06.12.2019 - 09:47 Uhr
EslarnOberpfalz

Markttreiben löst Stacheldraht ab

Die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) war ab 1951 mit einem zweireihiger Stacheldrahtzaun vollkommen abgeriegelt. Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang.

Ein zweireihiger Sicherungszaun verlief auf tschechischer Seite entlang der mit Wachtürmen gesäumten Grenze und die PS-Unterkunft in Zelezna wurde mit einem dritten Zaun gesichert.
von Karl ZieglerProfil

Zur Grenzsicherung patrouillierte nach dem Vorbild der sowjetischen Grenztruppen die Grenzwache „Pohranicni straz“ (PS) entlang der Grenze. Der Stacheldrahtzaun als Symbol des Kalten Kriegs wurde nach 1989 abgebaut und es folgten Einkaufs- und Tanktourismus, sowie vor allem eine Patenschaft zweier Nachbargemeinden und das Zusammenwachsen zweier Länder.

Als am 1. Oktober 1938 das Sudentenland dem Deutschen Reich angegliedert und die Zollstation aufgelöst wurde, war Eslarn einige Jahre kein Grenzort mehr. Mit dem Einmarsch in Polen am 1.9.1939 begann der Zweite Weltkrieg, der am 8. Mai 1945 nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete und auch im böhmischen Nachbarort Eisendorf zu Veränderungen führte.

Bereits einen Monat vorher hatten amerikanische Truppen den Ort Eisendorf ohne Gegenwehr besetzt. Nach dem Rückzug der Amerikaner im Juni 1945 kamen die Soldaten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) nach Eisendorf und aufgrund der Benes-Dekrete wurde das gesamte bewegliche und unbewegliche bürgerliche Besitztum der deutschen Einwohner konfisziert, unter staatliche Verwaltung gestellt und ab 1946 folgte die Zwangsaussiedelung der böhmischen Bevölkerung.

Vor der Grenzöffnung waren es die Soldaten und nach 1989 vor dem endgültigen Abbau der Sicherungsanlage die Zivilisten und Mütter mit einem Kinderwagen, die zwischen den beiden Zäunen patrouillierten.

Der kleine Grenzübergang am Ortsteil Tillyschanz wurde von den Behörden der ČSSR nur noch im Einzelfall zur Holzeinfuhr geöffnet. Während der Zeiten des Eisernen Vorhangs war der Grenzübergang Eslarn total geschlossen. 1946 begann mit der Streifentätigkeit entlang der Grenze die Geschichte der Grenzpolizei, die die Überwachung der "grünen Grenze" mit den amerikanischen Soldaten, dem Zoll und dem damalige Bundesgrenzschutz übernahm. In der Zeit keimten auch der Schmuggel, die nicht legalen Grenzübertritte und gewagte Fluchten. Die Machthaber der CSSR riegelten ab 1951 die Grenze in Form eines zweireihigen Zaunes zwischen der Bundesrepublik und Tschechoslowakei auf einer Gesamtlänge von 356 Kilometer gänzlich ab. Dazu wurde eine rund 20 Meter breite Schneise durch die Landschaft und Wälder geschlagen. Die mittlere Zaunreihe stand unter Strom und einige unübersichtlichen Teile der Grenze waren vermint. Vor dem Stacheldrahtzaun gab es einen sogenannten geeggten Spurenstreifen, den die Grenzwächter der „Pohranicni straz“ (PS) auf Fußspuren kontrollierten. Die patrouillierenden Soldaten waren direkt in Eisendorf in einer Kaserne untergebracht. Die PS-Unterkunft entstand direkt am Friedhof und Standort der Pfarrkirche, die vorher gesprengt wurde.

Im Bereich Eslarn flüchtete ein PS-Soldat, der seine Waffen an der Grenze deponiert hatte, nach Westen. Auch im Grenzregime der Tschechoslowakei existierte ein Schießbefehl, dem entlang der Grenze so mancher Flüchtling und Grenzgänger zum Opfer fiel. Den Grenzverlauf kontrollierten zusätzlich Helikopter und die noch im Grenzgebiet angesiedelte Bevölkerung wurde für Spitzeldienste gewonnen. Ab 1960 ersetzte man den mit Starkstrom abgeriegelten Grenzzaun mit einem elektronischen System und auch die Minen wurde beseitigt.

Der Umbruch im Osten 1989 mit der "samtenen Revolution" führte zur Liberalisierung auch zwischen Deutschland und Tschechien und zu einer gut nachbarschaftlichen Beziehung zwischen Eslarn und Bela nad Radbuzou (Weißensulz). Symbolcharakter hatte das Treffen der Außenminister Jiri Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher in der Nähe des Grenzübergangs Waidhaus, wo beide mit einem Bolzenschneider am 23. Dezember 1989 den Stacheldraht durchtrennten. Der oft wenig schmeichelhaft als "Hinterland" und „Ende der Welt“ bezeichnete Landstrich direkt an der Grenze stand plötzlich inmitten Europas im Fokus von Politik und Touristen. Die Schlagbäume öffneten sich am 17. Februar 1990 auch in Eslarn. Tausende Fußgänger und Radfahrer machten sich ohne Kontrolle auf ins "Böhmische". Im selben Jahr gründeten die beiden Nachbarorte Eslarn und Bela eine bis heute bestehende Patenschaft.

Am 1. Juli 1991 folgte die Öffnung des Grenzübergangs "Tillyschanz", aber zunächst nur für Fußgänger und Lenker von Zweirädern bis 50 Kubikzentimeter. Die Freigabe für den regionalen Grenzverkehr mit Autos folgte am 1. Oktober 1993 und mit der Erfüllung des Schengen-Standards und der EU-Osterweiterung fielen in der Nacht vom 20. auf 21. Dezember 2007 die Grenzkontrollen entlang der Tschechischen Grenze. Nach der Zeit mit Stacheldraht, Schießbefehl und Panzern folgte die Gegenwart mit Einkaufs- und Tanktourismus. Die Reisendenzahlen stiegen am Grenzübergang Tillyschanz von Jahr zu Jahr und die Grenzpolizei zählte in den ersten zehn Jahren jährlich über drei Millionen Personen und über eine Million Fahrzeuge. Heute führen zahlreiche Rad/Wanderwege zur Tillyschanz und weiter nach Tschechien.

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