der Gemeindeverbindungsstraße Erbendorf-Thann an einer Baumgruppe zur Erinnerung an den Tod des Leutnants Ernst Wehland aufgestellt. Beim Heranrücken der US-Armee am 20. April 1945 über den Steinwald nach Erbendorf versuchte der Leutnant Ernst Wehland mit zwei weiteren Soldaten von Wetzldorf kommend, zum Thanner Kreuz und von dort zum nahen Waldstück der Schweißlohe zu flüchten. Die nachfolgenden US-Truppen wurden unter Beschuss genommen. Dabei wurde der 26-jährige Leutnant durch vier Einschüsse im Rücken tödlich verletzt. Einer seiner Kameraden erlitt Kopfverletzungen und ergab sich. Dem Dritten gelang die Flucht ins nahe Waldstück. Den Toten ließ man achtlos liegen und er durfte erst am späten Abend von einigen Bewohnern aus Thann und Wetzldorf unter den Kastanienbäumen bei einem dortigen Granitmarterl begraben werden. Bis 1952 erinnerte ein Birkenkreuz an das Soldatengrab. Am 5. März 1952 erfolgte die Überführung der sterblichen Überreste in die Kriegsgräberstätte Regenburg.
 
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