06.06.2021 - 13:59 Uhr
FlossOberpfalz

Die Fichtls – die Türmer zu Floß

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Noch im letzten Jahrhundert kam den Türmern eine bedeutende Rolle im Gemeinde- und Stadtgeschehen zu. Auch Floß hatte bis 1938 einen Türmer. Nach den Fichtls übernahm Karl Kett hoch droben im evangelischen Kirchturm.

Oberhalb der Schalllöcher der Glocken (ovale Öffnungen ) im Kirchturm der evangelischen Pfarrkirche St. Johannes Baptista befand sich die Wohnung des Türmers. Sie wurde zuletzt bis 1938 von der neunköpfigen Familie Karl und Maria Kett bewohnt.
von Fred LehnerProfil

Ein Stück Heimatgeschichte schlägt der Bildband „Glockenschlag und Hörnerklang – Türmer in der Oberpfalz" von Dr. Barbara Polaczek auf. Er enthält die Feststellung von Dominicus Mettenleiter, welch große Bedeutung die Musik bei der Arbeit eines Türmers von Beginn an hatte und im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder bekam. Die Musikgeschichte von Floß behandelt zum Beispiel ausschließlich die Leistungen der Türmer.

Auch der Flosser Chronist, Oberlehrer Leonhard Bär, befasste sich in seiner Ortschronik, die anlässlich des Heimatfestes 1926 unter dem Titel „ Der Markt Floß in Vergangenheit und Gegenwart" erschien, mit den Türmern von Floß. Er schreibt: „Eine besondere Rolle spielt in Floß der Turm der alten Pfarrkirche (heute: evangelische Pfarrkirche St. Johannes Baptista). Auf diesem besorgt nämlich der Türmer (Musikmeister) mit seinen Gehilfen noch in unserer Zeit das „Abblasen" von Liedern und anderen Musikstücken religiöser und weltlicher Art in den Morgenstunden der Sonntage beziehungsweise um 11 Uhr an einem Wochentage. An Feiertagen bietet derselbe den Einwohnern zu dem Mittagsmahle überdies vorzügliche Parademusik.

Türmer warnt vor Feuer

In alter Zeit wurden vom Turm aus auch alle Kindstaufen und Hochzeiten angeblasen. Über den Glocken befinden sich die Wohnung des Feuerwächters und darunter die Marktuhr. Bis zum große Brand im Jahre 1813 stand ein eigener Blas- oder Wachturm am protestantischen Pfarrhaus (im Hofraum), auf dem ein Bürger nebst einem Türmergehilfen (Musiker ) oder einem Lehrling wohnte. Er musste Tag und Nacht wachen und ausgebrochenes Feuer sogleich durch Lärm und Anschlagen an die Glocken melden.

Es gab nach Dominicus Mettenleiter 1867 eine Melodie aus Floß, das „ Abblasen der Festtage und Sonntage – a due corni". Besonders beliebt war das Musizieren zum Neuen Jahr nach 12 Uhr, am ersten Oster- und Pfingsttag früh 4 Uhr und abends 6 Uhr. Außerdem besteht noch ein Abblasen derjenigen Festtage und Sonntage, welches vom 1. Mai bis zum 1. Oktober fallen, morgens um 4 Uhr erfolgte.

Mettenleiter erwähnt für das Jahr 1703 einen G. Fichtl mit dem Hinweis: „Sämtliche Türmer scheinen sehr gute Musiker gewesen zu sein; wenigstens genießen sie großes Lob". Er war beim Türmermeister Johann Adam Mutschler als Geselle beschäftigt, ebenso sein Sohn Johann Georg, der Mutschler im Amt nachfolgte. Dieser Johann Georg bekam Probleme mit der Obrigkeit, weil er mit seinem neunjährigen Sohn und seiner Tochter aufspielte. Wegen dieses Türmers brannte übrigens am 10. Januar 1723 der Flosser Kirchturm. Der Brandherd befand sich ausgerechnet in der Türmerwohnung selbst, das Feuer ging vom Ofen aus.

Mettenleiter führt acht verschiedene Fichtls auf, seit 1703 bis zu seinem Zeitgenossen Johann, von dem er nach eigenen Angaben auch Kompositionen besaß. Der letzte Türmer der Familie Fichtl war Georg Erhard (1870 – 1939), der 1905 als Obermusikmeister nach Floß kam. Sein Onkel Johann hatte ihm den Posten als Nachfolger empfohlen, da dies eine sichere Stelle sei. Erhard war am Würzburger Konservatorium ausgebildet worden, diente als Oboist beim 9. Infanterie-Regiment ebendort und war danach Konzertmeister in Kaiserslautern und am alten Leipziger Stadttheater, heißt es in der Chronik.

Mit Empfehlung von Max Reger

Seine Bewerbung wurde vom Weidener Komponisten Max Reger unterstützt, der ihm am 20. April 1905 folgende Bestätigung ausschrieb: „Herr Erhardt Fichtl ist nach meiner Meinung sehr wohl dazu geeignet, den Posten als Thürmer zu Floß in durchweg zufriedenstellender Weise zu versehen. Der König-Georg-Marsch, den er mir sandte, beweist, dass er all jene Kenntnisse theoretischer Art, die zu einer solchen Stellung benötigt sind, in gründlicher Weise erworben hat. Ich kann Herrn Erhardt Fichtl als Thürmer zu Floß warm empfehlen. Ergebenst Max Reger".

Erhard Fichtl war sich der Türmertradition in Floß wohl bewusst. Er komponierte auch das „Silberhütten-Lied". Den Text schrieb Heimatdichter Heinz Schauwecker. Übrigens mussten die Türmer nicht unbedingt auf dem Turm wohnen. Da von vielen an ihrem Arbeitsplatz ein Wohnhaus nachgewiesen ist, begaben sie sich also nur zur Arbeit auf dem Turm. Die Fichtls hatten im eigenen Wohnhaus in der Vohenstraußer Straße ihr festes Zuhause. Dort war auch die private Musikschule untergebracht. Obermusikmeister Erhard Fichtl verstarb am 9. April 1939 in Floß. Das Geschlecht der Fichtls in Floß wurde damit ausgelöscht.

Die Türmerwohnung im Kirchturm der evangelischen Pfarrkirche St. Johannes Baptista wurde bis zum Jahre 1938 von den Eheleuten Karl und Maria Kett mit ihren sieben Kindern bewohnt. Karl Kett war Gemeindearbeiter und übte gleichzeitig und bis zuletzt das Amt des Türmers aus.

Bis in die 1950er Jahre wurde das Turmblasen auf dem Kirchturm durch Sepp Lehner, Gustl Schopper, Sepp Gerstl und Fritz Sommer, alles Musiker der früheren Kapelle Fichtl, später mit Franz Heindl, Hans Meier, Fritz Löw, Hans Wirth, Fritz Sommer und Hans Sommer aufrecht erhalten. Dem Evangelischen Posaunenchor gereicht es zur besonderen Ehre, dass sie Jahr für Jahr in der Silvesternacht auf den Kirchturm steigen und die Tradition aufrechterhalten.

Bis weit in die 50er Jahre wurde auch das „Blaskornsammeln" im Flosser Land weitergeführt. Gustl Schopper und Paula Lehner (Ehefrau von Bürgermeister Josef Lehner) fuhren zuletzt mit dem Motorrad aufs Land und erbaten Weizen und Korn als Dankbarkeit für das jährliche Turmblasen.

Die „ Kapelle Fichtl" unter Leitung von Obermusikmeister Erhard Fichtl ( sitzend Fünfter von links ) war weit in der Region bekannt. Sie übernahm bis in die 1950er Jahre das Turmblasen.

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