14.05.2020 - 14:10 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Vorliebe für Zierrasen

Naturschützer freuen sich, dass in Deutschland seit einigen Jahren wieder vermehrt Maikäfer zu beobachten sind. In manchen Regionen explodieren die Populationen geradezu - mit unangenehmen Folgen für sorgsam gepflegte Grünflächen.

Professor Stefan Dötterl erinnert er sich gern an seine Kindheit in den 1970er Jahren und an die Freude, wenn im Frühling ein Maikäfer auftauchte. Das war aber bereits die Zeit, in der sich die Käfer immer rarer machten.
von Christa VoglProfil

Wenn Stefan Dötterl am Spitzahorn in seinem Garten bei Berchtesgaden, im äußersten Südosten Bayerns, einen Maikäfer entdeckt, dann freut er sich darüber. Allein schon deshalb, weil er Ökologe ist und viel mit Insekten arbeitet. Keine 40 Kilometer von seinem Wohnort entfernt stellt sich die Situation allerdings ganz anders da. In Jochberg, bei Schneizelreuth, hält sich bei den Landwirten die Freude in Grenzen: "Hier explodieren derzeit die Populationen der Feldmaikäfer. Sie richten landwirtschaftlich unglaublich große Schäden an, weil die Engerlinge ganze Wiesen kaputt machen", erzählt der aus Sassenhof bei Erbendorf stammende Diplombiologe, der seit acht Jahren als Professor an der Universität in Salzburg tätig ist.

Ist vom Maikäfer die Rede, so muss zwischen zwei Arten unterschieden werden: dem Waldmaikäfer, der an Laubbäumen wie Eichen, Buchen oder Hainbuchen frisst und im Extremfall Kahlfraß verursacht und dem Feldmaikäfer, der auch an Obstbäumen seinen Hunger stillt. Normalerweise erholen sich die Bäume von den Fraßschäden der Käfer und kompensieren diese durch den sogenannten "Johannistrieb", einen zweiten Blattaustrieb.

Die eigentliche Herausforderung für die Land- und Forstwirte sind aber nicht die Maikäfer, sondern ihre Larven, die Engerlinge. Diese ernähren sich in den zwei bis drei Jahren, die sie je nach Witterung im Boden verbringen, von Wurzeln. Der verursachte Wurzelverlust kann in der Folge zum Absterben von Bäumen oder zu braunen Grasnarben auf Wiesen führen.

Abgefressene Wurzeln

Das größte Problem mit den hohen Feldmaikäfer-Dichten hatten Biobauern, die bestimmte Bekämpfungsmethoden nicht nutzen konnten. Die Folge: Die Wurzeln werden von den Maikäferlarven völlig abgefressen, Gras und Kräuter wachsen nicht mehr, den Bauern fehlt das notwendige Futter für ihre Tiere. Sie müssen teuer zukaufen oder sind auf Futterspenden benachbarter Bauern angewiesen.

Professor Dötterl beschreibt das Ganze mit etwas drastischeren Worten: "Die dicken Engerlinge fressen die Wurzeln der Pflanzen, dadurch entsteht eine Art Rollrasen, den man problemlos hochklappen kann." Noch sei nicht endgültig geklärt, warum vom Rollrasenphänomen - also der Lösung der Grasnarbe vom Untergrund - nur bestimmte Wiesen betroffen sind, so der Diplom-Biologe. Wissenschaftler versuchen derzeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Befallene Wiesen

Die Lösung des Rätsels könnte mit den Ansprüchen der Maikäfer an den Ort ihrer Eiablage verbunden sein: Sie suchen sich bevorzugt Flächen mit erhöhter Wärmerückstrahlung aus und meiden hohe Pflanzenbestände. Attraktiv sind dagegen begrünte Sportflächen, Zierrasen - und auch Wiesen, die bereits zur Flugzeit der Käfer Ende April/Anfang Mai gemäht wurden. Scheinbar ist der Mahd-Zeitpunkt mit ausschlaggebend dafür, ob eine bestimmte Wiese befallen wird oder eben nicht.

Sehr spannend, so erzählt Stefan Dötterl, sei dabei auch das Paarungsverhalten der Maikäfer: Nach dem Schlüpfen lassen sich die Weibchen auf einem passenden Baum nieder und beginnen Blätter zu fressen. Dieser sogenannte Reifungsfraß, der zur Entwicklung der Eier notwendig ist, dauert acht bis zehn Tage, die Begattung findet direkt an den Fraßbäumen statt.

Paarungswillige Partner

Doch wie genau finden die Männchen auf diesen Bäumen paarungswillige Weibchen? "Wenn es dunkel wird", erklärt Dötterl, "kann man beobachten und auch hören, wie die Maikäfer beginnen, rund um bestimmte Bäume zu schwirren." Es handelt sich dabei aber primär um Männchen. Die Weibchen sitzen auf den Bäumen und fressen. Dabei verletzen sie die Blätter, welche dann über die Verletzungsstelle einen Duft abgeben. Dieser sogenannte Grünblattduft in Kombination mit Sexualpheromonen, also Lockstoffen, die die Weibchen absondern, zeigt den Männchen, wo ihre Paarungspartner zu finden sind.

Die Zeit, als Maikäfer noch als Landplage galten, hat Professor Dötterl nicht erlebt, dafür ist er mit seinen 45 Jahren zu jung. Allerdings erinnert er sich gern an seine Kindheit in den 1970er Jahren und an die Freude, wenn im Frühling ein Maikäfer auftauchte. Das war aber bereits die Zeit, in der sich die Käfer immer rarer machten. Kein Wunder, hatte man doch 20 Jahre davor begonnen, sie mit Insektiziden - auch mit dem inzwischen verbotenen DDT - zu bekämpfen, da ihre Massenvermehrung enorme Schäden in der Land- und Forstwirtschaft verursachten.

Bis zum 2. Weltkrieg wurde versucht, den in regelmäßigen Abständen auftretenden Maikäferplagen zu begegnen, indem man die robusten Krabbler absammelte. Die Maikäfer wurden eimerweise an die Hühner verfüttert und landeten sogar in der Küche: geröstet, als Suppe oder verzuckert und kandiert als Nachtisch. Wahrscheinlich aus der Not heraus als günstiger Eiweißlieferant.

Noch eine zusätzliche Information für alle, die bei den Worten "geröstet, verzuckert und kandiert" hellhörig geworden sind und kulinarischen Experimenten nicht abgeneigt gegenüberstehen: Älteren Aufzeichnungen zufolge sollen erwachsene Maikäfer nussartig schmecken - der Geschmack der Larven soll sogar an Geräuchertes erinnern.

Hintergrund:

Zyklus des Maikäfers:

Nach der Paarung legen die Maikäferweibchen ihre Eier ab. Dabei bevorzugen sie lockeres Erdreich. In unseren Breiten entwickeln sich die Larven (Engerlinge) drei Jahre lang im Boden. Sie ernähren sich von Pflanzenwurzeln. Ihre Länge beträgt zirka sechs bis sieben Zentimeter. Im Herbst ihres letzten Jahres wandeln sich die Engerlinge in die fertigen Jungkäfer. Diese überwintern bis zu einen Meter tief im Erdreich und schlüpfen dann ungefähr Ende April.

Ausprägungen des Maikäfers:

Der "Kaiser" hat ein rötliches Brustschild und einen rötlichen Kopf. Der "Schornsteinfeger" ist dunkler gefärbt. Seine Behaarung ist reduziert. Der "Müller" oder "Bäcker" ist an seiner mehlig-weißen Behaarung zu erkennen.

Johannistrieb:

Als Johannistrieb (auch Augustsaft) wird der zweite Blattaustrieb einiger Laubbäume innerhalb eines Jahres bezeichnet. Durch Witterungseinflüsse bedingt treiben Blattknospen, die für das nächste Frühjahr angelegt sind, schon um das Datum des Johannistages am 24. Juni aus. Dieser oft auch anders gefärbte, meist kräftige Blatt- und Astwuchs ist zur Kompensation von Fraßschäden, beispielsweise durch Maikäfer, wichtig und auch für die Forstwirtschaft von großer Bedeutung. (cvl)

Professor Stefan Dötterl ist Leiter der AG Pflanzenökologie und Botanischer Garten an der Universität in Salzburg. Aufgewachsen ist er in Sassenhof bei Erbendorf.

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