08.04.2019 - 15:25 Uhr
EslarnOberpfalz

Diskussionen über "Bauer unser"

Ein Film zeigt die Entwicklung der Landwirtschaft bis zur industriellen Agrarfabrik. Darauf folgt eine rege Diskussion. Doch kaum jemand möchte seine Aussagen in der Zeitung lesen.

von Karl ZieglerProfil

Der industrielle Gedanke "schneller, billiger und immer mehr" stellt die meisten Landwirte und Verbraucher auf eine harte Probe. Hierzu führte Kolping einen Film mit dem Titel "Bauer unser" vor. Die Idee zur Vorführung hatte Kolpingsmitglied und Landwirt Josef Rupprecht. Kolpingsvorsitzender Gregor Härtl begrüßte rund 40 Zuschauer zur Vorführung. In der Filmdokumentation, die von Helmut Grassers "AllegroFilm" produziert wurde, zeigte Regisseur Robert Schabus die Arbeit auf Bauernhöfen früher und heute. Herausfordernd stellte er die Frage: Hat die Landwirtschaft von Heute noch eine Zukunft? Der Filmemacher beleuchtet stellvertretend die Situation der Bauern in Österreich. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg hatte die Abwanderung vieler bäuerlicher Arbeitskräfte zur Folge. Um diesen Trend auszugleichen wurden Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt, körperlich anstrengende Tätigkeiten durch technische Hilfsmittel erleichtert und es kam zu einer intensiven Mechanisierung in der Landwirtschaft. Ein einzelner Landwirt konnte im Laufe der Zeit immer mehr Boden bewirtschaften und durch die Spezialisierung immer mehr Tiere halten. Vor allem in der Hühnerhaltung, der Rinder- und Schweinemast haben sich hoch technisierte Betriebe mit einer inzwischen regional relativ großen Zahl von Tieren pro Flächeneinheit entwickelt.

Nicht immer steht dabei das Tierwohl im Vordergrund. Die beachtlichen Produktionszuwächse mit steigenden Erträgen der Nutzpflanzen sind auch auf die neuen Saatgutsorten, Dünge- oder Pflanzenschutzmittel zurück zu führen. Die Tiere werden in kürzerer Zeit auf ihr Schlachtgewicht gemästet, legen immer mehr Eier oder geben immer mehr Milch. Durch die starke Mechanisierung kann ein Landwirt heute etwa 148 Menschen ernähren, 1950 waren es dagegen nur 10 und 1900 gerade mal 4. Die Anforderungen der modernen Konsumgesellschaft zwingen die Bauern, immer mehr und billiger zu produzieren. Darunter leidet nicht nur die Qualität der Lebensmittel, sondern auch der Berufsstand der Landwirte, für die sich die Arbeit kaum und wenn, nur durch Masse noch lohnt. Den dadurch entstehenden Verlust muss der Landwirt ausgleichen, um den fortlaufenden Bankkredit abzahlen zu können.

Zudem werden immer mehr Anbauflächen an Großbetriebe verpachtet. Kleinere Betriebe dagegen können sich die gestiegenen Pachtpreise nicht mehr leisten, müssen aufgeben oder ebenfalls mehr produzieren. Eine Abhängigkeit bestehe aber auch gegenüber den Konsumenten, die in den Regalen eine große Auswahl und dazu noch billige Ware vorfinden wollen. Im Film wurde die Jahresproduktion von Schweinen, Kühen, Schafen und Hühnern beleuchtet und auf die gewaltige Mengensteigerung in der EU hingewiesen. "Jeder möchte Fleisch auf dem Mittagstisch haben, aber keiner will diese Art von nicht tiergerechter Haltung und Schlachtung."

Vorgestellt wurden Kühe als Leistungsspritzen und das Halten von Tausenden an Hühnern in einem Raum. Der Landwirt mit herkömmlicher Haltung kann nicht mehr mithalten, steht am Leistungslimit und ist zur Erweiterung oder Aufgabe gezwungen. Momente der Hoffnung in der ländlichen Idylle bieten zunehmende Gemüsebauern, Bio-Tierhalter und Selbstvermarkter. Die Kühe im Stall hatten früher, teilweise auch heute noch in familiär geführten Landwirtschaften noch Namen und waren ein Teil der Bauernfamilie. In Großbetrieben erhält die "Lies" im System eine Nummer und wird nach dem Motto "immer mehr und immer schneller" zur leistungsstarken Milchkuh herangezüchtet. Immer öfter taucht unter Landwirten und Großagrarern der Gedanke auf: So kann und darf es nicht weitergehen. Viele Bauern hören auf, gehen in andere Berufe, die Höfe verfallen und Orte wirken leer. Im Film wird verdeutlicht, wie Wirtschaftspolitik und Gesellschaft immer öfter vor der Industrie kapitulieren. Selbst bei den Ausbildungen zum Landwirt scheinen bereits die Konzerne mitzuwirken.

"Es ist ernüchternd und erschreckend, wie wir von einer weltweiten Agrar- und Lebensmittelbande manipuliert werden", stellte dazu Bürgermeister Reiner Gäbl deutlich fest. Schade findet Gäbl, dass im Film die Konsequenzen durch die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen, die die Menschen in nächster Zukunft zu spüren bekommen, ausgeklammert wurden. In dem Zusammenhang weist er auf das Trinkwasser hin, das in wenigen Jahren wegen der unverantwortlichen Überdüngung und des dadurch vergifteten Grundwassers zu einem kostbaren Gut werden wird. Viele der anwesenden Landwirte und Verbraucher erhoben das Wort. Keiner wollte allerdings in der Zeitung namentlich genannt werden. So wurde die fehlende Lösung für die Probleme der Landwirtschaft im Film angesprochen. So gibt jeder den schwarzen Peter an andere weiter: Die EU sei schuld aufgrund der Abschaffung der Liefermengenbegrenzung am niedrigen Milchpreis, die Nachbarländer für den Preisverfall bei Schweinefleisch und der Verbraucher, der auf ständiger Verfügbarkeit vieler und billiger Lebensmittel setzt, verantwortlich für die niedrigen Kosten. Die Industrie schaut auf Gewinnmaximierung, der Verbraucher auf ständige Verfügbarkeit der Produkte und auf niedrige Preise und die Politik will sich nicht einmischen, weil Angebot und Nachfrage den Markt, sprich den Preis, regeln, so die Meinungen mancher Anwesenden. "Die meisten Menschen nehmen den bequemsten Weg, wenn sie die Wahl haben, und wenn die Politik nicht regulierend eingreift, wird sich nichts ändern", meinten andere. Allgemeines Resümee aus dem Film: Das System sorgt zwar für niedrige Lebensmittelpreise, dies aber auf Kosten einer immer stärker ausgebeuteten Natur und auf dem Rücken der Bauern, die wiederum viel Arbeit und aufgrund ständigen Investitionszwangs hohe Schulden haben. Wären da nicht die Subventionen, wären die Unkosten höher als die Einnahmen, meinte ein Koplingsmitglied.

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