25.05.2021 - 10:49 Uhr
FlossOberpfalz

Von Ehrenbürgern und Hausierern in Floß

Obwohl Juden um 1845 rund 20 Prozent der Flosser Bevölkerung ausmachten, hatten sie mit Misstrauen zu kämpfen. Dennoch verlieh der Markt seine allererste Ehrenbürgerwürde an einen Juden. Teil 2 unserer Serie zum jüdischen Leben in Floß.

Die später enteignete und abgerissene Polierglasfabrik der Flosser Familie Steinhardt in Altenhammer, hier eine Aufnahme um 1919, ist ein Beispiel für das erfolgreiche Fußfassen bayerischer und böhmischer Juden in der Glasindustrie in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende.
von Redaktion ONETZProfil

Von Renate Höpfinger

1896 starb der letzte Flosser Rabbiner Israel Wittelshöfer in Fürth. Er hatte, hoch angesehen und als erster Ehrenbürger 1893 von der Marktgemeinde Floß mit dieser Auszeichnung gwürdigt, in seiner Gemeinde 56 Jahre lang gewirkt. Er hatte auch die Juden, die sich seit Beginn der 1870er Jahre in Weiden niederließen, bis zur Gründung einer eigenen Kultusgemeinde 1896 als Filiale der Flosser Judengemeinde mitbetreut.

Bereits seit 1851 war er zudem für die Kultusgemeinde in Sulzbach, 1872 auch für Amberg verantwortlich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehörten zu seinem Seelsorgebereich ferner Familien aus Cham, Erbendorf, Tirschenreuth, Mitterteich, Waldsassen, Waidhaus, Kemnath, Windischeschenbach, Teunz, Schönsee und Frankenreuth. 1902 umfasste die Flosser Kultusgemeinde 39 männliche Mitglieder, davon 10 in Floß ansässige und 29 auswärtige. Nach Wittelshöfers Tod wurde die Flosser Kultusgemeinde zunächst vom Bayreuther Rabbiner, anschließend, bis zu ihrer Auflösung 1937, vom Regensburger Rabbiner mitbetreut.

Die landesherrlichen Schutzbriefe aus dem Spätmittelalter, die den Juden die Ansiedlung ermöglichten, beschränkten die Berufstätigkeit der Flosser Juden auf den Handel. Landwirtschaft oder Handwerk war ihnen verboten. Sie widmeten sich im 18. Jahrhundert überwiegend dem in- und ausländischen Wander- und Hausierhandel, hauptsächlich mit Textilien, Wolle, Leder und sogenannten Kramereiartikeln.

Beziehungen nach Böhmen

Größere Bedeutung hatte dabei der Handel nach Böhmen. In dem wirtschaftlich schwachen Raum um Floß entstand bald großer Konkurrenzdruck innerhalb der jüdischen Gemeinde wie auch zu den christlichen Zünften, was schnell zu Spannungen im Verhältnis zur Marktgemeinde führte.

Die im 19. Jahrhundert einsetzenden staatlichen Bemühungen zur Berufsumschichtung blieben daher weitgehend erfolglos. Nur wenige Juden konnten in Floß ein Handwerk ausüben. Sie gaben jedoch nun allmählich den Hausierhandel auf, eröffneten Geschäfte auf dem Judenberg, stiegen über den Glashandel in die Spiegelglasproduktion ein und brachten es gegen Ende des Jahrhunderts zu Wohlstand und Ansehen.

Die jüdische Siedlung auf dem Flosser Judenberg unterstand ausschließlich der Rechtsprechung der Pfalz-Sulzbachischen Regierungsbehörde in dem acht Wegstunden entfernten Sulzbach. Sie war vom Markt völlig getrennt, so dass die Flosser Juden nicht nur eine eigenständige religiöse Gemeinde, sondern auch eine politisch autonome Gemeinde bildeten, die durch eigene Gemeindeorgane, Vorsteher und Deputierte, repräsentiert und verwaltet wurde. Als 1819 die bayerische Regierung diese Selbstverwaltung aufhob und die jüdische Gemeinde dem Markt einverleibte, begrüßten die Flosser Juden dies lebhaft. Nicht so die Regenten der Marktgemeinde, die die Aufnahme der Juden strikt verweigerte.

Einzige politische Judengemeinde

Die unnachgiebige Haltung des Marktes zwang die bayerische Regierung schließlich zum Einlenken. Sie musste 1824 die Verschmelzung der politischen Gemeinden wieder aufheben, so dass sich in Floß der Sonderfall der einzigen politischen jüdischen Gemeinde in Bayern bildete, die etwa eine eigene Feuerwehr unterhalten musste. Die Flosser Juden empfanden dies schmerzlich als Zurücksetzung und kämpften lange vergeblich um ihre Eingemeindung, die erst 1870 zustande kam.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Verhältnis zwischen Juden und Marktgemeinde merklich entspannt. Der wirtschaftliche Erfolg der wenigen in Floß verbliebenen Juden ging mit einem enormen sozialen Aufstieg einher und führte in der Zeit des Kaiserreichs zu einer weitgehender Integration. So traten die Juden als Mitglieder in viele Flosser Vereine ein, wurden auch zu Vorsitzenden gewählt und stiegen zu Honoratioren auf. Doch der Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg und der Aufstieg Hitlers zerschlugen dieses Miteinander brutal.

Teil 1 der Serie Jüdisches Leben in Floß

Floss
Die Serie:

Jüdisches Leben in Floß

Floß gehört zu den bekanntesten jüdischen Gemeinden Bayerns. Zum 1700-jährigen Jubiläum des jüdischen Lebens in Deutschland beleuchtet Oberpfalz-Medien dies näher. Basis ist die Doktorarbeit von Renate Höpfinger. Die aus Konnersreuth stammende Historikerin hat die Geschichte der Flosser Juden 1648 bis 1942 erforscht. (phs)

 

 

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