Eine Matrosin bei der Bundeswehr kämpft sich durch den Freihölser Wald

Bleischwere Beine und mit dem Klappspaten eine Stellung schaufeln: Zehn Rekruten leisten derzeit ein Übungslager bei ihrer Grundausbildung der Bundeswehr in der Schweppermannkaserne ab. Eine Matrosin aus Niederbayern ist auch dabei.

Lena Frank (Mitte) absolviert auf dem Übungsplatz bei Freihöls ein Übungslager im Zuge ihrer Grundausbildung bei der Bundeswehr. Die Matrosin kommt gebürtig aus Niederbayern.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

In der Luft liegt ein Geruch von gelöschtem Brennholz, ab und an ist ein lauter Knall vom Truppenübungsplatz der US-Amerikaner aus Grafenwöhr zu hören, ansonsten sieht dieser Nadelwald aus wie jeder x-beliebige. Fichtenbaum reiht sich an Fichtenbaum, am Boden gedeiht weiches Moos, trockene Äste knacken beim Laufen. Das Wäldchen ist nicht besonders dicht bewachsen. Für zehn Rekruten der Schweppermannkaserne ist das Gelände des Übungsplatzes Freihöls zwischen Amberg und Schafhof in den kommenden Tagen und Nächten aber das politisch bedrängte und militärisch unterlegene Clementia, das seine Nato-Partner um Hilfe gegen den Nachbarstaat Livor gebeten hat. Kriegerische Szenen und eine militärische Bedrohung vor den Toren der Vilsstadt?

"Ja", sagt Bundeswehr-Leutnant sowie Zugführer Nick Kemmler und lacht. Den jungen Leuten, die seit rund sechs Wochen bei der Bundeswehr dabei sind, sollen die Grundlagen so realistisch wie möglich beigebracht werden. Übernachten im Biwak, eine Stellung beziehen, das Marschieren mit dem schweren Rucksack und auch, wie man sich selbst vor einem Angriff schützt. Die Geschichte der fiktiven Insel soll den jungen Soldaten dazu die Lage verdeutlichen. In den kommenden Tagen erwartet die zehn Rekruten noch einiges mehr.

Eine Matrosin im Wald

Einer der Neuankömmlinge ist Lena Frank aus Deggendorf. Die 25-Jährige ist Matrosin und hat sich für zwei Jahre als Soldatin auf Zeit gemeldet. Danach will sie nicht auf der Donau schippern, erklärt sie mit einem schelmischen Grinsen. „Ich möchte im Karriereberatungscenter der Bundeswehr in Deggendorf arbeiten.“ Für den Posten müsse man bei der Marine sein.

Die junge Matrosin Lena Frank in ihrer offiziellen Uniform der Marine.

Am Vortag marschierte die Niederbayerin mit ihren Kameraden die rund sechs Kilometer von der Kaserne hierher ins Grüne. Auf dem Rücken ließ der rund 20 Kilogramm wuchtige Rucksack die Beine bleischwer werden. Auf den Köpfen trugen die Kameraden mit Zweigen getarnte Helme, die Gesichter mit grüner Farbe bemalt, und auf dem Rucksack selbst war der Schlafsack gebunden. Noch dazu gingen sie in Schützenreihe, also in Formation, in der man recht langsam vorwärtskommt, um immer die Augen für den Feind offen zu haben. "Wir haben immer damit gerechnet, dass wir angegriffen werden oder ein Verwundeter vorbeikommt, dem wir eine Trage bauen müssen." Doch Glück gehabt. Lena Frank und die Kameraden kamen ohne Zwischenfälle dort an, wo sie am folgenden Tag ihr Lager und die Stellungen aufbauen wollen.

Die erste Nacht hat sie mit einem Kameraden im Zelt schließlich hinter sich gebracht. "Ein bisschen frisch war es." Von morgens 4 bis 5 Uhr hielt sie Wache am Lagerfeuer, das am sogenannten Platz der Gruppe, wo sich die Rekruten ihr Biwak im Kreis aufgestellt haben und gemeinsam essen, loderte. Um 5.30 Uhr war auch für den Rest der Mannschaft Schluss mit schlafen und Zeit zum Aufstehen: Nach einem kurzen Waschgang mit kaltem Wasser sollten die jungen Soldaten zum ersten Mal eine Stellung bauen.

Mit einem Klappspaten hebt Lena Frank eine Stellung im Freihölser Übungsplatz aus.

Dazu hoben sie mit Klappspaten eine Kuhle aus und drapierten Zweige und Moos drumherum. Alles, um sich der Umgebung anzupassen. Und tatsächlich: Vom Schotterweg aus, also von feindlicher Seite her, ist nicht zu erkennen, dass sich in den Mulden Soldaten verstecken können. Später werden sich die Rekruten hier bäuchlings hineinlegen, das Sturmgewehr G36 auf einem Sandsack auflegen und sich von ihrem Ausbilder erklären zu lassen, bis wohin und in welchem Winkel sie schießen dürfen und müssen.

An die Grenzen gehen

Frank muss als Erste die vierte Stellung beziehen. Es ist ihr beim Hinlegen deutlich anzusehen, dass sie durch den Helm und die verschiedenen Taschen, in denen unter anderem Munition, eine Trinkflasche, Schießbrille und ABC-Schutzmaske stecken, in der Bewegung eingeschränkt ist. „Ein Unterschied zwischen Mann und Frau wird hier nicht gemacht.“ Die Grundausbildung habe sie „voll unterschätzt“, erklärt die junge Frau, die ab 2014 als Krankenschwester im Klinikum von Passau gearbeitet hat. „Meine Ausbildung zur Krankenschwester war schon hart, hier gehe ich aber an eine ganz andere Grenze.“ Vor allem körperlich sei das kaum zu vergleichen. „Dabei steckt schon in meinem Rucksack so wenig wie möglich“, grinst sie.

Schon während der Zeit im Krankenhaus habe sie immer die Idee im Kopf gehabt, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten, erzählt sie. "Spontan ist mir die Bundeswehr eingefallen." Nach einem positiven Einstellungstest sei schon kurze Zeit später die Zusage in den Briefkasten geflattert. "Wenn die Bundeswehr etwas für mich ist, dann probiere ich das." Hier entfalte sie völlig neue Gedanken. "Was wir hier machen, erweitert auf jeden Fall meinen Geist", sagt sie. Insgesamt dauert die Grundausbildung drei Monate, "und jeder Tag wird intensiver, hat uns der Ausbilder gewarnt".

Für Zugführer Nick Kemmler ist es die fünfte Ausbildung dieser Art. Viermal im Jahr - sommers wie winters - werden hier Rekruten in den Grundlagen gebildet. Bei zweistelligen Minusgraden sei es "eine harte Angelegenheit" dort draußen, erzählt der Soldat, der seit Februar 2018 in der Schweppermannkaserne arbeitet. Vielleicht braucht es in der Persönlichkeit einen "mittleren Lattentreffer", sagt er lachend. "Mir macht es Spaß. Andere zahlen schließlich dafür, um so etwas zu erleben." Außerdem mag er, dass er oft an der frischen Luft ist.

Auftrag für die 1. Kompanie des Logistikbataillons 472

In diesen Tagen in Freihöls wird Kemmler von zwei Gruppenführern sowie einem Mannschaftssoldaten unterstützt. Einer der Soldaten lässt die Rekruten das Bild am sogenannten Sandkasten abzeichnen. In einem Viereck zeigen kleine Steine, wie die Gegend aussieht: Wie verlaufen Wege? Wie groß ist ein Waldstück? "Das ist wichtig, um nach einer Aufklärung genau sagen zu können, wo man etwas beobachtet hat", erklärt Kemmler. Später müssen die Rekruten auch am sogenannten Alarmposten, einer Stellung, die gleich zu Beginn gebaut wird und von der aus Soldaten die eigene Truppe bei Gefahr alarmieren, noch einmal eine Skizze anfertigen. Hier diktiert der Ausbilder Lena Frank und ihren Kameraden unter anderem, welche Lage und welchen Auftrag sie sich korrekt zu notieren haben. Fiktive "livorische Aktivisten" aus der Region Hof/Bayreuth hätten Sabotage- und Ausspähversuche unternommen. "Die Versorgungsstraße Mars ist unbrauchbar gemacht worden." Daher laute der Auftrag für die 1. Kompanie des Logistikbataillons 472, eine Sicherungskompanie zu bilden und den Raum für eigene Kräfte zu sichern. "Jupiter ist die einzig verbliebene Versorgungsstraße", die es jetzt zu schützen gelte.

Apropos schützen: Als Leutnant Kemmler am Platz der Gruppe vorbeimarschiert, bemerkt er, dass die Tarnung des Gruppenplatzes noch verbesserungswürdig sei. "Je länger die Soldaten an einem Ort sind, umso mehr tarnen sie das Lager mit Grün." Jetzt stecken nur dünne Zweige an dem Zäunchen, das den runden Treffpunkt markiert. "Das muss noch dichter werden", sagt er.

Am Platz der Gruppe wird gegessen und abends auch mal über Privates gesprochen.

Privates am Lagerfeuer

Über der in der tiefen Mulde angelegten Feuerstelle schweben nochmals Zweige von Nadelbäumen. "Das ist ein Rauchfang. Er soll verhindern, dass Qualm möglicherweise die Gruppe an den Feind verrät." So hätten die Rekruten auch gelernt, dass es nicht so klug ist, nasses Holz zu verschüren. Am Platz der Gruppe essen die jungen Soldaten aber im Übrigen nicht nur. Hier verbringen sie die Abende in einem Übungslager am Lagerfeuer. Zum Aufwärmen mit einem heißen Becher Tee, wie Lena Frank sagt. Leutnant Kemmler weiß aber auch: "Abends sitzen wir Ausbilder mit den Rekruten am Feuer zusammen. Da geht es um den zurückliegenden Tag, was man bei der Bundeswehr erreichen kann und manchmal auch um Privates." Gerade das würden die jungen Soldaten nach der Schinderei besonders genießen.

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