26.07.2018 - 16:17 Uhr
Oberpfalz

Fescher Italiener mit grauen Schläfen

Trotz ein paar Retuschen in jüngster Zeit merkt man dem Maserati Grancabrio an, dass es aus dem letzten Jahrzehnt stammt. Das kann auch von Vorteil sein.

Sommerfreuden im Maserati
von Michael Ascherl Kontakt Profil

Beginnen wir mit Zahlen. Jede für sich ein Stich im Autoquartett: 4,7 Liter Hubraum, 8 Zylinder, 460 PS, Preis des hier zu sehenden Testwagens: 174 900 Euro. Unter der langen Haube: Ein Motor, der von Ferrari kommt und genau so klingt. Gierig nach Drehzahlen, linear in der Kraftentfaltung und durstig im Verbrauch. Der Maserati, der mit geschlossenem Dach Gran Coupé heißt, duckt sich tief auf die Straße, gerade so, als wolle er sie wegschnupfen mit seiner "Sharknose", wo der traditionelle Dreizack prangt. Pininfarina ist zweifellos ein großer, weil zeitloser Wurf gelungen. Das Centro Stile in Turin ist im letzten Jahr behutsam drübergegangen, hat an der Front ein wenig gefeilt, die Lufteinlässe verändert - immer mit großem Respekt vor dem Meister. Fürs 2018er Modell spendierte Maserati der Reihe einen 8,4 Zoll großen Bildschirm und ein Harman-Kardon-Soundsystem, eine Rückfahrkamera und ein Infotainment-System, das Smartphones gut integriert - inklusive deren digitaler Assistenten, in unserem Apple-Fall Siri.

Auf Assistenten fürs Fahren verzichtet der Maserati weitgehend; er bietet weder Abstandsradar noch Spurhalter, und auch ein Start-Stopp-System ist nicht an Bord. Startknopf? Nein, Zündschloss geht auch. Das Verdeck öffnet sich - auch bei langsamer Fahrt - in 23 Sekunden und braucht viel Platz im Kofferraum, der sich wirklich nur für ganz kleines Gepäck eignet. Die Mütze ist aus gut gedämmtem Stoff, sieht zwar schick aus, hat uns beim Schließen nach kurzer Offenfahrt aber damit überrascht, dass sie einen Schwall Wasser, der sich bei einem nächtlichen Gewitterguss irgendwo in den Tiefen der Mechanik angesammelt hatte, ins Fahrzeuginnere gekippt hat. Erfrischend.

Wie in der Boxengasse

All dies schafft es nicht, die Freude an dieser höchst exklusiven Form der Fortbewegung zu trüben. Wer die Sportabgasanlage ordert und diese über die enstprechende Taste vor dem Automatikhebel aktiviert, der entfacht ein Klangerlebnis, das an eine flotte Durchfahrt mehrerer Formel-1-Boliden durch die Boxengasse erinnert. Für den Spurt auf 100 km/h nimmt sich der getestete MC (Maserati Corse) die Kleinigkeit von 4,9 Sekunden Zeit; die Spitze ist mit 291 angegeben. Für hervorragende Verzögerungswerte sorgt die Brembo-Bremsanlage in Monoblockbauweise mit titanfarbenen Aluminiumsätteln. Den Anspruch des Maserati in der Liga der Sportwagen mitzuspielen, unterstreichen Details wie die schwarz glänzenden 20-Zöller, das selbst sperrende mechanische Hinterachsdifferenzial, das Sport-Set-Up, das neben Motor-Sound auch Gangwechsel, Gasannahme, Stabilitätsprogramm und Bremskraftverteilung schärft. Ferner an Bord: Motorschleppmomentregleung MSR und Traktionskontrolle ASR. Carbon innen und außen und das schöne Leder von Poltrona Frau runden den hochwertigen Eindruck ab.

Das Temperament stimmt

Die Anordnung der Schalter und Hebel - die riesigen Carbon-Schaltpaddel hinter dem recht großen Volant nehmen wir aus - zeigt allerdings, dass dem Wagen auch dort eine beherztere Überarbeitung gut täte. Aber: Dieses Cabrio hat das Zeug zum Klassiker, ja zum Sammlerobjekt für Superreiche. Frei saugende, hoch drehende Motoren wird es vermutlich nicht mehr lange geben. Wer schon alles hat und einen heißblütigen offenen Italiener mit Platz für vier sucht, findet ihn nicht nur bei Ferrari. Die Lust am Cabrio-Fahren freilich, gibt's anderswo günstiger und perfekter umgesetzt. Letztlich aber geht es um Nuancen und den persönlichen Geschmack.Der schicke Italiener hat graue Schläfen bekommen und - wissen wir es nicht alle? - das macht ihn nur noch interessanter.

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