Wenn der 1. Advent naht, kommt für Waltraud Kern, Tochter Susanne, die Enkelkinder Fabian und Magdalena nebst Partnern die Zeit der Krippenaufstellung. Auf dem Dachboden im Wohnhaus am Kalvarienberg sorgfältig verstaut und gehütet, finden Hunderte von Figuren und die Plattform den Weg in das Wohnzimmer der Familie. Es ist fast schon eine Halbtages-Zeremonie, damit Esel und Ochs, Schaf und Kamel ihren angestammten Platz vor dem Kindlein und Maria und Josef im Stall zu Betlehem finden. Darüber hinaus hatte Anton Kern ein besonderes Gespür, die eigentlich orientalische Krippenlandschaft mit dem „Kulmgau“ zu verbinden.
Fast 30 Jahre bastelte der ehemalige Oberamtsrat an „seiner“ Krippe. Fast drei Meter ist sie geworden, die Krippenlandschaft. Aus einer schmalen Gefolgschaft der Heiligen Familie wurde für Anton Kern fantasiereich eine vielfigurige und bunte Darstellung von Christi Geburt. Selbst den kleinsten Details schenkte er seine ganz Aufmerksamkeit. Anton Kern schuf ein naturgetreues Unikat mit einer lebendigen kleinen Welt für sich. Im Wohnzimmer von Waltraud Kern stehen in der staaden Zeit aber beileibe nicht nur die Hirten, himmlischen Boten und allerhand Getier, die den Heiland willkommen heißen. Auch winzige Mäuse schauen, eingerahmt von Palmen, zu einem Dickhäuter auf.
Die große Leidenschaft des Schnitzers und Bastlers begann schon früh. Auslöser war in den 1970er Jahren ein zufälliger Besuch bei einem Südtiroler Krippenschnitzer. Anfangs gehörte seit dieser Zeit das Sammeln handgeschnitzter Figuren zur besonderen Leidenschaft des Verstorbenen. Anton Kern entdeckte seine Schnitztalent. Fortan erweiterte er seine Landschaftskrippe mit Eigenkreationen aus Linden- und Fichtenholz. Mit Blick auf seine Heimat inspirierte ihn die liebliche Oberpfälzer Hügellandschaft. So entstanden hochaufragende Fichten, das er in künstlerischer Freiheit mit artfremden Gewächs ergänzte. Kern schnitzte Palmen und setzte sie vor die Stadttore Beit Lechems, wie Bethlehem in Hebräisch und Bayt Lahm in Arabisch heißt.
Doch verdächtig nah ist der Geburtsort Jesu seiner Heimatstadt Eschenbach. Die Silhouette der Stadt mit dem Stadtbrunnen vor dem Rathaus darf nicht fehlen. Der künstlerische Blick reicht bis zum Rauhen Kulm und das Kloster Speinshart. Die Kultur- und Naturdenkmäler grüßen unübersehbar auf das Kunstwerk mit dem Christuskind im Stall als Mittelpunkt herab. Über der Szenerie wacht der Stern von Betlehem mit den Worten aus der Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen herunten“.
Waltraud Kern erinnert sich: „Für diese pralle Freudigkeit nahm sich ihr Anton viel Zeit.“ Für das Schnitzen eines einzigen Palmblattes vergingen oft Stunden und das detailreiche Interieur an Häusern und Gebäuden, eine Brotzeitstube für die Hirten und Original-Kalksteinsplitter aus Grecco bei Assisi sind zu bestaunen. Grecco sei der Ausgangspunkt für die weltweite Krippen-Kunst gewesen, wusste Waltraud Kern. Der Überlieferung nach soll der heilige Franz von Assisi im Jahr 1223 in einer Höhe bei Grecco das Weihnachtsgeschehen im Stall von Betlehem mit lebendigen Figuren nachgestellt und ein soeben geborenes Knäblein die Rolle des Jesuskindes übernommen haben.
Waltraud Kern weiß um den großen Schatz im Hause Kern. „Die Krippe, vor der sich die Familie am Heiligen Abend versammelt, ist für uns auch ein Stück Erinnerung an einen großartigen Menschen“, verrät sie und bedauert mit Blick auf das Kunstwerk: „Leider sind wegen meiner starken Sehbehinderung Einzelheiten des Gesamtkunstwerkes nur noch schemenhaft zu erkennen.“















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