Eschenbach
27.10.2019 - 07:45 Uhr

Gewolltes "Chaos" im Wald

Ein Wald muss sauber sein - das zumindest meinen einige Spaziergänger, die auf dem Eschenbacher Waldlehrpfad unterwegs sind, und sprechen Förster Martin Gottsche öfter auf die "Unordnung" an. Doch das "Chaos" am Waldboden hat einen Zweck.

Spaziergänger regen sich oft über die "Unordnung" im Eschenbacher Stadtwald auf. Doch das ist Absicht, erklärt Revierförster Martin Gottsche. Bild: Anne Wiesnet
Spaziergänger regen sich oft über die "Unordnung" im Eschenbacher Stadtwald auf. Doch das ist Absicht, erklärt Revierförster Martin Gottsche.

Morsche Äste und Stämme liegen kreuz und quer verstreut. Der Baumschwamm hat sich dort schon breit gemacht, Käfer zersetzen das Holz. Hier und da stehen meterhohe Baumstümpfe am Wegesrand. Sie faulen vor sich hin. Dem ein oder anderen Spaziergänger ist dieses "Chaos" ein Dorn im Auge. "Ich werde öfter angesprochen, warum ich meinen Wald nicht sauber halte", sagt Martin Gottsche. "Wir sind es gewohnt, dass nichts herumliegt", beschreibt er den Sauberkeitsfimmel der Deutschen. Doch im Wald sei die "Unordnung", die eigentlich natürlich sei, von Nutzen. Das zeigt sich beispielsweise an Baum Nummer 17. Er steht mitten im Eschenbacher Stadtwald nahe des Waldlehrpfades. Auf der toten Birke wachsen Baumschwämme, ein Specht hat sich dort eine Höhle geklopft. "Solche Bäume sind eine Bereicherung. Es entwickeln sich Wohngemeinschaften", erklärt der Revierförster. Er legt neben dem wirtschaftlichen Aspekt der Holzernte auch viel Wert auf die Biodiversität, also die Artenvielfalt und den Naturschutz. Deshalb nummeriert er die Biotop- und Totholzbäume und trägt sie in sein System ein. "Wenn der Harvester kommt, weiß er, dass er auf Baum Nummer 17 keinen Baum fallen lassen darf", erklärt Gottsche die Markierungen. Mit der Kartierung hat der Förster erst begonnen. Auf einer Fläche von drei Hektar hat er bislang 50 Bäume ausgewählt, die komplett der Natur überlassen werden. Und es werden ständig mehr. "Die Stadt kann und will sich das leisten", sagt Gottsche.

Durch die Biotop- oder Totholzbäume würden sich auch seltene Tiere und Pflanzen ansiedeln. Der Seidelbast zum Beispiel. Auch der Märzenbecher, der Eisvogel und der Habichtskauz fühlen sich im Eschenbacher Stadtwald mittlerweile wohl. "Die Spechthöhlen werden von Eichhörnchen oder anderen Tiere nachgenutzt", berichtet Gottsche weiter. Und auch die Pilze brauchen die Bäume. "Manche leben von den Überresten, manche gehen eine Symbiose ein, wie der Birkenpilz." Durch die morschen Bäume bleibe zudem Feuchtigkeit im Wald, die wegen der dürren Sommer mehr denn je gebraucht würde.

Um den Waldbesitzern den wirtschaftlichen Verlust etwas schmackhafter zu machen, gibt es für Biotop- und Totholzbäume, die stehen bleiben dürfen, eine Förderung. Beachtet werden muss dabei aber, dass der Stamm an der stärksten Stelle einen Durchmesser von 40 Zentimeter habe. "Die Förderung gilt auch nur für Laubholz und Kiefer, nicht für die Fichte", teilt Gottsche mit. Die Förderung könne über das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten beziehungsweise die Untere Naturschutzbehörde beantragt werden.

Auch, wenn Gottsche den Spaziergängern erklärt, warum er die absterbenden und toten Bäume stehen lässt, würden es nicht alle verstehen, meint er. "Wir haben da immer einen Interessenkonflikt. Wenn es unaufgeräumt ist, passt es nicht, und wenn wir die Bäume ernten, passt es auch nicht."

Förster Martin Gottsche trägt einen neuen Biotopbaum in sein System ein. Bild: Anne Wiesnet
Förster Martin Gottsche trägt einen neuen Biotopbaum in sein System ein.
Auf Baum Nummer 17 wachsen schon Pilze. Bild: Anne Wiesnet
Auf Baum Nummer 17 wachsen schon Pilze.
 
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