18.06.2021 - 09:16 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

KZ-Gedenkstätte schickt Ausstellung auf Wanderschaft

Wenn Gedenkstättenarbeit nach dem Tod des letzten Inhaftierten Sinn haben soll, muss sie hinausgehen über die Erinnerung an Lager-Grauen. Eine Ausstellung versucht genau das. Ohne Beschönigung.

Kurator Jan Švimberský erläutert Konzept und Inhalt der Ausstellung. Er sagt: „So tragisch die Schicksale sind, so schön ist die Ausstellung geworden.“
von Gabi EichlProfil

Die von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg konzipierte Wanderausstellung „Heute ein Heiliger, morgen ein Schweinehund!“ wäre vor über einem Jahr schon in Prag eröffnet worden, wäre nicht eine Pandemie dazwischen gekommen. Nun wird sie von der Gedenkstätte aus auf Wanderschaft geschickt, bis zum 7. November ist sie erst einmal in Flossenbürg zu sehen.

Opferrolle nicht Mittelpunkt

Es geht um 15 tschechoslowakische Biographien, die eine einzige Gemeinsamkeit haben: Die 13 Männer und 2 Frauen waren alle in Flossenbürg eingesperrt. Die Ausstellung stellt aber bewusst diese eine Gemeinsamkeit nicht in den Mittelpunkt. Es geht nicht um die Opferrolle der Porträtierten, es geht um die Darstellung eines Lebens, zu dem auch Jahre der KZ-Haft gehören. Für einen der Porträtierten gab es allerdings nur das Leben vor Flossenbürg: Der schillernde Künstler und Journalist Fritz Seemann starb 1942 im Lager, nur wenige Monate nach seiner Verhaftung.

Skriebeleit zitiert Stofferl Well, den Jüngsten der legendären Biermösl-Blosn, der wenige Stunden vorher für eine Reportage auf dem Gelände war: „Man merkt von Anfang an, dass es da um Menschen geht.“ Genau das habe auch die Macher der Ausstellung geleitet.

An der Ausstellung hat ein junges Team von Mitarbeitern der Gedenkstätte zwei Jahre lang gearbeitet, koordiniert von Jan Švimberský und Annette Kraus, beide Grenzgänger zwischen Deutschland und Tschechien. Die Bemühungen, einen Zugang zu den tschechoslowakischen Häftlingen zu finden, reicht aber schon sehr viel weiter zurück, wie der Gedenkstätten-Leiter Jörg Skriebeleit sagt. Gleichzeitig habe die Arbeit an der Ausstellung eine Fülle an neuen Kontakten gebracht; sie sei jetzt schon für eine Vielzahl von großen und kleinen Orten in Tschechien und der Slowakei gebucht, was bedeute, „die Ausstellung ist nicht fertig, sie wird eine weitere Geschichte haben“.

Der Titel der Ausstellung „Heute ein Heiliger, morgen ein Schweinehund!“ entstammt einem Gedicht des Schriftstellers und Satirikers Karel Havlíček Borovský, aus dem einer der Porträtierten, der mährische Bauer Randomir Faltýnek, 2012 bei der Verleihung eines hohen militärischen Ordens zitierte.

Der Kurator Jan Švimberský sagt dazu, Faltýnek habe damit auf das allzu schnelle Auf und Ab des Lebens hinweisen wollen. Der kleine Bauer sei erst für den Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft geehrt und nur wenige Jahre später Opfer der Landwirtschaftspolitik der Kommunisten geworden.

Dekan Karlhermann Schötz vom Förderverein der Gedenkstätte erinnert an Begegnungen mit dem 2012 verstorbenen Miloš Volf, dem eines der 15 Porträts gewidmet ist. Dessen Ziel sei immer die Versöhnung zwischen den Völkern gewesen. „Eine Ausstellung wie diese hätte den Miloš wahnsinnig gefreut“, sagt Schötz.

Schrift von František Štorm

Die Ausstellung ist mit großer Liebe zum Detail konzipiert. Für die graphische Gestaltung der Ausstellungstafeln wie des Ausstellungskatalogs zum Beispiel hat Susanne Asenkerschbaumer die Schriftfamilie Vida gewählt, die der Designer František Štorm 2006 für das tschechische Fernsehen gestaltet hat. Das hat den Hintergrund, dass die tschechischen Sonderzeichen in den bekannten Schriftarten aussähen, als gehörten sie nicht dazu, sagt Asenkerschbaumer. Und diesen Eindruck habe man vermeiden wollen bei einer Ausstellung, bei der Tschechisch als Leitsprache gewählt wurde.

Einen Schritt weiter

Flossenbürg
Hintergrund:

Organisatorisches zur Ausstellung

  • Wegen der weiterhin geltenden Beschränkungen durch die Corona-Pandemie kann die Ausstellung nur nach Voranmeldung besucht werden.
  • Interessierte können ab sofort bis zum 7. November über www.gedenkstätte-flossenbürg.de ein Ticket für die Ausstellung buchen
  • Das Ticket ist nur für die gebuchte Einlasszeit gültig und berechtigt ausschließlich zum Besuch des gewählten Angebots

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.