26.02.2019 - 17:21 Uhr
FreihungOberpfalz

"Bleierne Zeiten" in der Oberpfalz

Ein Grubenfeld in Freihung/Vilseck ist für das 15. Jahrhundert belegt. Später fördern "Reiches Gestüb" und "Rubenzech". Und auch das Dritte Reich will ran an die Bodenschätze.

Die ehemaligen Fabrikanlagen der „Bavarian Mining“ vor dem Brand 1890.
von Externer BeitragProfil

Der Landkreis Amberg-Sulzbach ist bekannt für seine Eisenerzvorkommen. Heute beschränkt sich die einzige bergmännische Gewinnung auf Kaolin. Doch wer weiß schon von einstigem Bergbau auf Kohle, Farberde und Blei in unserer Region? So befindet sich im Raum Freihung/Vilseck die größte Bleierzlagerstätte Deutschlands.

Erstmals hören wir 1427 von einem 14 Hektar großen Grubenfeld. Ein Bergmeister, Andreas Mann, beschrieb im Jahr 1612 60 Zechen und 20 ins Freie gefallene, vor 200 bis 300 Jahren ausgebeutete Grubenfelder. Wir unterscheiden zwischen vier Abbau-Perioden: die erste Periode, die der Auffindung, dem Einsetzen des "Berggeschreis", mit ersten Abbauversuchen bis etwa 1500. So wird von dem neu angelegten Kunstteich für die Erzwäsche berichtet. Die erste Erwähnung beruht vermutlich auf das beginnende Interesse der Regierenden am Bleierzbergbau.

Die zweite Periode mit der spätmittelalterlichen Hoch-Zeit reicht von etwa 1500 bis 1650. Kurfürst Friedrich II. übertrug den Bergwerken bei Ödenried, Schwaderweiher und Tanzfleck die Bergfreiheiten. Diese regelten Rechte und Pflichten der Bergleute wie Erlass aller Abgaben für vier Jahre bei Aufwältigung einer Grube, die dann folgenden Lasten, das Verhalten, wenn Gold, Silber oder Kupfer als Begleitmineral gefunden werden sollten, die Modalitäten der Beteiligung an einem Bergwerk und weiteres. Auch waren die Bergleute vom Militärdienst befreit.

Gewonnen wurden etwa 100 bis 160 Tonnen Blei im Jahr. Um 1600 begann man mit der Planung eines Erbstollens, eines Stollens, der alle Gruben verbindet und der gemeinsamen Entwässerung dient. Der Erfolg war mäßig, der Niedergang zeichnete sich ab. So erstellte Herzog August von Sulzbach einen Fragenkatalog. Der Bergmeister hatte Rechenschaft abzulegen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Vergebens.

Zechennamen wie "Reiches Gestüb", "Samson", "Rubenzech", "Lettenzech" und "Pfaffenzech" lassen auf Verbindungen zum Harzer Bergbau schließen. Wie auch im Eisenerzbergbau kamen Steiger und Bergmeister großteils aus den klassischen Bergbauregionen Harz und Erzgebirge. Größtes Problem war, wie auch beim Eisenerz, das Wasser. So konnte der Abbau nur bis maximal 12 bis 14 Lachter (zirka 25 Meter) Teufe (bergmännischer Ausdruck für Tiefe) erfolgen. Die Verhüttung des Bleierzes erfolgte vor Ort in mit Holzkohle beschickten Schmelzöfen. Der Verkauf geschah durch sogenannte "Verleger", meist aus Nürnberg. Diese Verleger finanzierten den Abbau vor. Der Gewerke (Betreiber des Bergwerks) geriet in ein ungutes Abhängigkeitsverhältnis.

Ein oft strittiges Kuriosum war das auf drei Länder aufgeteilte Grubenfeld, gehörend der Kurpfalz, dem Bamberger Bischof mit Vilseck und Pfalz-Sulzbach. Am Dreiländereck, am Blauenneuschacht in Freihung, trafen die drei Gebietsgrenzen aufeinander. Rechts der Straße, von Vilseck kommend, befanden sich einst eine Pochhütte, das Oberpfälzische Wirtshaus (beide Kurpfalz), eine Mühle (Pfalz-Sulzbach) und, links der Straße, das Bambergische Wirtshaus.

Die dritte Periode, die Zeit zwischen 1800 und 1900, begann mit der Spekulation verschiedener am Bergbau interessierter Kreise. Bergrechte wurden verliehen, Gruben aufgewältigt, mit bescheidener Förderung begonnen. Erst 1877, als die "Bavarian Lead Mining Co. Ltd." als neuer Betreiber auftrat, begann mit Anschaffung einer Dampfmaschine, von Druckpumpen, Fördermaschinen und dem Bau einer neuen Schmelzhütte die industrielle Ära. In der Grube "Vesuv" wurden drei Schächte bis zu einer Teufe von fast 100 Metern aufgewältigt, bis zu 450 Arbeitskräfte über und unter Tage beschäftigt, von 1880 bis 1889 rund 18 400 Tonnen Bleierz gefördert und allein 1889 2000 Tonnen Weichblei und 260 Kilo Silber gewonnen. Die schlechte Beschaffenheit des Erzes und der Verfall der Weltmarktpreise für Blei führten nun zur Stilllegung der Grube. Das Unternehmen ging in Konkurs. Wenige Monate später brannten die über Tage liegenden Werksanlagen ab. Ein Neuanfang um 1900 scheiterte am Grubenwasser.

Die vierte Periode begann 1934. Das Dritte Reich wollte autark sein, zur "Belebung der bayerischen Ostmark" wurde die Wiederaufnahme des Bergbaus angeregt. Lagerstätten-Untersuchungen erfolgten von 1937 bis 1945. Ein Schacht sollte bis auf 140 Meter Teufe niedergebracht, 1200 Meter Strecken mit Querschlägen aufgewältigt werden. Den Erzvorrat bis in 100 Meter Teufe schätzten Gutachter auf 2,85 Millionen Tonnen, die Roherzförderung setzten sie auf 150 000 Jato (Jahrestonnen), über und unter Tage wurden bis zu 50 Personen beschäftigt. Das Unternehmen galt als kriegswichtig, Bergleute waren vom Kriegsdienst freigestellt. Am 20. April 1945 besetzten die Amerikaner die Werksanlagen, der Betrieb ruhte, Anlieger und "Displaced Persons" plünderten das Betriebsmaterial. Unter Führung der BHS begann 1952 das staatliche Bohrprogramm. Niedergebrachte Bohrungen bis 778 Meter Teufe erbrachten einen Bleigehalt bis zu 4,9 Prozent. Das Ergebnis: Nicht zuletzt wegen der stark versetzten Lagerstätte und des niedrigen Weltmarktpreises für Blei sei ein wirtschaftlicher Abbau nicht gewährleistet.

Die ehemalige Schmelzhütte, nach dem Konkurs der „Bavarian Mining“ genutzt von der „Terranova“.
Die von Kurfürst Friedrich V. 1619 erlassene Bergordnung.
Der Förderturm des 1943 aufgewältigten Schachtes.
Führung:

Sand, Blei und „Freiheit“

Freihung. (nd) Eine Führung unter dem Titel „Geschichten von Sand, Blei und ,Freiheit’“ bietet die AOVE in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule des Landkreises Amberg-Sulzbach am Sonntag, 24. März, von 13.15 bis 16.30 Uhr an. Treffpunkt ist in Freihung am Parkplatz gegenüber des Friedhofs (Kirchstraße 10).

Die Teilnahme kostet sieben Euro, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Leitung hat Dr. Angela Wirsing.

Zu den Autoren: :

„Die Geschichte des Freihunger Bleierzbergbaus“, niedergeschrieben von Dipl.-Geologin Dr. Angela Wirsing und Kreisheimatpfleger Dieter Dörner, kann im heimatkundlichen Periodikum „Der Eisengau“, Band 39 (ISBN 978-3-9814672-4-6), auf 184 zahlreich bebilderten Seiten nachgelesen werden. Für 9,20 Euro ist er zu beziehen im Buchhandel oder per E-Mail an geschichtsnetzwerk.oberpfalz[at]gmx[dot]de. (exb)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.