(rn) Besuch für die Adler: Nach einer Kletterpartie blickte Dr. Daniel Schmidt in die Kinderstube der Adler. Der Diplombiologe und Leiter des NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen war zu seinem jährlichen Beringungsbesuch angereist. War vor zwei Monaten über die am Horst angebrachte Webcam noch die Ablage von vier Eiern erkannt worden, brauchte der Adler-Experte nun nur zwei Jungvögel beringen. Während ein Ei bereits seit einiger Zeit vermisst worden war, wurde ein weiteres und eventuell abgestorbenes Ei erst einen Tag vor der Beringung vermutlich von den Altvögeln aussortiert. "Das ist Teil der Natur", kommentierte Dr. Schmidt.
Die Beringungsaktion begleitete Martin Gottsche als Repräsentant des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und Berater des Naturparks Nördlicher Oberpfälzer Wald. Er beobachtet die Fischadler seit ihrem ersten "Einschweben" auf die Obersee-Insel. Beim Annähern der ungeliebten Gäste verließen die Altvögel den Horst und umkreisten ihn mit schrillen Pfiffen, die sich deutlich vom Geschrei der Möwen abhoben. Je mehr sich Dr. Schmidt mit Steighilfen dem Horst näherte, umso höher flogen die Adler in den Morgenhimmel.
Beim Blick in den Horst reagierten die beiden Jungvögel dem Biologen gegenüber unterschiedlich. Er stellte unterschiedliches Gefiederwachstum fest. Während das ältere Weibchen ins Nest geduckt dem Geschehen nur zuschaute, wirkte das Männchen zunächst dominant und gar angriffslustig. Den ersten Ring mit Größenkennzeichnung, den die Vögel erhielten, ist der Vogelwarte Radolfzell zugeordnet. Die zweiten Ringe enthielten eine große Code-Nummer, die auch für Beobachter mit Fernglas erkennbar sind. Dr. Schmidt war in seinem Element, im "Vogelstandesamt".
Als weiterer Erfassungsakt stand Wiegen und Messen an. Die Waage zeigte beim Weibchen 1436 Gramm und beim zweitgeborenen Männchen 1490 Gramm. Den Gewichtsunterschied begründete Dr. Schmidt damit, dass die Männchen ihr Endgewicht schneller erreichen. Er maß die Flügel und die ersten Ansätze der Steuerfedern. Die Länge der Schnäbel lag beim Weibchen bei 27,2 Millimeter und beim Männchen bei 26 Millimeter.
Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien räumte Dr. Schmidt eine hohe Verlustquote bei den Königen der Lüfte ein. Die Jungvögel seien oft Beute von Uhu, Habicht, Waschbär oder Marder. Als sehr nützlich wertete er daher die im unteren Teil des Nistbaumes angebrachte Blechverkleidung. Den Horst, die "Adlerburg", bezeichnete er als Dauerprojekt, das ständig ausgebessert und erweitert wird. Als nächstgelegene Horste mit Bruterfolgen 2018 erwähnte er Kohlberg und Hessenreuth.
Er räumte ein, dass von Brutvorkommen in Bayern und Baden-Württemberg von Fisch- und Seeadlern bis vor mehreren Jahren kaum ein Vogelbeobachter zu träumen wagte. Der Biologe sprach von wenigen zuletzt noch verbliebenen Horsten bei Schaffhausen und Basel, die bereits vor 100 Jahren zerstört worden waren. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nannte er als letzte deutsche Rückzugsgebiete. "Unsere Adler sind aus Brandenburg und Sachsen zugewandert", versicherte er. "Von den 17 beringten Obersee-Jungvögeln der Jahre 2009 bis 2015 sind bereits Rückmeldungen aus den Winterquartieren Spanien und Afrika eingetroffen", berichtete Martin Gottsche.
Eschenbach
24.06.2018 - 17:40 Uhr
Ringe für die Jungadler
von Walther Hermann
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