06.06.2021 - 10:09 Uhr
FlossOberpfalz

Das Ende der jüdischen Gemeinde von Floß

1942 macht der Holocaust 258 Jahre Judentum in Floß schlagartig zunichte. Die damit verbundenen Schicksale erzählt der vierte und letzte Teil unserer Serie zu jüdischem Leben in Floß.

Ernst Ansbacher auf dem Weidener Bahnhof 1942. Der Zug, der ihn wenig später aus der Stadt bringen wird, bringt den einst angesehenen Textilkaufmann und Träger des Eisernen Kreuzes aus Floß zur Deportation über München ins Lager Paiski bei Lublin.
von Redaktion ONETZProfil

Von Renate Höpfinger und Friedrich Peterhans

Das gewaltsame Ende der traditionsreichen Flosser Judengemeinde war am 2. April 1942 gekommen, als die beiden letzten jüdischen Ehepaare deportiert wurden. Durch Aus- und Abwanderung vor allem der jungen Flosser Juden, die fast alle höhere Schulen besucht hatten und nicht mehr in die kleine Landgemeinde zurückkehrten, hatte sich die Zahl der Gemeindemitglieder bis zum Dritten Reich schon so reduziert, dass ein natürliches Ende der Gemeinde abzusehen war.

1921 musste die jüdische Schule wegen Schülermangels geschlossen werden und seit 1928 konnte die Gemeinde keinen Minjan, die für den Gottesdienst notwendige Zahl von zehn männlichen Gemeindemitgliedern mehr bilden.

Von heute auf morgen verschleppt

Von 1933 bis 1942 lebten insgesamt 27 Juden in Floß, von denen 15 auswandern konnten, 2 verstarben in Floß und 6 zogen in andere Orte. Ein Teil der Ausgewanderten sowie die Weggezogenen waren auch an ihrem neuen Wohnort nicht sicher. Sie wurden von den Nazis eingeholt und kamen auf grausame Weise ums Leben. Von den Überlebenden kehrte keiner nach Floß zurück.

Wie plötzlich die Vernichtungsmaschine der Nazis die Gemeinde überrollte, stellte Fred Lehner, der spätere Bürgermeister, als Elfjähriger buchstäblich am eigenen Leib fest. Er erinnert sich:

"Ich kam Anfang April l942 zur Erstkommunion. Wenige Tage vorher hatte ich noch keinen Kommunionanzug. Meine Mutter Paula stand kurz vor der Geburt ihres elften Kindes, meiner Schwester Liesbeth. Sie schickte meine älteste Schwester Emmi und mich in das Geschäft zu Textilhändler Hugo Wilmersdörfer auf dem Judenberg. Emmi ließ mir einen passenden Anzug anprobieren, den wir auch mitnehmen durften.

Rückkehr als Displaced Persons

Unsere Mutter konnte uns beiden kein Geld mitgeben. Hugo Wilmersdörfer machte das nichts aus und sagte: Ich weiß, wenn Paula wieder auf den Beinen ist, wird sie den Anzug bezahlen. Dazu kam es nie. Zwei Tage später wurde das Ehepaar Karoline und Hugo Wilmersdörfer verschleppt. Sie kamen im Lager Theresienstadt ums Leben."

Nach Kriegsende lebten für wenige Jahre noch einmal Juden in Floß. Sie waren den Vernichtungslagern entronnen und warteten als "Displaced Persons" auf die Auswanderung in die USA oder nach Palästina/Israel. Die etwa 90 Juden, die sich von 1945 bis 1948/49 in Floß aufhielten, bildeten eine Kultusgemeinde, richteten sich im Wohnhaus eines der deportierten jüdischen Ehepaare einen Betsaal ein und gründeten auf einem beschlagnahmten Bauernhof im Ortsteil Boxdorf einen Kibbuz, um sich die in Vorbereitung ihres künftigen Lebens in Palästina notwendigen landwirtschaftlichen Kenntnisse anzueignen.

Nur ein einziger von ihnen, Oskar Rosenberg, ließ sich in Floß nieder, heiratete die gebürtige Flosserin Else Schnappauf, und gründete eine Familie. 1956 verließ aber auch er die Marktgemeinde und zog nach München. Nur wenige Monate nach seinem 100. Geburtstag verstarb er dort.

In den Nachkriegsjahren besuchten die gebürtigen Flosser Juden Norbert Steinhardt (emigriert nach Großbritannien), Erna Löbstein, geborene Steinhardt (Israel), Julia Greiffenhagen, geborene Steinhardt (New York), und Ludwig David Bloch (New York) ihren einstigen Heimatort und die Gräber ihrer Eltern auf dem Judenfriedhof an der Flossenbürger Straße.

So lange sie lebten, pflegte Fred Lehner mit ihnen eine Freundschaft und regen Briefkontakt.

Alle Teile der Serie zum jüdischen Leben in Floß

Floss
Das hellblaue Anwesen auf dem Flosser Judenberg ist das einstige Wilmersdörfer-Haus. Die Besitzerfamilie wurde im April 1942 deportiert und ermordet.
Der Hof am Ortseingang von Boxdorf war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeitweise beschlagnahmt. Überlebenden Juden diente er zeitweise als Kibbuz, in dem sie landwirtschaftliche Fertigkeiten übten, die sie nach einer Auswanderung brauchen konnten.
Die Serie:

Jüdisches Leben in Floß

Floß gehört zu den bekanntesten jüdischen Gemeinden Bayerns. Zum 1700-jährigen Jubiläum jüdischen Lebens in Deutschland beleuchtet Oberpfalz-Medien dies näher. Basis ist die Doktorarbeit von Renate Höpfinger. Die aus Konnersreuth stammende Historikerin hat die Geschichte der Flosser Juden 1648 bis 1942 erforscht. (phs)

 

 

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