26.05.2020 - 15:48 Uhr
EschenbachOberpfalz

Ein vergessener Beruf: Der Gemeindediener

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Bekanntmachungen der Stadt überbrachte früher der Gemeindediener. Heute ist das ein vergessener Beruf. In Eschenbach lässt sich noch zurückverfolgen, wer damals die Neuigkeiten mit Glockengeläut überbrachte.

So ähnlich sahen die meisten Gemeindediener aus, wenn sie ihres Amtes walteten. Doch nicht immer hatten sie eine eigene Uniform, manche waren auch in Zivilkleidung unterwegs.
von hevProfil

Die Corona-Krise hat uns alle zurzeit fest im Griff. Jeden Tag gibt es neue Mitteilungen in den zahlreichen Medien über verpflichtende Verhaltensweisen, Abstandsregeln und Mundschutzanwendung. Was hätten Staat oder Gemeinden in der Nachkriegszeit getan, wenn eine solche Pandemie ausgebrochen wäre? Damals waren die Möglichkeiten der Benachrichtigung noch recht beschränkt.

Eine schnelle Information bot da der Amts- oder Gemeindediener, der in früheren Jahren eine wichtige Aufgabe in der Gemeinde zu erfüllen hatte. Mit dieser Tätigkeit war das Ausschellen, also die Verlautbarung der öffentlichen Bekanntmachungen verbunden. An vielen Stellen im Ort ließ er zunächst einmal die Glocke ertönen. Es öffneten sich Türen und Fenster, um die neuesten Mitteilungen des Bürgermeisters zu erfahren. Zu jener Zeit hatten die Bauern und Handwerker ihre Pferdefuhrwerke oder die Handkarren angehalten, wenn der „Gmoidêiner“ seine Stimme ertönen ließ. Diese Art der öffentlichen Bekanntmachung wurde in den meisten Orten Anfang der 1960er Jahre eingestellt.

In vielen Gemeinden wurden die Mitteilungen durch Ortsrufanlagen oder Druckschriften übernommen. Der Dienst des Amtsdieners wurde damit allerdings nicht beendet, denn nach wie vor waren Briefe der Gemeindepost zuzustellen, von der Hundesteuer über die Kanalgebühren, Unterlagen und Ladungen für die Gemeinderäte bis hin zu den Wahlkarten, Briefwahlunterlagen oder Einladungen zu den Bürgerversammlungen an alle Haushalte. Er musste Plakate aushängen oder sonstige Mitteilungen an den Anschlagtafeln anbringen.

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Eine amüsante Geschichte trug sich in der Kulmstadt zu. Der letzte Stadtdiener von Neustadt am Kulm war Andreas Porsch. Der „Res“, wie er in der Kulmstadt genannt wurde, war als Stadtdiener in der gesamten Gemeinde unterwegs. Zwischen 1949 und 1961 „schellte“ er die Neuigkeiten der Stadt an insgesamt vierzehn verschiedenen Stellen aus. Für die damals in Neustadt am Kulm auf Urlaub weilenden Berliner war dies immer ein großartiges und einmaliges Ereignis.

1949 hatte die Neustadter Feuerwehr die ersten Uniformen nach dem Krieg erhalten. Als dann noch Stoff übrig war, ordnete Bürgermeister Adam Kreuzer an, dass Schneidermeister Matthäus Ahl auch für den Gemeindediener eine eigene Uniform anfertigen soll. Andreas Porsch starb 2010 im Alter von 89 Jahren.

Ein Gemeindediener in Eschenbach nach dem Zweiten Weltkrieg war „der Franz“. Niemand kannte seinen Familiennamen. Erwachsene und Kinder nannten ihn nur beim Vornamen. Während der kälteren Jahreszeit verrichtete er als Gemeindediener die Aufgaben, die er vom Bürgermeister zugeteilt bekam. Im Sommer war er am Rußweiher als Bademeister eingesetzt. Er ließ sich jeden Spaß gefallen, den die Kinder mit ihm trieben.

Der letzte Gemeindediener in Eschenbach, der die amtlichen Bekanntmachungen noch öffentlich nach dem Ausschellen verkündete, war Christian Regner (1888 - 1962), der Vater von Rudi Regner, dem Geschäftsführer der Stadt Eschenbach. Er wohnte in dem ehemaligen Malzhaus der Gemeinschaftsbrauerei in der Pressather Straße.

Die Glocke, mit der er durch die Straßen zog und laut bimmelte, befindet sich noch im Eschenbacher Rathaus. Als Gemeindediener fungierten auch Rudi Gröger, Gottfried Böllath, Hans Müller, Josef Gradl und Ludwig Schreml, die letzten beiden allerdings nur bei Gratulationen im Namen der Stadt.

Anni Wolfram (Tietz), Bademeister Franz, Marianne Rupprecht (Emmerling)

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