29.06.2021 - 11:39 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Das Bewusstsein für Menschenrechte, Lieferketten und Produktionsbedingungen schärfen

„Wie viele Sklaven halte ich mir eigentlich?“ Mit dieser herausfordernden Frage beschäftigte sich die Kolpingsfamilie Friedenfels.

Die Kolpingsfamilie Friedenfels bot nach 16 Monaten Pause wieder einen Vortrag an. Friedrich Wölfl (Bild) stellte dabei auch provokante Fragen.
von Bernhard SchultesProfil

Der Vorsitzende der Kolpingsfamilie Friedenfels, Reiner Gärtner, freute sich bei der Begrüßung „nach 16 Monaten Pause, endlich wieder einen Vortragsabend anbieten zu können“. Unter den Teilnehmern im Vereinslokal „Goldener Engel“ waren auch Präses Pater Joseph und der Geschäftsstellenleiter der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Tirschenreuth, Hans Stelzl. Den Blick auf den täglichen Frühstückstisch nutzte Referent Friedrich Wölfl als Einstieg: Orangensaft, Kaffee, Schokocreme, bereit liegen schon Handy und Autoschlüssel. An wenigen Beispielen veranschaulichte Wölfl Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und Arbeitsbedingungen in aller Welt.

Die Antwort auf die provokante Frage, wie viele Sklaven sich jeder von uns hält, setze Wissen um die Lieferketten voraus, meinte der Referent: Kakaobohnen aus Westafrika, Orangen aus Brasilien, Kaffee aus Süd- und Mittelamerika, Coltan für Akkus und Elektronik aus Afrika, T-Shirts aus Asien. Das „Ausquetschen“ von Zulieferern führe in vielen Ländern zu sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen. Es fehle an Standards bei Löhnen und sozialer Absicherung. Es gelten die „Gesetze des Marktes“, so Friedrich Wölfl. Ohne Folgen bleibe die Missachtung von Menschenrechten. "Die Folgen sind Kinderarbeit ebenso wie Zwangsarbeit, wohnungslose Wanderarbeiter ebenso wie Menschenhandel, Armut ebenso wie Hunger, geringe Lebenserwartung oder Fluchtbewegungen."

Es gehe ihm nicht darum, fuhr Friedrich Wölfl in seinem Vortrag fort, Mitleid, Betroffenheit oder Gewissensbisse zu erzeugen, vielmehr um Kenntnisse über hochkomplexe Zusammenhänge und um Einsichten. Dass sie nicht sofort zu verändertem Verhalten führten, habe die Verhaltensökonomik gut erforscht. Man sollte aber doch um die Mechanismen auf den globalen Märkten Bescheid wissen, "aber auch um die Verdrängungsmechanismen, die wir - falls wir uns dazu Gedanken machen - in unseren Köpfen gerne in Gang setzen". Fair-Trade-Artikel und faire Lieferketten nähmen zu, machten aber dennoch auf dem Markt nur einen verschwindenden Anteil aus.

Friedrich Wölfl fragte an anderer Stelle: „Kann das aktuell verabschiedete Lieferkettengesetz eine Lösung sein?“ In der sich anschließenden lebhaften Diskussion blieben mehrere Besucher skeptisch. Aber immerhin könnte die verlangte Sorgfaltspflicht bei Unternehmen und Konsumenten ein stärkeres Bewusstsein von den Zusammenhängen fördern, so das Fazit. Kontrovers diskutiert wurde auch die Chance, über die sowieso bei uns schwierig zu erreichenden Verhaltensänderungen sklavenähnliche Verhältnisse zu verändern. Ergänzend brachte Pater Joseph ein, ob nicht über die Förderung von Genossenschaften, Erzeugerkooperationen und Mikrokrediten in Afrika und Asien langfristig dort ein fairer Markt ermöglicht würde: Neben staatlichen Regelungen könnten Produktionsmöglichkeiten, Handel und Gewerbe und Konsum vor Ort sklavenähnliche Verhältnisse verringern helfen.

 

 

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