Fast auf den Tag genau, als die SS vor 86 Jahren ihre Firma Deutsche Erd- und Steinwerke (DESt) gründete, für die der Granitsteinbruch am Wurmstein eine Art Vorzeigebetrieb war, kehrt dieses Gelände zu seinen geschichtlichen Wurzeln zurück. Es wird Teil der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Am 31. März endete nach Jahrzehnten der Pachtvertrag zwischen den Granitwerken Baumann und den Bayerischen Staatsforsten als Eigentümer. Mit dem Gesteinsabbau ist es ab sofort vorbei. Ab 1. April soll dort nach einem Beschluss des Bayerischen Ministerrats ein Erinnerungsort auf circa 20 Hektar entstehen.
Für Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit geht damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, den er von ehemaligen KZ-Gefangenen und ihren Angehörigen übernommen hat. Er versucht im gleichen Atemzug dem Eindruck vorzubeugen, dass sich der Steinbruch nun in eine Art Freilichtmuseum verwandelt. Seine Idee: „Das Gelände muss eigentlich immer ein unfertiger Denkraum sein, der den Besuchern die Möglichkeit zu weiterer Beschäftigung mit der Geschichte gibt.“
Dazu nennt er konkrete Beispiele. So wolle die Architektur-Fakultät der OTH Regensburg dort Seminare veranstalten. Umgesetzt werde nichts davon, aber die Anfrage zeige, was als Denkraum möglich sei. An der OTH Regensburg ist unter anderem das Friedrich-Mielke-Institut für Skalalogie angesiedelt, benannt nach einem 2018 verstorbenen Professor, der als Pionier der Treppenbaukunde (Skalalogie) gilt. Für die Forscher dieses Instituts ist die berüchtigte Häftlingstreppe, die am exemplarischsten den Leidensweg der Zwangsarbeiter im Steinbruch symbolisiert, besonders interessant. Hand anlegen werden sie dort jedoch nicht.
Skriebeleit und seine Mitarbeiter erkennen nun Möglichkeiten, an die sie zunächst gar nicht gedacht haben. So ist ein Pilotprojekt mit der Universität Regensburg im Gespräch. Dort forschen Neuropsychologinnen und -psychologen dran, was die Wahrnehmung von Räumen und Landschaften mit dem Inneren des Menschen macht. Dazu werden unter anderem Hirnströme gemessen.
Ein Teilbereich der Forschungen befasst sich mit historischen Landschaften wie der KZ-Gedenkstätte samt Steinbruch. „Das ist auch, was wir wollen“, sagt Skriebeleit. „Wir wollen in keiner Blase arbeiten, sondern konkrete Anwendungsfelder erschließen, wir wollen Erinnerungsort und Forschungsort sein.“ Nicht zuletzt deshalb ist einer der Hauptredner beim Gedenktag zur Befreiung des Lagers am 21. April der Regensburger Unipräsident Udo Hebel.
Für die Öffentlichkeit am ehesten sichtbar werden die neuen Zuständigkeiten am DESt-Gebäude gleich am Eingang des Steinbruchs. Die Gedenkstätte hat darauf bereits seit Jahren Zugriff und dachte erst daran, es komplett zu einem Ausstellungszentrum mit Seminarräumen umzubauen. Davon ist sie abgekommen, erklärt Skriebeleit. „Wir wollen es nicht kaputtsanieren“, betont er, obwohl sich mit 8,6 Millionen Euro von Bund und Land für die Neukonzeption des Hauses schon einiges anstellen lässt.
Teil der Ortsgeschichte
Die Wissenschaftler sehen das Gebäude als Teil der Ortsgeschichte und wollen es Flossenbürg nicht entfremden. Erst SS-Verwaltung, dann Vertriebenendomizil, in den 1950er Jahren Wirtshaus und später Teil des Osti-Steinbruchs – all diese Etappen haben sich in den Baukörper eingekerbt. Das soll nicht weggeglättet werden. „Wir haben in den vergangenen Jahren gemerkt, dass das Haus eine hohe Anziehungskraft hat. Dazu haben uns Veranstaltungen wie eine Ausstellung des Fotoclubs Flossenbürg die Augen geöffnet.“ Daher ist der Plan aktuell, den Bau mit unterschiedlichsten Veranstaltungen zu bespielen. Das kann im Sommer schon mal eine Kino-Reihe sein, erklärt Skriebeleit. Filme wie „The Zone of interest“ über das Familienleben des Auschwitzkommandanten in unmittelbarer Nachbarschaft zur Massenmordfabrik würden dabei ganz gut passen.
Die Burg im Weltbild der SS
Vor allem der Bezug zum Ort Flossenbürg soll nicht verloren gehen. Dem Gedenkstättenleiter schwebt eine Schau mit Ansichten der Burg vor. „Wir sammeln so etwas seit Jahren, vom zeitgenössischen Bild des Hobbymalers über eine Häftlingszeichnung auf Butterbrotpapier bis zum historischen Aquarell.“
Warum? „Das DESt-Gebäude schaut bewusst stolz in die Landschaft mit Blickachse zur Burg, die die SS als sichtbaren Markstein völkisch erhöht hat. Die SS wollte damit zeigen, dass sie vor Ort am 1000-jährigen Reich mitbaut.“ Um diesen Blick nachvollziehbar zu machen, ließ die Gedenkstätte ein paar wenige Bäume am DESt-Gebäude fällen. Die Neukonzeption des Steinbruchs ist auf viele Jahre angelegt. Zeitnah will die Gedenkstätte jedoch ein Gutachten in Auftrag geben, ob und in welcher Form sich ein Übernachtungshaus in einem der ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Steinbruchs betreiben ließe. Die stehen bis 2025 aber unter der Verwaltung der Immobiliengesellschaft Bayern (Imbi).
Bleibt die Frage, was mit den Hinterlassenschaften des Granitabbaus geschieht, etwa dem Abraum. Bei einem Großteil des Steinbruch-Areals handelt es sich um ein Bodendenkmal. Von der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt Neustadt/WN ist dazu kaum etwas zu erfahren. „Im Anschluss sollen Rekultivierungsmaßnahmen erfolgen. Deren genaue Ausgestaltung befindet sich noch in Klärung“, heißt es auf Anfrage. Damit ist auch die Frage offen, wer dafür zahlt – der bisherige Steinbruchpächter oder der Staat?
Das Befreiungswochenende vom 19. bis 21. April
- Hintergrund ist der 79. Jahrestag der Befreiung des KZ am 23. April 1945 durch amerikanische Truppen
- Teilnehmer sind ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg und seiner rund 90 Außenlager sowie ihre Angehörigen aus rund einem Dutzend Länder
- Während des Wochenendes Rundgänge durch das Steinbruch-Gelände mit Besichtigung des DESt-Gebäudes
- Zelt der Begegnung an allen drei Tagen zum gegenseitigen Austausch, für Fragen zu Archiv und Forschung
- Eröffnung einer Wanderausstellung zu italienischen Gefangenen des Transportzugs 81 von Bozen nach Flossenbürg 1944
- Ökumenischer Gottesdienst und jüdisches Kaddisch mit Totengedenken
- Feierlicher Gedenkakt zur Befreiung und Kranzniederlegung im Tal des Todes. Redner sind unter anderem Bayerns Finanzminister Albert Füracker, Karl Freller als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten sowie Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg





















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.