22.02.2019 - 14:03 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Die Geschichte einer Taschenuhr

Um halb sechs blieb die Uhr stehen. Sie gehörte Rudolf Semmler, der sie bei seiner Ankunft im KZ Flossenbürg 1941 abgeben musste. Nun gelangt die Taschenuhr in die Oberpfalz zurück.

Die silberglänzende Taschenuhr war vermutlich schon bei Rudolf Semmlers Ankunft in Flossenbürg defekt.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

"Das ist ungewöhnlich", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte. Seine Kollegin Annabelle Lienhart nimmt am Freitag die Taschenuhr von Ramona Bräu entgegen. Bräu arbeitet für den "International Tracing Service" (ITS) in Bad Arolsen (Hessen). Die Mitarbeiter dieser Einrichtung versuchen, Schmuck, Uhren, Fotos oder andere Gegenstände, die KZ-Häftlingen bei der Ankunft in einem Konzentrationslager sofort abgenommen wurden, an ihre Familien zurückzugeben. Normalerweise nehmen Angehörige wiedergefundene Wert- und Alltagsgegenstände gerne als Erinnerungsstücke an. Im Fall von Rudolf Semmlers Uhr entschied sich dessen Enkel dafür, dass die Uhr in Flossenbürg aufbewahrt werden soll. Bräu: "Warum Semmlers Familie sie nicht wollte, wissen wir nicht."

"Über Rudolf Semmler wissen wir leider nicht sehr viel", bedauert Lienhart. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte. Semmler wurde im Oktober 1941 von der Kripo in Wien als Vorbeugehäftling in das Konzentrationslager Flossenbürg überstellt. Bei der Ankunft wurden ihm alle Habseligkeiten abgenommen, darunter "1 Uhr mit Kette, def.", wie auf einem Dokument notiert ist. Wahrscheinlich sei die Taschenuhr schon kaputt gewesen, als sie Semmler in Flossenbürg abgenommen worden war, vermutet Lienhart. Bräu hat von der Effektenkarte eine Kopie mitgebracht, das Original bleibt in Bad Arolsen.

Am 5. August 1942 kam Semmler ins KZ Neuengamme bei Hamburg. Letzter Nachweis über den Mann Ende 1945: "Er war drei Monate in Haft in Hamburg", sagt Lienhart. "Er hat überlebt, aber wir wissen nichts weiter über ihn."

"Es geht uns um die Nähe zur Person, nicht um den Wert der Effekte", sagt Skriebeleit. "Er kommt mit einer kaputten Uhr hier an, hinten steht ARI drauf." Da würden sich Fragen zur Geschichte der Effekte stellen: Was bedeutet ARI? Hat die Uhr einmal funktioniert? War sie schon kaputt, als sie in Semmlers Besitz gelangte? Stellte sie einen Talisman für ihn dar? Wollte er sie ins KZ mitnehmen, weil er dachte, er könnte die Taschenuhr für etwas eintauschen, was sein Überleben gesichert hätte?

Lienhart wird die Uhr nun erfassen und inventarisieren. Dann gelangt sie in das Depot der Gedenkstätte, wo sich andere Besitztümer der Häftlinge befinden. Skriebeleit könne sich vorstellen, dass sie einmal ausgestellt wird.

Schon die Alliierten hätten versucht, die Gegenstände der KZ-Häftlinge, die ihnen die SS-Leute abgenommen haben, zurückzugeben, erinnert Bräu. Heute hat die ITS diese Aufgabe. "Wir sind da relativ erfolgreich", berichtet Bräu. Von 260 Effekten hat die ITS die Besitzer oder ihre Nachfahren ausmachen können. Gerade versucht die Historikerin, einen Liebesbrief zurückzugeben. Recht zuversichtlich sei die stellvertretende Leiterin der Abteilung Tracing bei diesem Fall jedoch nicht. Versuchen wird es Ramona Bräu trotzdem: "Wir sind nur Treuhänder."

Ramona Bräu (Mitte) vom „International Tracing Service“ übergibt eine Taschenuhr an Annabelle Lienhart und Jörg Skriebeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Die Uhr gehörte dem KZ-Häftling Rudolf Semmler.
Der "International Tracing Sercive":

Im Archiv des „International Tracing Service“ (ITS) in Bad Arolsen in Hessen lagern 3200 Effekte. Das sind die Habseligkeiten, die KZ-Häftlinge während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern abgeben mussten. Meist handelt es sich um Dinge, die ihnen wichtig waren, „das ist das, was man im Herzen trägt“ – oder im Portemonnaie, erläutert Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Vor allem Schmuck, Briefe oder Fotos gehören dazu, aber auch Gebrauchsgegenstände wie Kämme und Rasiermesser.

Die Geschichte des ITS reicht bis 1943 zurück, als das Britische Rote Kreuz ein Zentrales Suchbüro einrichtete. Der ITS versucht, die ehemaligen Besitzer der Effekten oder ihre Familien ausfindig zu machen. Fotos der Gegenstände sind im Internet veröffentlicht, berichtet Ramona Bräu, stellvertretende Leiterin der Abteilung Tracing. Die Kampagne „Stolen Memory“ können Interessierte unterstützen und bei der Suche mithelfen.

Zum ITS

Zur Kampagne "Stolen Memory"

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