02.10.2018 - 11:46 Uhr
EslarnOberpfalz

Der Befreiung folgte die Vertreibung

Am 4. Oktober 1938 marschiert die deutsche Wehrmacht über Eslarn und Eisendorf in Richtung Osten.

Im Jahr 1937 erledigten die Dragoner als berittene Infanterie anfallende Transportarbeiten.
von Karl ZieglerProfil

"Der Einmarsch einer deutschen Kompanie mit Kradschützen auf Motorrädern, motorisierter Infanterie, Artillerie, Flakgeschützen und Panzern erfolgte am 4.10.1938 um 9 Uhr." Zu dem Zeitpunkt vor 80 Jahren überflogen laut Zeitzeugen Toni Ziegler zudem mehrere Flugzeuge die deutsch-tschechische Grenze in Richtung Osten. Nach dem verlorenen Krieg zählte Eslarn 204 und Eisendorf 99 Gefallene und Vermisste und die zurückgebliebene böhmische Bevölkerung verlor durch Vertreibung ihre Heimat.

Der Zeitzeuge Toni Ziegler wurde am 3.8.1914 im böhmischen Eisendorf, dem heutigen tschechischen Zelezna, geboren und am 1.10.1936 zwei Jahr vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Böhmen zu den Dragonern, der ursprünglich berittenen Infanterie, nach Bischofteinitz eingezogen. Die Ereignisse im Jahre 1938 schilderte der Eisendorfer schriftlich in seiner Lebensgeschichte. "Gleich zu Beginn 1938 machten sich durch die Anmaßungen der tschechischen Lehrer und Beamten, die von den deutschen Kommunisten in der Hetze unterstützt wurden, lebhaft eine nationale Bewegung unter der deutschen Bevölkerung bemerkbar." Im Morgengrauen des 18. Mai besetzte überraschend eine Schar tschechoslowakischer Partisanen den östlich von Eisendorf liegenden Ruhsteiner Berg und die innerorts befindliche Anhöhe "Steinock". Es wurden Maschinengewehre in Richtung bayerische Grenze aufgebaut und Lagerzelte aufgestellt.

Bis zum Einmarsch der Deutschen im Oktober führte die Truppe ein ruhriges, aber mit reichlicher Kost versehenes Leben. "Am 12.9.1938 kündigte Hitler durch das Radio die Befreiung der Sudetendeutschen an." Da nur wenige ein Radio besaßen, versammelten sich die Menschen an den Fenstern der Gaststätten, wo Radios aufgestellt waren. Die heimischen Nationalsozialisten nahmen diese Ankündigung zu einer Versammlung zum Anlass und marschierten an die bayerische Grenze. In Eisendorf ging mit der Anordnung des Standrechts die öffentliche Gerichtsbarkeit auf den höchsten Militärbefehlshaber über. Zur Gegenwehr der tschechischen Partisanen bildeten sich auf bayerischer Seite sogenannte Freikorps, paramilitärische Einheiten unabhängig von ihrer nationalen Herkunft und bestehend aus einheimischen Freiwilligen. "Am 28.9.1938 erfolgte der erste Angriff auf Eisendorf, wobei beim Kampfgefecht die Tschechoslowaken zwar in die Flucht geschlagen werden konnten, aber auf beiden Seiten je ein Toter zu beklagen war." Weitere Schießereien erfolgten direkt am Grenzverlauf und beim Aufeinandertreffen in den umliegenden böhmischen Ortschaften. Ein tragisches Ereignis ereignete sich im nahegelegenen böhmischen Franzelhütten, wo die Freikorps einen Kommunisten verhaften wollten.

Der Angegriffene schlug mit der Holzhacke dem Angreifer den Arm ab, worauf der Kommunist getötet wurde. Infolge der ständigen Unruhen flüchteten bereits einige Bewohner, unter ihnen auch der Ortspfarrer ins bayerische Eslarn und wanderten in Richtung Westen weiter. Im Radio wurde bekannt gegeben, dass am 30.9.1938 um Mitternacht der Einmarsch der deutschen Wehrmacht ins Sudentenland erfolgen soll. "Zu dieser Stunde versammelten sich viele Leute am Kirchplatz in Eisendorf, die Glocken läuteten und man war im Glauben, dass wieder der Friede in den kleinen Ort einziehen werde."

Die Freude entfachte nicht aus politischen Gründen, sondern alle waren glücklich über den Fall der Grenzschranken und über die ungehinderte Verbindung zu den bayerischen Grenznachbarn, vor allem zu den Verwandten und Freunden. Andere nutzten die Gelegenheit zu einem Besuch in Böhmen und umgekehrt. Da viele Wohnungen in Eisendorf leer standen, verhinderte der Sicherheitsdienst der Freikorps befürchtete Plünderungen. Zudem beseitigte die freiwillige Truppe im Wald und in der Ortschaft die von den Tschechoslowaken aus Bäumen errichteten Barrikaden und Straßensperren. Beim Zollamt und am "Eisendorfer Weiher" mussten Pioniere die aus Beton errichteten Hindernisse sprengen. Der Einmarsch erfolgte Tage später am 4.10.1938 ab 9 Uhr und dauerte bis in die Abendstunden.

Angeführt von einer Kompanie Kradschützen ratterten motorisierte Infanterie, Artillerie, Flakschützen und auch Panzer über die bayerische Grenze nach Eisendorf und weiter in Richtung Osten. "Am Himmel waren zahlreiche Flugzeuge zu sehen und die durchziehende Truppe wurde von den Bewohnern, insbesondere von denen, die vorher aufgrund von materiellen Vorteilen zur tschechischen Führung gehalten hatte, freundlichst begrüßt." Der Bürgermeister Andreas Wild wurde trotz seiner Zweidrittelmehrheit in der Gemeindevertretung abgesetzt und das Amt an Wilhelm Dimpl übertragen. Bereits vor Beginn des zweiten Weltkrieges 1939 wurden die Jungs in der Hitlerjugend und die Mädels im Bund Deutscher Mädel organisiert und die Frauen in NS-Frauenschaften eingesetzt. In den Folgemonaten besetzte die deutsche Wehrmacht auch die sogenannte "Resttschechei", das Gebiet in Böhmen und Mähren, das vorwiegend von Tschechen bewohnt war. Mit der Ausdehnung des Krieges ab 1940 wurden männliche Jahrgänge bis zum 40. Lebensjahr gemustert und einberufen. "Mein Vater musste 1939 in den Krieg, da war ich gerade vier Jahre alt", erzählte der Eisendorfer Josef Hoffmann.

Das Kriegsende brachte Eslarn 204 und Eisendorf 99 Gefallene und Vermisste und der zurückgebliebenen böhmischen Bevölkerung den Verlust der Heimat durch Vertreibung. Insgesamt wurden rund drei Millionen der knapp über 3,2 Millionen Sudetendeutschen vertrieben und die Zahl der sudetendeutschen Todesopfer liegt laut Bundesarchiv bei rund 70.000 Opfer. Am 25. April 1945 besetzten amerikanische Truppen den Ort Eisendorf, wobei laut dem Eisendorfer Josef Hoffmann kein einziger Schuss gefallen und die Soldaten zu den Kindern sehr freundlich waren. Die Eisendorfer Kinder versogten die Soldaten ständig mit Hühnereiern, wofür sich die Amerikaner mit Schokolade bedankten. Nach dem Rückzug der Amerikaner im Juni 1945 kamen die Tschechoslowaken wieder nach Eisendorf und aufgrund der Benes-Dekrete wurde das gesamte bewegliche und unbewegliche bürgerliche Besitztum der deutschen Einwohner konfisziert, unter staatliche Verwaltung gestellt und 1946 folgte die Zwangsaussiedelung.

Nach Jahrzehnten der Trennung durch den "Eisernen Vorhang" erhielten die Vertriebenen erst mit der voranschreitenden Demokratisierung in Tschechien und 1990 mit der Öffnung des Grenzübergangs bei Eslarn die Möglichkeit zu einem Besuch ihrer ehemaligen Heimat. In den Jahren entwickelten sich zwischen Deutschen und Tschechen freundschaftliche Beziehungen, die durch gegenseitige Toleranz und Anerkennung weiter wuchs und zur Normalität überging. Beide Ländern rückten in die Mitte von Europas.

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